Blick in die Zukunft? Ein schwarz-grüner Roman

  • In seinem „Dorfroman“ erzählt Christoph Peters von einer Jugend in den Siebzigerjahren.
  • Es war eine Zeit, als Bürgerliche und Protestierende erbittert über Atomkraft stritten.
  • Beschreibt der Autor da den Vorläufer einer möglichen schwarz-grünen Regierungspolitik?
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Christoph Peters zählt zu den Freundlichen im Land, so viel kann man sagen. „Sagen Sie einfach, was gut passt“, schreibt der Schriftsteller, der zufällig in der Nachbarschaft wohnt, via E-Mail auf die Bitte um ein Gespräch. „Ich kann auch bei Ihnen vorbeikommen. Oder wir ziehen uns ganz warm an und setzen uns auf ne Bank.“ So kommt es coronabedingt tatsächlich. Mehr als eine Stunde lang sitzen wir bei leichtem Schneetreiben hinter dem Wasserturm in Berlin-Prenzlauer Berg. Der Wind weht, und er weht bei etwa null Grad unangenehm kalt.

Peters – 54 Jahre alt, verheiratet mit der Autorin Veronika Peters und Vater einer bald 18-jährigen Tochter – trägt einen etwas antiquiert wirkenden Mantel und schaut listig unter einem Hut hervor. Im vergangenen Jahr ist sein wunderbares Buch mit dem unprätentiösen Titel „Dorfroman“ erschienen. Der Roman lässt sich in gewisser Weise auch als Vorschein jener schwarz-grünen Regierung interpretieren, die Deutschland nach der Bundestagswahl im Herbst womöglich bekommen wird. Der Autor jedenfalls scheint diese Interpretation für nicht ganz abwegig zu halten.

Der sogenannte Schnelle Brüter ist eine umkämpfte Zone

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Der „Dorfroman“ beschreibt die Verhältnisse in einem Dorf am Niederrhein, in dessen unmittelbarer Nähe ein Atomkraftwerk gebaut werden soll – der sogenannte Schnelle Brüter, der einst das war, was heute der Dannenröder Forst ist: eine umkämpfte Zone. Der Vater des jugendlichen Helden sitzt im Kirchenvorstand der örtlichen katholischen Gemeinde und plädiert für jedermann sichtbar für den Verkauf von kircheneigenem Land, auf dem der Schnelle Brüter errichtet werden soll. Der Sohn, der noch zur Schule geht und in seiner Freizeit Schmetterlingen nachjagt, kommt mit unwesentlich älteren Protestierenden in Berührung, die sich dem Projekt aus ökologischen Gründen in den Weg stellen. Dabei lernt er Juliane kennen und lieben – eine innerlich zerrissene junge Frau vom Typ Joan Baez mit einem autoritären „alten Herrn“ und einem fatalen Hang zu Drogen.

Die Individualisierung des Teenagers geschieht, indem er sich vom bürgerlichen Elternhaus ab- und den unbürgerlichen Demonstranten zuwendet. Dabei spielt der Roman, der sich leicht liest, kunstvoll auf drei Zeitebenen: der des Kindes, der des Jugendlichen und der des Erwachsenen, der längst von zu Hause ausgezogen ist und nun bei den alt gewordenen Eltern zu Besuch ist. Am Rande geht es dabei auch um das Schicksal der Freundin von damals, über die es auf fünfeinhalb Zeilen beiläufig heißt: „Ende Januar wurde Juliane – das, was von ihr übrig war – gefunden. Kurz hinter der holländischen Grenze. Molenwijk heißt der Ort. Ich bin nie dort gewesen. Sie hatte sich unterhalb der Wasseroberfläche in einem Weidenzaun verfangen, der weit in den Fluss hineinreichte, damit die Rinder bei niedrigen Pegelständen nicht wegliefen.“

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Eine genaue Skizze der Siebziger- und Achtzigerjahre

Die Sympathien des Helden scheinen zu mäandern. In seinen Jugendjahren steht er den links-ökologischen Protestlern nahe, wobei das Wertegerüst der katholischen Eltern deutliche Spuren hinterlassen hat. 30 Jahre später fällt der liebevolle Blick des Sohnes auf die noch lebenden Eltern, während die am Ende in ihrem Wesen unkenntliche Juliane längst tot ist. Auch wenn die Haltung zweideutig bleibt: Der grüne Sohn wird beschrieben als das, was er ist: Fleisch vom Fleische derer, die ihn zur Welt brachten.

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Nebenher gelingt Peters eine genaue Skizze der Siebziger- und Achtzigerjahre in den Provinzen des alten Westens: mit überschaubaren Nachbarschaften aus Nähe und Distanz, Fernsehserien, die schon allein mangels Alternative jeder sah und jeder kannte, sowie verklemmter Sexualität. Die Generation der Babyboomer wird sich darin erinnerungsselig wiedererkennen.

„Halb linksextrem, halb basis-christlich“

Wer dem echten Christoph Peters begegnet, der merkt schnell, dass er mit dem Helden seines Buches nicht identisch ist. Zwar stammt Peters aus einem seinerzeit 400-köpfigen Dorf namens Hönnepel, das heute Ortsteil von Kalkar ist. Auch trieb er sich – „halb linksextrem, halb basis-christlich“ – in jenem „Melkstall“ herum, der den atomkraftkritischen Protestlern seines Romans zur Heimstatt geworden ist. Autobiografisch ist auch, dass der Vater im Kirchenvorstand für den Schnellen Brüter kämpfte und die aus der Großstadt zugezogene Mutter in Hönnepel stets ein bisschen fremd blieb. Beide leben übrigens noch – der Vater mit 88, die Mutter mit 87 Jahren –, nun bei Peters‘ Schwester in Leverkusen.

Nur war der Sohn anders als im Buch nicht immer zu Hause, sondern besuchte vom zehnten bis zum 19. Lebensjahr ein streng geführtes katholisches Internat, 20 Kilometer entfernt. „Man konnte dort saufen, und man konnte Kunst machen. Ich habe mich für Kunst machen entschieden.“ Aus der katholischen Kirche ist er längst ausgetreten – weil ihm deren Lehre nicht mehr einleuchtete. Peters fühlt sich „heute eher in einem Melkstall-Milieu“ zu Hause, „aber im künstlerischen Bereich“ und mit einer Verbindung zum Spirituellen.

Gehört zu den Freundlichen im Land: der Schriftsteller Christoph Peters. © Quelle: Markus Decker

Überhaupt ist sein Lebensweg brüchiger und seine Sicht auf die Welt ironisch-distanzierter als die seiner Romanfigur. So arbeitete der Schriftsteller nach seinem Kunststudium fünf Jahre lang halbtags als Fluggastkontrolleur am Flughafen Frankfurt/Main, durchsuchte Taschen, tastete Reisende ab. „Wie öde!“, könnte man denken. „Ich fand’s super“, sagt Peters. Der Job war damals noch Teil des öffentlichen Dienstes, entsprechend gut bezahlt und die ökonomische Basis fürs Kunstmachen im Nebenberuf. Er erlebte überdies bekannte Zeitgenossen – Roland Berger, Johannes Rau, Tony Marshall, ganze Mannschaften aus der ersten Fußball-Bundesliga. „Man lernt viel über Menschen, und man lernt viel über sich“, sagt der Mittfünfziger über jene Zeit. „Aggressive Leute, ängstliche Leute, Leute, die gerade schweren Abschiedsschmerz haben“ – gutes Anschauungsmaterial für lebendige Literatur.

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Peters sagt wie ehedem daheim „schäbbig“ und nicht schäbig.

Und während der Teenager im Roman moralisierend gegen den Vater aufbegehrt, gibt sein Schöpfer der eigenen real existierenden Tochter bisweilen schwungvoll Kontra, etwa bei der Genderisierung von Sprache, die „stilistisch gesehen meistens nicht geht“. Entsprechend liefert er auf der Bank hinterm Wasserturm allerlei Beispiele, wann die Verwendung des Wortes „Schätzchen“ aus seiner Sicht okay ist und wann nicht. Über die Bedeutung entscheide nämlich der Kontext. „Man braucht schäbbige Wörter, auch die machen den Reichtum der Sprache aus“, sagt Peters und lacht. Ja, er sagt wie ehedem daheim „schäbbig“ und nicht schäbig.

Es stimme schon, sagt der Spross von CDU-Wählern, er habe überwiegend Grün (und manchmal SPD) gewählt, finde Angela Merkel „ziemlich überzeugend“, Schwarz-Grün „interessant“ und sehe „die Bewahrung der Schöpfung als Aufgabe“. Doch er sei „nicht für den verpflichtenden vegetarischen Freitag in Kantinen“. Generell ist der Autor der Ansicht, dass man „nicht nur identitätspolitische Angebote und allgemeines Gutmenschentum, sondern auch die Sozialbindung des Kapitals wieder stärker in den Mittelpunkt rücken“ sollte, und fährt fort: „Mir fehlt da was, wenn ich die schwarz-grüne Option sehe. Und ich finde es zu wenig, wenn die eine oder andere Flussbegradigung nicht stattfindet.“ Nein, er ist kein Politiker und möchte auch keiner werden, sondern betont vielmehr: „Das Schöne am Romanschreiben ist, dass ich nicht entscheiden muss, wer recht hat.“

Der hochgradig produktive und mehrfach preisgekrönte Peters, der nach eigenen Worten ein „Newsjunkie“ ist und dessen „Dorfroman“ schwarz-grüner wirkt als er selbst, arbeitet schon am nächsten Buch – einer Geschichte über einen politischen Journalisten, die Wolfgang Koeppens Roman „Das Treibhaus“ aus dem Jahr 1953 entlehnt ist.

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Christoph Peters: „Dorfroman“. Luchterhand Literaturverlag, 416 Seiten, 22 Euro.

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