Blackbox Corona-Herbst

  • Datenchaos in Deutschland: Niemand kann mit Gewissheit sagen, wie viele Menschen in Deutschland gegen das Coronavirus geimpft sind.
  • Auch die Inzidenz ist ungenauer denn je.
  • Und zu Impfdurchbrüchen gibt es ebenfalls keine verlässlichen Daten.
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Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

noch vor wenigen Monaten hätte die Republik bei diesen Zahlen gebannt auf die bis gestern tagende Ministerpräsidenten­konferenz geblickt: In dieser Woche ist die Inzidenz in Deutschland massiv gestiegen, gestern lag sie bereits bei 95 Corona-Infektionen pro 100.000 Einwohnerinnen und Einwohner, vor einer Woche lag der Wert noch bei 69. Heute hat sie erstmals seit Mai die 100 erreicht.

Das sieht auf den ersten Blick aus wie ein exponentieller Anstieg. Zumal die tatsächliche Gesamtzahl deutlich höher liegen dürfte, da viele Infektionen durch die mildernde Wirkung der Impfung auf den Krankheitsverlauf und die Verringerung der Tests nicht erkannt werden.

Länder gegen Spahn: Forderung nach Rechtssicherheit

Doch der Pandemieherbst 2021 hat seine ganz eigenen Unübersichtlichkeiten. Und das liegt nicht nur daran, dass die Politik zurzeit eher mit Koalitionen als mit Pandemien kämpft. Niemand kann so ganz genau sagen, welche Inzidenzwerte eigentlich gefährlich sind, da die Mehrheit der Deutschen geimpft ist und zwar infiziert wird, meistens aber vor einem schweren Krankheitsverlauf gefeit ist.

Sicher ist nur: Je mehr Infizierte es gibt, desto höher ist das Risiko, sich anzustecken und auch zu erkranken. Nicht zuletzt deshalb haben sich die Länder gestern dafür ausgesprochen, die vom Bundestag festgestellte pandemische Lage nationaler Tragweite fortzuführen oder ein neues Gesetz zu machen. So wären sie rechtssicher in der Lage, auf neue Wellen zu reagieren.

Armin Laschet (Mitte, CDU), Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, sprach sich mit seinen Kolleginnen und Kollegen nach der Ministerpräsidenten­konferenz dafür aus, dass der Bund für eine Rechtsgrundlage für die Corona-Maßnahmen in den Ländern sorgen müsse. © Quelle: Oliver Berg/dpa

Aber auch sonst tappt die Politik zurzeit ziemlich im Dunkeln, was die Pandemielage angeht, wie RND-Autor Paul Gross in einem großen Wochenendreport recherchiert hat. Sein Befund lässt für den Herbst und Winter nichts Gutes ahnen:

  • Niemand kann heute genau sagen, wie viele Menschen in Deutschland eigentlich geimpft sind. Allein bei Betriebsärztinnen und ‑ärzten wurden offenbar rund 1,5 Millionen Impfungen nicht ans RKI gemeldet. Das geht aus einer Schätzung des Betriebsärzteverbandes hervor, die dem Redaktions­Netzwerk Deutschland (RND) vorliegt. Der Hauptgrund: Rund 40 Prozent der Betriebsärztinnen und ‑ärzte hatten bis Mitte Juli keinen Zugang zum RKI-Meldesystem, auch Mitte August waren noch nicht alle angebunden. Auch bei den Hausärztinnen und -ärzten gibt es offenbar Rückstände beim Melden.
  • Auch die tatsächliche Inzidenzlage ist offenbar trügerisch. So wurden dem Robert Koch-Institut in der Woche ab dem 11. Oktober 832.509 PCR-Tests gemeldet, in der Vorwoche, als die Schnelltests noch nichts kosteten, waren es fast 130.000 mehr. Die Zahl der positiven Tests stieg hingegen im Vergleich zur Vorwoche um knapp 7000 Infektionen auf 69.040. Es liegt also die Vermutung nahe, dass die tatsächliche Inzidenz höher liegt als die durch die Tests erfasste.
  • Hinzu kommt die Frage nach den Impfdurchbrüchen. Das Gesundheits­ministerium kann laut RND-Autor Gross zurzeit nicht beziffern, wie hoch der tatsächliche Anteil an Impfdurchbrüchen in den Kliniken ist. Auch das hat einen Grund, der in Problemen der Erfassung liegt: Jeder behandelte Person, deren Impfstatus ungeklärt ist, fällt aus der Statistik.

Zusammengenommen ist das keine gute Basis für weitreichende Entscheidungen – weder für ein Beenden der Maßnahmen noch für Verschärfungen. Wahrscheinlich wird es in den nächsten Wochen im Bundestag und in den Regierungen von Bund und Ländern jedoch um genau diese Entscheidungen gehen.

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Zitat des Tages

Ich war glücklich, ein Freund zu werden.

Barack Obama, ehemaliger Präsident der USA, in einer Videobotschaft an Bundeskanzlerin Angela Merkel, die gestern an ihrem letzten EU‑Gipfel teilnahm

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Ihr Dirk Schmaler

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