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Bischof Bätzing zum Gedenken an Corona-Tote: „Blockierte Trauer kann krank machen“

  • An diesem Sonntag gedenken die Deutschen der annähernd 80.000 Menschen, die seit Ausbruch der Pandemie in Verbindung mit Corona gestorben sind.
  • Der Gedenkgottesdienst in der Berliner Gedächtniskirche wird von den christlichen Kirchen gemeinsam mit Orthodoxen, Juden und Moslems gestaltet.
  • Der katholische Bischof Limburgs, Georg Bätzing, spricht im RND-Interview über Trauer, Corona-Politik sowie den Umgang seiner Kirche mit Kindesmissbrauch und Homosexualität.
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Berlin. Der Limburger Bischof Georg Bätzing (60) ist seit vergangenem Jahr Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) – dem Zusammenschluss der römisch-katholischen Bischöfe aller Diözesen in Deutschland. Er wird am Sonntag gemeinsam mit dem Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, beim Gedenkgottesdienst für die Corona-Toten in der Berliner Gedächtniskirche predigen.

Im Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) spricht Bätzing über den Sinn kollektiver Trauer, die aktuelle Corona-Politik sowie den Umgang der Katholischen Kirche mit Kindesmissbrauch und Homosexualität.

Herr Bischof, am Sonntag wird bei zentralen Gedenkfeiern der annähernd 80.000 Corona-Toten in Deutschland gedacht. Woran denken Sie ganz persönlich bei diesem Thema?

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Hinter dieser gewaltigen Zahl stehen konkrete Menschen, die durch eine neuartige globale Infektion aus dem Leben gerissen worden sind. Dahinter stehen noch mehr Menschen, die trauern und nicht so Abschied nehmen konnten, wie man es sich wünscht. Das bedrückt.

In meinem familiären Umfeld war bislang noch niemand betroffen, im Bekanntenkreis schon. Ich denke zum Beispiel an einen jungen Mann, der durch den Corona-Tod seines Großvaters in eine Trauersituation gestürzt ist, die er nicht so einfach bewältigen kann.

Verschiedene Religionen bei Gedenkgottesdienst

Die beiden großen christlichen Kirchen werden einen Gedenkgottesdienst ausrichten, zu dem auch andere Konfessionen eingeladen sind. Was ist Ihnen dabei wichtig?

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Mir ist wichtig, dass auch orthodoxe Christen dabei sind und wir ebenfalls muslimische sowie jüdische Gebete hören werden. Alle Religionen trauern um ihre Toten.

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Warum ist das kollektive Gedenken nötig?

Ich bin Bundespräsident Steinmeier dafür dankbar, dass er den Anstoß zu diesem Gedenktag gab. Der Prozess des Abschieds und der Trauer ist gerade durch Kontaktbeschränkungen erschwert. Blockierte Trauer kann aber krank machen. Es ist wichtig, Abschied nehmen zu können – und die Menge der Trauergäste sagt in der Regel viel über die Wertschätzung der oder des Toten aus. Wenn an diesem Tag die Deutschen der Corona-Toten gedenken, wird jeder einzelne Gestorbene gewürdigt.

Sollte sich dieser Gedenktag angesichts der Zäsur in den Leben aller jährlich wiederholen?

Es gibt einen großen Bedarf zu gedenken, das stellen wir auch an der Anzahl der Streams zu speziellen Gedenkgottesdiensten für Corona-Tote fest. Leider sterben weiterhin Menschen in Verbindung mit der Infektion. Die Frage ist, was kommt, wenn die Pandemie endlich endet. Sie war dann ein Einschnitt in unser aller Leben – und zwar quer durch die Gesellschaft.

Ich halte es für sinnvoll, dieser Zeit und der vielen Toten regelmäßig zu gedenken. Es wäre schön, wenn wir ein Datum finden könnten, das positiv damit verbunden werden kann, wie mit Wissen, Vernunft, Mut und politischer Klugheit der Weg aus einer existenziellen Krise gefunden wurde. Vielleicht wäre solch ein Datum der Tag der ersten Impfung in Deutschland. Aber es gibt bestimmt auch andere Möglichkeiten.

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Zusammenhalt zu organisieren wird schwieriger

Georg Bätzing, Bischof von Limburg und Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, bei der Herbstvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz im vergangenen Jahr. © Quelle: Arne Dedert/dpa

Wir haben im ersten Pandemiejahr beobachten können, wie eine Gesellschaft zur solidarischen Gemeinschaft wird – aber auch, wie sie aus Ungeduld und Verdruss auseinanderdriftet. Wie nehmen Sie die Entwicklungen wahr?

Es stimmt, der Verdruss ist groß. Aber ich spüre das, was bislang auch alle Umfragen belegen: Die Bereitschaft der großen Mehrheit, Einschränkungen zur Bekämpfung der Pandemie in Kauf zu nehmen, ist nach wie vor hoch. Dennoch haben die politischen Entscheidungen der jüngeren Vergangenheit dazu geführt, dass die Interessen sich immer weiter verästeln. Das macht es nicht einfacher, den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu organisieren, der schon vor der Pandemie zu bröckeln begonnen hatte.

Meinen Sie Corona-Leugner?

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Nicht allein. Die ausschließliche Kommunikation in Blasen, also mit denen, die gleiche Positionen vertreten, begann schon früher. Aber weil Sie es ansprechen: Demonstrationen sind ein legitimes Mittel, um Meinungen zu artikulieren. Dieses Recht stößt aber an seine Grenzen, wenn durch regellose Demonstrationen das Leben anderer Menschen gefährdet wird.

Je länger die Pandemie andauert, desto mehr Polarisierung wird es geben, oder?

Durch die Dauer der Pandemie steigt der Druck, politische Entscheidungen so zu erklären, dass sie auch verstanden werden. Wir benötigen den großen demokratischen Konsens. Ich denke, die politische Ebene hat das zuletzt verstanden und die Parlamente stärker an Entscheidungen beteiligt.

Infektionsschutzgesetz: Eingriff in Grundrechte ausbalancieren

Ob Lockdown oder nicht Lockdown ist ja auch eine Entscheidung für weniger oder mehr Lebensschutz. Wie absolut ist das Gebot, Leben zu retten?

Wenn zur Bekämpfung der Pandemie Freiheitsrechte eingeschränkt werden, muss das mit Augenmaß geschehen. Jeder Eingriff in die Grundrechte etwa bei der bevorstehenden Änderung des Infektionsschutzgesetzes muss gut ausbalanciert sein. Die Freiheitsrechte gelten nie unbegrenzt, sie werden immer durch die Grundrechte der anderen beschränkt.

In der aktuellen Situation sind die Entscheidungen, die getroffen werden müssen, aber besonders schwer. Die negativen Folgen des Lockdowns wie etwa Niedergang der Wirtschaft, soziale Vereinsamung, psychische Probleme und Bildungsdefizite dürfen nicht aus dem Blick geraten. Um diese Balance geht es im politischen Ringen. Gut, dass wir noch solch einen hohen gesellschaftlichen Konsens haben, um die eine oder andere Maßnahme auszuhalten.

Dennoch: Von unaufgeregter, erfolgreicher Pandemiepolitik im letzten Jahr scheinen die Beteiligten in Bund und Ländern ins politische Chaos gestürzt zu sein. Verfällt die Politik im Wahljahr 2021 trotz der Krise alten Ritualen?

Die Politiker, die in der gegenwärtigen Krise Entscheidungen treffen, müssen diejenigen im Blick behalten, die ihnen ihre Stimme gegeben haben. Die vielen verschiedenen Interessen, die an sie herangetragen werden, stehen sich teilweise diametral gegenüber und müssen dennoch miteinander in Einklang gebracht werden.

Dies jeden Tag aufs Neue zu versuchen verdient unseren Respekt und unsere Hochachtung. Entscheidend ist jetzt: Schnellen die Zahlen der dritten Welle weiter hoch oder können wir sie brechen?

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Nicht alle können im Homeoffice arbeiten

Sollen weiterhin die Inzidenzzahlen allein ausschlaggebend sein für zu treffenden Maßnahmen?

Nicht alle können im Homeoffice arbeiten. Viele müssen ihren Job vor Ort machen. Während der zweiten Welle wurde um den Inzidenzwert von 30 heftig gestritten. Mittlerweile ist die 100 schon weit weg.

Darum plädiere ich dafür, neben den Inzidenzzahlen auch das Machbare in den Blick zu nehmen. Damit meine ich, Menschen müssen ihr Leben eigenständig und frei führen können. Dazu gehören Kultur ebenso wie Schule, Sport, Kita oder Bummeln durch Geschäfte. Viele Familien leben mit ihren Kindern in kleinen Wohnungen – die halten das nicht ewig aus.

Werden die Kirchen zu den dauerhaften Verlierern in der Corona-Bilanz gehören?

Ich kann nur für die Katholische Kirche sprechen: Wir werden durch Corona sicherlich verlieren, manche nehmen einen Relevanzverlust wahr. Werden die Gottesdienste nach dem Ende der Pandemie wieder gut besucht sein? Und ein Einbruch der finanziellen Ressourcen ist ja bereits abzusehen.

Wie hoch die Verluste sein werden, ist jedoch schwer einzuschätzen. Das hängt auch davon ab, wie unsere spirituelle oder seelsorgerische Leistung während der Krise im Anschluss beurteilt wird. Bislang war davon auszugehen, dass rund 9 Prozent der Katholiken sonntags regelmäßig die heilige Messe besuchen. Viele sind schon älter. Es wird nach der Pandemie lange dauern, bis das Vertrauen da ist, sich unbefangen zu Fremden in die Kirchenbank zu setzen.

Was mir jedoch noch mehr Sorgen bereitet: Was wird aus den Jugend- und Kindergruppen oder den Chören?

Missbrauchsskandal: Kirche hat Aufklärung geleistet

Herr Bischof, der Missbrauch von Kindern durch Geistliche unter dem Dach der katholischen Kirche hat viele entsetzt. Kürzlich zeichnete der Bundespräsident mit dem Jesuiten Klaus Mertes und Matthias Katsch zwei Katholiken für ihre Aufklärung von Kindesmissbrauch mit dem Bundesverdienstkreuz aus. Hat Sie das geschmerzt oder gefreut?

Das freut mich. Beide Männer haben große Verdienste bei der Aufarbeitung des Missbrauchs in der katholischen Kirche und sie haben das Problem auch gesamtgesellschaftlich angestoßen. Mit dem, was sie tun, macht man sich nicht nur Freunde – auch nicht in der Katholischen Kirche.

Ich bin dankbar, dass es Menschen gibt, die uns nicht in Ruhe lassen. Das Schlimmste wäre, dass dieses Thema wieder absinkt ins Unbeachtetsein. Ich möchte nicht, dass wir das Thema beiseitelegen. Wir müssen da wirklich dranbleiben.

Gleichwohl gilt die Katholische Kirche vielen Kritikern als zu zögerlich bei der Aufklärung von Missbrauchsstrukturen und deren Zerschlagung. Zählt Täterschutz weiterhin mehr als Opferschutz?

Die Wahrnehmung, dass Täterschutz mehr zählt als Opferschutz, entspricht nicht dem, was sich in der Katholischen Kirche tut. Viele Diözesen haben bereits Aufklärung mit Nennung der Täter und der Verantwortlichen geleistet – Limburg gehört dazu. Täter werden auch zur Rechenschaft gezogen, wenn es möglich ist.

Diese Botschaft dringt nur nicht durch, wenn solche Krisen entstehen wie jüngst in Köln. Insgesamt 17 Bistümer haben eine entsprechende Erklärung mit dem Missbrauchsbeauftragten Johannes-Wilhelm Rörig unterzeichnet, in der entsprechende Standards festgelegt sind, vier führen noch Gespräche mit ihm. Verglichen mit der Lage von vor einem Jahr sind wir wirklich messbar weiter.

Katholische Kirche in kritischer Lage

Der Unmut über das Agieren des Kölner Kardinals Woelki, der ein erstes Gutachten zurückhielt und erst ein zweites veröffentlichte, ist groß. Es gibt dort keine Termine mehr für den Kirchenaustritt, weil das Amtsgericht damit überlastet ist. Wie gefährlich ist die Situation für die Katholische Kirche insgesamt?

Ein Vorgehen, das man nicht mehr wirklich verständlich vermitteln kann wie das in Köln, führt über die Grenzen des jeweiligen Bistums hinaus zu einem Vertrauensverlust. Dann treten nicht nur in Köln Menschen aus der Katholischen Kirche aus, sondern auch in Limburg.

Die Bereitschaft, die Mitgliedschaft in einer Institution wie der Kirche hinter sich zu lassen, ist schon aufgrund anderer Faktoren sehr hoch. Und sie ist durch die schrecklichen Missbrauchsfälle in einem erheblichen Maße gestiegen. Insofern ist das eine kritische Lage für die gesamte Kirche in Deutschland, das ist so.

Machen Sie Kardinal Woelki für die schlechte Kommunikation persönlich verantwortlich?

Ich habe dem Kardinal gesagt, dass ich mir ein anderes Verfahren und eine andere Kommunikation gewünscht hätte. Aber seine Aufgabe ist nun einmal zunächst, Aufarbeitung für die Erzdiözese Köln zu betreiben – und das nach den Standards, die wir alle versprochen haben. Das hat er getan, und ich habe ihm auch immer abgenommen, dass er das will.

Es zeigt sich nur: Mit rein juristischer Aufarbeitung ist es nicht getan. Das bringt das Vertrauen der Menschen nicht zurück. Deshalb ist auch zu klären, ob wir an mögliche systemische Ursachen des Problems heranwollen oder nicht. Ich bin für mich entschlossen, das zu tun. Als Vorsitzender der Bischofskonferenz stehe ich im Übrigen für den Synodalen Weg, der das ebenfalls will. Schließlich müssen wir auch Veränderungsbedarf in der Weltkirche anmelden.

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Georg Bätzing, spricht auf einer Pressekonferenz zum Auftakt der digitalen Frühjahrsvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz. © Quelle: Sascha Steinbach/EPA Pool/dpa

Verlorenes Vertrauen kommt nicht zurück

Ist das auch der Weg, um den „Schaden“ zu reparieren?

Wir können den Schaden nicht reparieren. Wir können verlorenes Vertrauen nicht zurückbringen. Wir können nur um neues Vertrauen werben, indem wir in der Kirche Veränderungen etablieren. Das ist ein langer Weg. Menschen müssen spüren, dass sich wirklich etwas verändert. Nur wenn sie das können, bauen sie vielleicht neues Vertrauen auf. Der angerichtete Schaden ist da. Und er ist entsetzlich.

Konfliktpotenzial hat auch die Ablehnung der Segnungen homosexueller Partnerschaften durch die Glaubenskongregation und den Papst. Wie stehen Sie dazu?

Ich glaube, dass wir Homosexualität und gelebte Partnerschaften außerhalb der Ehe anders einschätzen müssen. Wir können nicht mehr weiter allein vom Naturrecht ausgehen, sondern müssen viel stärker in Kategorien von Fürsorge und personaler Verantwortung füreinander denken.

Ich wünsche mir in dieser Hinsicht eine Weiterentwicklung der katholischen Sexuallehre. Ich verstehe die ablehnende Stellungnahme der Glaubenskongregation, sie gibt den Stand der kirchlichen Lehre wieder. Aber das hilft nichts, weil es längst eine pastorale Entwicklung gibt, die darüber hinausgeht. Und das bedeutet: Es steht Veränderung an.

Homosexualität: Lehre und pastorale Praxis driften auseinander

In der Praxis finden Segnungen homosexueller Partnerschaften längst statt.

Ja, die pastorale Praxis und die Lehre driften auseinander. Und das gilt nicht nur für Deutschland, sondern auch für Nordamerika und andere Teile der Weltkirche. Die Menschen in homosexuellen Partnerschaften wollen den Segen der Kirche, und zwar nicht im Verborgenen. Sie wollen, dass die Kirche ihr Leben für so wertvoll hält, dass man ihm den Segen Gottes gibt und nicht vorenthält.

Diesem Wunsch müssen wir uns stellen. Dafür brauchen wir eine intensive Auseinandersetzung. Wir können diese Fragen nicht mehr einfach mit Ja oder Nein beantworten. Das ist nicht möglich.

Ob es nun um die Gleichberechtigung von Frauen geht, das Aufbrechen männerhierarchischer Strukturen oder die Anerkennung geschlechtlicher Orientierungen: In Deutschland entsteht zunehmend der Eindruck, wenn die Rom-fernen Modernisierer nicht die Oberhand gewinnen, dann ist die Katholische Kirche zumindest hierzulande nicht mehr zu retten. Muss sich der deutsche Katholizismus von Rom emanzipieren?

Die Katholische Kirche ist nicht mehr katholisch, wenn sie sich von Rom emanzipiert – im Sinne von „löst“. Auseinanderbrechen ist immer einfacher. Aber genau das wollen wir nicht. Denn es ist die Stärke der Katholischen Kirche, dass wir eine sind.

Deshalb kann die Lösung nicht eine Emanzipation von Rom sein, sondern nur ein starkes Zur-Sprache-Bringen der Bedingungen, unter denen wir hier katholisch sind. Diesen Weg wollen wir mit der Weltkirche gehen. Alles andere ist für mich undenkbar.

RND

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