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Verzweifelte Hausärzte drohen mit Impfstopp: Spahns Biontech-Deckelung „torpediert alles“

  • Die von Bundesgesundheitsminister Spahn angekündigte Limitierung des Biontech-Impfstoffs hat deutschlandweit für Verärgerung bei Ärztinnen und Ärzten gesorgt.
  • Dass die Praxen jetzt kaum noch Biontech, sondern vor allem den Moderna-Impfstoff erhalten, torpediere die Impfkampagne.
  • Der Frust ist groß, denn viele Hausarztpraxen arbeiten seit Wochen am Limit.
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Die beiden Ärztinnen aus Emmendingen (Baden-Württemberg) sind sauer. Auf Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU), seinen Schlingerkurs bei den Impfungen und die Deckelung des Biontech-Impfstoffs. Aus ganz Deutschland hagelte es am Wochenende Kritik auf Spahn, der in jede Praxis nur noch 30 Biontech-Impfdosen pro Woche liefern lassen will. Stattdessen sollen die Arztpraxen den Moderna-Impfstoff anfordern, denn der laufe bald ab.

„30 Impfdosen pro Woche sind ein Scherz“, sagt die Emmendinger Ärztin Heike Dreßler-Lux dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Ihre Hausarztpraxis ist eine der Corona-Schwerpunktpraxen in Baden-Württemberg. In den nächsten zwei Wochen hatte sie eigentlich Impfaktionen mit mehr als 200 Patienten und Patientinnen geplant. Hinzu kämen noch rund bis zu 100 weitere Impfungen jede Woche.

Mit ihren Mitarbeiterinnen müsse die Ärztin jetzt rund 300 Patienten anrufen und ihnen erläutern, dass sie einen anderen Impfstoff erhalten und dieser aber genauso gut sei. „Mir fehlt dazu die zeitliche und die nervliche Kapazität“, beklagt sie in einem Schreiben an die Kassenärztliche Vereinigung (KV), das dem RND vorliegt. Auch die Arzthelferinnen arbeiten seit Monaten am Limit, um Impftermine zu organisieren. Man brauche sich nicht wundern, dass „mehr und mehr Ärzte aus der Impfkampagne aussteigen“. Sie befürchtet, dass solche Maßnahmen der Politik letztlich auch das Vertrauen der Patienten in die Hausärzte gefährdet könnte.

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Ärztin: „Bitte verhindern Sie diesen Wahnsinn!“

Auch die Emmendinger Ärztin Bärbel Sydow ist den Schlingerkurs der Politik leid. „Wenn unsere Bemühungen (...) mit Aktionen von Herrn Spahn wie Kontingentierung von Biontech gestraft und behindert werden, dann werde ich mich aus dem Impfen komplett zurückziehen müssen“, schreibt sie ebenfalls in einem Brief an die KV. So wie die Patienten von Ärzten Verlässlichkeit und Kontinuität verlangen, würden sie dies auch von der Politik verlangen. „Die ist mit solchen Aktionen nicht gegeben, sondern torpediert alles, was wir zu tun versuchen“, schreibt Sydow und findet deutliche Worte: „Bitte verhindern Sie diesen Wahnsinn!“, fordert sie die KV auf.

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Biontech-Deckelung: Hausärzte schlagen Alarm
2:51 min
Spahn hatte gesagt, er wolle zunächst den auf Lager liegenden Impfstoff des Unternehmens Moderna verimpfen lassen, weil dieser Gefahr laufe, zu verfallen.  © Reuters
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So wir ihr geht es vielen Ärztinnen und Ärzten in ganz Deutschland. „Wenn die Politik das durchzieht, dann bin ich raus“, sagte etwa der Allgemeinmediziner Arne Krüger aus Lünen (NRW) dem RND. Der Arzt Marc Hanefeldt aus Bremervörde twitterte nach Bekanntwerden der Spahn-Pläne: „Impfplanung zerstört“.

Nur wenige Ärzte impfen bisher Moderna

Doch nicht allein die Vielzahl an Diskussionen, erneutes Abtelefonieren der Patienten und Aufklären über einen wenig bekannten Impfstoff bringt die Ärzteschaft zur Verzweiflung. Es ist auch die künstliche Verknappung des einzigen Impfstoffes, der von der Ständigen Impfkommission (Stiko) für unter 30-Jährige zur Auffrischung empfohlen wird. „Es gibt viele junge Menschen mit Booster-Terminen, die zum Beispiel in der Pflege, in Kitas oder im Einzelhandel arbeiten“, gibt die Ärztin Dreßler-Lux zu bedenken. „Die sind einem hohen Risiko ausgesetzt und die kann ich doch nicht wegschicken, weil Spahn den Impfstoff verknappt.“

Viele Ärzte haben bisher nur Termine für Biontech-Impfungen vergeben und noch nie Moderna verimpft. Erst ab Oktober ist der Impfstoff überhaupt verfügbar für Hausärzte, zuvor gab es die Moderna-Impfungen nur in Impfzentren. Doch nachdem fast alle Bundesländer ihre Impfzentren geschlossen haben, wurden Hausärzte gebeten, den bereits einmal mit Moderna geimpften Patienten in ihrer Praxis die zweite Moderna-Impfung zu geben. Der Andrang unter den Ärzten war verhalten. Die beiden Ärztinnen aus dem Stadtgebiet Emmendingen und ein weiterer Arzt aus dem Umland sind die einzigen in ihrem Landkreis, die überhaupt den Moderna-Impfstoff verwenden. Es sei fraglich, so Dreßler-Lux, wie viele Praxen nun dem „Schlingerkurs der Regierung“ folgen und in Zukunft auch Moderna impfen werden.

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Kritik von vielen Seiten an Spahns Ankündigung

Die Kassenärztlichen Vereinigungen sowie Gesundheitsminister mehrere Länder haben gegen die angekündigte Begrenzung des Biontech-Impfstoffs protestiert. Bundesgesundheitsminister Spahn verteidigte derweil die Pläne und verwies unter anderem auf eine zuletzt stark gestiegene Biontech-Nachfrage. Allein in der neuen Woche würden fast sechs Millionen Dosen an die impfenden Stellen geliefert. Das sei mehr, als es bisher überhaupt an Booster-Impfungen in Deutschland gegeben habe. „Ich weiß, dass diese kurzfristige Umstellung für viele engagierte Helferinnen und Helfer vor Ort in den Arztpraxen und Impfzentren viel zusätzlichen Stress bedeutet. Und das bedauere ich ausdrücklich“, so Spahn.

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Mecklenburg-Vorpommerns Gesundheitsministerin Stefanie Drese (SPD) sprach von einer „Vollbremsung auf gerader Strecke“. Damit verspiele man Vertrauen, der Biontech-Impfstoff habe die höchste Akzeptanz bei den Menschen. Grünen-Gesundheitsexperte Janosch Dahmen warnte bei Twitter vor einer „Handbremse beim Impfen“. FDP-Fraktionsvize Michael Theurer sagte: „Das muss ein schlechter Scherz sein.“ Es brauche massenhaft Impfungen. Jetzt Höchstmengen zu definieren sei absolut kontraproduktiv und setze ein völlig falsches Signal.

Das Bundesgesundheitsministerium hatte den Länder mitgeteilt, dass vermehrt Moderna für Auffrischungsimpfungen verwendet werden soll. Andernfalls drohten eingelagerte Moderna-Dosen ab Mitte des ersten Quartals 2022 zu verfallen. Während es daher für Moderna keine Bestellgrenzen gebe, könnten Praxen demnächst nur noch bis zu 30 Dosen Biontech pro Wochen bestellen, heißt es in der Ankündigung.

RND/mit dpa

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