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Scholl-Biografin: „Jedes Gleichsetzen ist unhistorisch und herzlos“

Die Geschwister Sophie und Hans Scholl sowie der Student Christoph Probst waren am 22. Februar 1943 von den Nationalsozialisten in einem Schauprozess zum Tode verurteilt worden, weil sie in Flugblättern zum Widerstand gegen Hitler und den Krieg aufgerufen hatten. Die drei Studenten wurden noch am selben Tage in Stadelheim hingerichtet.

Vor 100 Jahren, am 9. Mai 1921, wurde Sophie Scholl geboren, gemeinsam mit ihrem Bruder Hans wurde sie das bekannteste Mitglied der Widerstandsgruppe Weiße Rose gegen die nationalsozialistische Diktatur. Am 22. Februar 1943 wurden die Geschwister Scholl und ihr Mitstreiter Christoph Probst nach einem Schauprozess unter Richter Freisler hingerichtet. Die Historikerin und Autorin Maren Gottschalk hat die aktuellste Biografie über Sophie Scholl geschrieben („Wie schwer ein Menschenleben wiegt“, C.H. Beck). Im Interview spricht sie über die impulsive Sophie Scholl, die Wirkung der Weißen Rose – und warum der Bezug der „Querdenker“ auf Scholl falsch und mindestens gedankenlos ist.

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Frau Gottschalk, Sie schreiben: „Die Mitglieder der Weißen Rose sind von einer Aura der Unschuld umgeben, die sie gegen jede Kritik abschirmt.“ Warum kann sich eigentlich fast jeder somit mit diesen Bürgerkindern identifizieren?

In der frühen Bundesrepublik war die Weiße Rose sicherlich besonders anschlussfähig, weil ihr kein Hauch von Kommunismus anhaftete – und weil sie in ihren Flugblättern auf ganz verschiedenen Ebenen argumentiert haben. Da konnte sich jeder etwas raussuchen. Sie haben christlich argumentiert, humanistisch, sie haben deutsche Klassiker wie Goethe und Schiller zitiert, damit konnten viele Leute etwas anfangen. Sie waren alle, abgesehen von Professor Huber, so jung, dass keiner von ihnen schon irgendeine Funktion im nationalsozialistischen System gehabt hätte, die sie kompromittiert hätte. Abgesehen jetzt mal von der Hitlerjugend oder dem Bund Deutscher Mädel. Sie sind das Paradebeispiel der guten Deutschen, die gegen dieses brutale System standen. Und dadurch, dass der Kern der Gruppe hingerichtet wurde, zeigen sie, wie gefährlich Widerstand sein konnte – und entlasteten damit das Gewissen derer, die nichts gegen die Nazis unternommen haben. Dabei haben viele Unterstützer und Unterstützerinnen der Weißen Rose überlebt.

Die Sophie-Scholl-Biografin Maren Gottschalk

Die Sophie-Scholl-Biografin Maren Gottschalk

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Sophie Scholl wirkt auf die meisten, wegen des ikonischen Fotos von ihr, wie eine ernste, fast vergeistigte junge Frau. Das ist nur ein kleiner Teil ihrer Persönlichkeit, schreiben Sie. Sie zeigen in Ihrer Biografie, wie leidenschaftlich, wie lebenshungrig Sophie Scholl in vielen Dingen gewesen ist. Und zu dieser Sophie Scholl passt das Herunterwerfen der Flugblätter in den Innenhof der Universität viel besser.

Das ist die impulsive Sophie Scholl, genau. Das ist der Moment, der beim Denkmal, der in den Filmen im Mittelpunkt steht. Zugleich ist es der Moment, in dem alles scheitert. Hätte sie die Flugblätter zusammen mit ihrem Bruder nur verteilt und nicht noch in den Hof flattern lassen, wären sie an diesem Tag vermutlich nicht entdeckt worden. Sie hätten sicherlich weitergemacht. Sie wären weiter Risiken eingegangen und vielleicht später aufgeflogen – sie waren ja keine ausgebildeten Widerstandskämpfer.

Das undatierte Foto zeigt Sophie Scholl, Mitglied der Weißen Rose. In Flugblättern prangerte die Widerstandsgruppe die Verbrechen der Nationalsozialisten an. Nach einer Flugblattaktion am 18. Februar 1943 wurden Scholl und andere verhaftet und zum Tode verurteilt.

Das undatierte Foto zeigt Sophie Scholl, Mitglied der Weißen Rose. In Flugblättern prangerte die Widerstandsgruppe die Verbrechen der Nationalsozialisten an. Nach einer Flugblattaktion am 18. Februar 1943 wurden Scholl und andere verhaftet und zum Tode verurteilt.

Welche Wirkung würden Sie der Weißen Rose zuschreiben?

Die unmittelbare Wirkung ist schwer einzuschätzen. Wir wissen nicht, wie viele Menschen die Flugblätter gelesen und weiterverbreitet haben. Es gab die Hamburger Zelle, die das versucht hat. Die Engländer haben das sechste Flugblatt später hunderttausendfach über deutschen Großstädten abgeworfen. Thomas Mann hat reagiert. Aber natürlich hat die Weiße Rose den Krieg nicht verkürzt und wohl auch nicht viele Leben gerettet mit ihren Flugblättern. Doch sie gilt bis heute weltweit als Symbol für Widerstand und Menschenwürde, Gewissen, Freiheit der Meinungsäußerung. Die Nachwirkungen dieser Gruppe sind gigantisch.

Proteste gegen Corona-Maßnahmen in ganz Deutschland

In mehreren Städten in Deutschland gab es am Samstag Proteste gegen Corona-Einschränkungen.

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Auch die „Querdenker“ versuchen dieses Symbol zu nutzen, sie sehen sich im Kampf gegen ein als „faschistisch“ wahrgenommenes System, legen vor Gerichten weiße Rosen nieder, einige „fühlen sich wie Sophie Scholl“. Sarkastisch gefragt: Ist das ein Erbe des deutschen Geschichtsunterrichts, dass sich auch diese Bewegung auf die Weiße Rose bezieht?

Das ist ein fataler Misserfolg des Geschichtsunterrichts, dass Leute glauben könnten, das, wofür Sophie Scholl gekämpft hat und wofür sie gestorben ist, sei übertragbar auf einen Protest gegen Maskenpflicht und Corona-Tests. Die Weiße Rose kämpfte gegen eine Diktatur, die einen Krieg mit der halben Welt angezettelt hat, die kranke und behinderte Menschen umgebracht hat, die den Völkermord an den europäischen Juden betrieb und die jeden, der irgendwie protestiert hat, ins KZ sperrte oder umbrachte. Auch wenn wir heute sicherlich in einer schwierigen Situation in der Pandemie sind, auch wenn es verschiedene Meinungen über die Maßnahmen gibt, ist jedes Gleichsetzen unhistorisch, unangemessen und herzlos. Offensichtlich haben wir in unserer Gesellschaft gerade so eine Stimmung, in der man gerne nach großen Namen und Projektionsflächen greift. Der Geschichtsunterricht muss intensiviert werden, um jungen Leuten klarzumachen: Was war das für eine Gesellschaft, in der Sophie Scholl gelebt hat? Sie hätte sich gefreut, wenn sie in einer freien Gesellschaft wie unserer hätte leben dürfen.

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