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Betroffenenbeirat: Papst Benedikt will neu definieren, was Missbrauch ist und was nicht

Eine Figur des emeritierten Papstes Benedikt XVI. hängt an einer Fassade am Kapellenplatz im Zentrum der Ortschaft.

Das Missbrauchsgutachten für das Erzbistum München und Freising hat ein Erdbeben in der katholischen Kirche ausgelöst. Es legt offen, dass mindestens 497 Menschen Opfer sexualisierter Gewalt wurden, dass über Jahre Missbrauch systematisch vertuscht und Täter geschützt wurden. Obwohl die Erkenntnisse nicht neu sind, habe der Bericht „Sprengkraft“, meint Johannes Norpoth. Er ist Sprecher des Betroffenenbeirates der Deutschen Bischofskonferenz und wurde selbst Opfer von sexuellem Missbrauch. Im RND-Interview kritisiert er, dass Papst Benedikt XVI. mit seiner Aussage zu den Vorwürfen selbst neu definieren will, was sexueller Missbrauch ist und was nicht.

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Herr Norpoth, hat Sie das Ausmaß des Münchner Gutachtens überrascht?

Nein, das Gutachten hat zum Thema Missbrauch in der katholischen Kirche keine neuen substanziellen Erkenntnisse hervorgebracht. Vertuschung, Strafvereitelung und Beihilfe zu weiteren Straftaten – das ist für uns Betroffene schon lange bekannt. Die Brisanz in dem Gutachten ist aber, dass erstmals nachvollziehbar aufgearbeitet wurde, wie eine solche Vertuschung über Bistumsgrenzen hinweg funktioniert hat und dass nicht nur einzelne Ortsbischöfe, sondern Personen mit Rang und Namen in der Weltkirche schwerwiegende Fehler gemacht haben, bis hin zum ehemaligen Heiligen Vater. Die Sprengkraft des Gutachtens besteht darin, dass sich einer der bedeutendsten Theologen des 20. Jahrhunderts, Joseph Ratzinger, selbst sein Lebenswerk zerstört hat.

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Weil er sich weiterhin schützend vor Täter stellt und beispielsweise behauptet, der betroffene Priester habe sich nicht auch nur „das Mindeste zuschulden kommen lassen“?

Genau, wenn Papst Benedikt auf 82 Seiten ausgeführt, es sei kein sexueller Missbrauch im engeren Sinne, wenn sich ein Täter vor einem Minderjährigen entblößt, onaniert oder pornografische Inhalte zeigt, dann hat er es immer noch nicht verstanden. Und das zwölf Jahre nach der großen Welle des Missbrauchs in Deutschland. Ganz offenbar will Benedikt nicht wissen, was in seiner eigenen Kirche passiert ist. Das ist die große Tragik des Münchner Gutachtens.

Dazu kommt ja noch die besondere Rolle von Benedikt XVI.

Als Präfekt der Glaubenskongregation war Benedikt für die Aufarbeitung sexualisierter Gewalt gegenüber Minderjährigen für die Weltkirche zuständig, also nicht nur für Deutschland. Wenn jetzt genau derjenige, der über fast zwei Jahrzehnte für die Aufklärung bei der Kirche zuständig war, jetzt für sich neu definiert, was überhaupt sexueller Missbrauch von Klerikern bedeutet, dann lässt das sehr tief auf den mangelnden Aufarbeitungswillen der Kirche blicken.

Die Gutachter haben dem Erzbistum München Freising auch vorgeworfen, den Fokus bis heute nicht auf die Betroffenen zu werfen. Wie kann das sein?

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In anderen Bistümern, wie etwa in meinem Heimatbistum Essen, haben Bischof und Generalvikar die Zeichen der Zeit verstanden. Sie haben auf Betroffene gehört und früh erkannt, dass sie sich weiterentwickeln müssen, um nicht unterzugehen. In anderen Bistümern ist das ganz offensichtlich nicht so.

Dabei gab es ja schon zahlreiche Studien und Gutachten. Was muss denn noch passieren?

Ganz ehrlich, ich weiß es nicht. Diese Frage haben auch die Gutachter in München aufgeworfen. Ich glaube, wenn die Gutachter mehr um Fassung ringen als die Verantwortlichen, dann spricht das Bände. Bisher war es häufig so, dass der Druck aus der Öffentlichkeit einfach ausgesessen wurde. Abwarten und wegatmen war gelernte Praxis aus 2000 Jahre Kirche. Nur diesmal wird das wohl nicht möglich sein, da mit Benedikt sehr namhafte Persönlichkeiten im Fokus stehen. Das hat es noch nie gegeben.

Missbrauchsgutachten: Papst Benedikt schwer belastet

Eine Münchner Anwaltskanzlei hat Fälle sexuellen Missbrauchs im Erzbistum München und Freising aufgearbeitet und erhebt Vorwürfe gegen den emeritierten Papst.

Wird es auch ein Umdenken im Vatikan geben?

Rom hat einen viel längeren Atem als die deutsche Kirche und ist ohnehin nicht sehr schnell bei Reformen. Aber durch die die Erschütterungen des Gutachtens bewegen wir uns nun auf weltkirchlicher Ebene und das kann Rom nicht wegdiskutieren. Die klaren Worte der Gutachter führen hoffentlich dazu, dass sich Deutschland nicht durch ein Machtwort aus Rom einschüchtern lässt. Diese Zeiten sind vorbei.

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Die Empörung nach der Veröffentlichung des Gutachtens war in Deutschland und weltweit riesig. Hält die Kirche das aus oder droht ihr der Kollaps?

Das wird sich erst in den nächsten Monaten abzeichnen. In den kommenden Wochen werden noch weitere Gutachten aus den Bistümern Münster, Paderborn und Essen veröffentlicht werden. Da geht es zum Beispiel darum, welche Rolle die Gemeinden spielen. Denn in vielen Gemeinden wurde aktiv weggesehen, wie das Münchner Gutachten einmal mehr belegt. Da werden selbst heute noch Täter nahezu glorifiziert. Ich habe sowas selber erlebt, mit „meinem“ Täter. Als nach seinem Tod 2019 in der Gemeinde ein Nachruf formuliert wurde, glich der Text fast schon einer Heiligsprechung.

Welche Konsequenzen fordern Sie jetzt?

Ich fordere die Bischöfe auf, endlich für eine angemessene Anerkennung des Leids zu sorgen und keine Almosenzahlungen zu verteilen. Die Bischöfe könnten sich bereits am Montag dazu entscheiden, wenn der Ständige Rat zusammenkommen wird. Ich rechne fest damit, dass die Bischöfe dort noch einmal über den Umgang mit Betroffenen sprechen werden. Es gibt zwar einen Rahmen für die Zahlung von Anerkennungsleistungen, der Summen von bis zu 50.000 Euro vorsieht. Aber die einzelnen Zahlungen an Betroffene bleiben sehr weiter darunter. Wir brauchen eine deutliche Anhebung der Einzelleistungen.

Und darüber hinaus?

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Bischöfe müssen endlich einmal deutlich formulieren, dass sie Schuld auf sich geladen haben. Bisher geben sie immer nur das zu, was ihnen ohnehin eindeutig nachgewiesen werden kann und entschuldigen sich für ihr Bistum. Sie müssen sich aber eingestehen, dass sie mit ihrem eigenen Handeln das Leben von Menschen zerstört haben und müssen sich dafür entschuldigen.

Kardinal Marx entschuldigt sich für Umgang mit Missbrauchsfällen

Marx reagierte auf ein neues externes Gutachten zum sexuellem Missbrauch in der Erzdiözese München und Freising.

Fordern Sie einen Rücktritt von Papst Benedikt oder Kardinal Marx?

Ich will keinen Rücktritt. Ich will, dass die Verantwortlichen ihre Macht nutzen und die systemischen Ursachen von sexualisierter Gewalt abbauen. Wir brauchen ein Bewusstseins- und Haltungswandel in der gesamten Kirche.

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