Best-of-Corona-Floskeln: Dieses Video sagt mehr als 1000 Worte

  • Pressekonferenzen von Politikern haben oft etwas von „Und täglich grüßt das Murmeltier“.
  • In Corona-Zeiten noch viel mehr.
  • Ein Zusammenschnitt aus Statements von Angela Merkel, Markus Söder und Co. macht das besonders deutlich.
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Goldfische leben den Traum! Sie verfügen angeblich über ein Kurzzeitgedächtnis von maximal drei Sekunden. Deshalb stört es sie nicht die Bohne, in einem ansonsten leeren Wasserglas im Kreis zu schwimmen: Sie haben hinten längst wieder vergessen, was vorn los war („Krass! Hier war ich ja noch gar nicht!?“). Es muss herrlich sein, gerade doof genug zu sein, um nicht zu merken, dass du doof bist. „Alle drei Sekunden, da fängt das Leben an! / Alle drei Sekunden, da hat man Spaß daran …“

Das Problem: Es stimmt nicht. Forsche Fischforscher haben herausgefunden, dass Goldfische sich mindestens drei Monate lang merken können, zu welcher Zeit ein bestimmter Fresschenhebel funktioniert. Die Position „Führender Doofling des Tierreichs“ ist also wieder vakant. Wer könnte da bloß infrage kommen? Wir etwa?

Video
„Schwierigste Phase“: Die besten Floskeln aus einem Jahr Corona-Gipfel
2:56 min
Seit über einem Jahr hat die Pandemie das öffentliche Leben im Griff. Die Corona-Gipfel jedoch drehen sich im Kreis.  © Bundespresseamt/RND
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Wir Drei-Sekunden-Goldfische

Bisher ist unerforscht, wie lange genau das Kurzzeitgedächtnis eines bundesdeutschen Wählers anhält. Aber mit Blick auf die Corona-Pandemie muss man annehmen, dass Angela Merkel, Markus Söder, Jens Spahn, Michael Müller und ihre dauerbetrübten Artgenossen uns Durchschnittspandemiker für Drei-Sekunden-Goldfische in Hosen halten. Anders ist nicht zu erklären, mit welcher Monotonie das politische Personal dem mürbe gequatschten Wahlvolk mit den immergleichen Alarmismen die Dramatik der Situation einzubläuen versucht, bis wir alle „Nein“-taub werden. Wie überzuckerte, dampfende Kleinkinder mit verschmierten Schokomündern, deren hohläugige Mütter nur noch rituell „Niklas, lass den Mist, ich zähl bis drei“ murmeln, obwohl sie längst kapituliert haben.

Frau Merkel, wann war denn nun die „schwierigste Phase der Pandemie“?

Wir erinnern uns (so gut wir können): Die „sehr ernste Phase der Pandemie“ (Merkel am 16. Oktober 2020) beziehungsweise „dramatische Lage“ (Merkel, 29. Oktober 2020) ist nach einer „entscheidenden Phase der Pandemiebekämpfung“ (Merkel am 27. November 2020) in eine „sehr ernste Situation“ (Markus Söder am 13. Dezember 2020) beziehungsweise in die „schwierigste Phase der Pandemie“ (Merkel am 8. Januar 2021) übergegangen, dicht gefolgt von „einer der schwersten Phasen der Pandemie“ (Jens Spahn am 13. Januar 2021) und der „wahrscheinlich gefährlichsten Phase der Pandemie“ (Markus Söder am 23. März 2021).

„Penetranz schafft Akzeptanz“, hat Bundesfamilienministerin Franziska Giffey mal gesagt. Sie meinte nicht Corona, sondern die Frauenquote in Unternehmen. Aber im Kern gilt der Satz für das komplette Elendsgeschäft Politik. Es geht schon längst nicht mehr um Originalität oder – Gott bewahre – Argumente. Es geht um Wiederholung. Wie bei Vokabeln. Blöd nur, wenn die Verantwortlichen dabei klingen wie eine hängende Schallplatte. (Die Älteren erinnern sich. Wenn sie keine Goldfische sind.)

Erst per Video aneinandergehängt entfalten die Beschwörungsfloskeln der Pandemie die ganze Tragik des Politprinzips Penetranz. Und es ist natürlich – anders als bei Goldfischen – immer wichtig popichtig, was Politiker so treiben. Sie treffen sich zu einer „wichtigen Konferenz“ – und zwar wann? An einem „wichtigen Tag“ natürlich (Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller am 16. November 2020 plus Markus Söder am 15. Oktober 2020), denn auf dieser „sehr wichtigen Konferenz“ (Merkel am 29. September 2020) geht es um „wichtige Debatten“ (Merkel am 4. März 2021). Aber wie wichtig kann eine wichtige Konferenz sein, deren Wichtigkeit ungefähr siebenhundertundzweimal betont wird? Das ist wie beim „Lustigen Taschenbuch“. Das ist auch nicht immer lustig, obwohl „lustig“ draufsteht.

Es kann nicht mehr lange dauern bis zu „Corona-Floskeln – das Musical“

Aber was für Mick Jagger „Satisfaction“ ist, ist für Angela Merkel die „sehr ernste Lage“: ein Superhit. Ein Klassiker. Tausendmal gesungen, stets mit nachlassender Verve. Jagger ist seit 56 Jahren durchgehend unbefriedigt, Merkel ist seit 16 Jahren durchgehend besorgt.

Die schon jetzt legendären Ministerpräsidentenkonferenzen der Corona-Pandemie haben eine ganz eigene Ästhetik entwickelt. Sie haben Wörter von lyrischer Schönheit geschaffen wie „Öffnungsdiskussionsorgien“ und „neue Normalität“. Sie haben gezeigt, dass ein Wortschatz von maximal 300 Wörtern in einer Weltkrise genügt, um zumindest den Anschein von Krisenmanagement zu erwecken. Und sie haben Bodo Ramelow zu einem neuen „Candy Crush“-Rekord verholfen.

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Nein, es kann nicht mehr lange dauern bis zu „Corona-Floskeln – das Musical“.

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