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  • Berliner Flughafen BER ist fertig – wenn wegen Corona kein Flugzeug fliegt

Berlin, Berlin, wir fliegen ab BERlin – ein Gang über den neuen Großflughafen

  • Es ist der – vielleicht – letzte Witz über den Berliner Großflughafen: Jetzt, wo gerade kaum jemand fliegt, ist er fertig.
  • Eine unendliche Geschichte kommt jetzt an ihr Ende.
  • Wie sieht es dort aus, knapp fünf Monate vor Eröffnung? Ein exklusiver Rundgang.
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Berlin. Wenn Passagiere am neuen Berliner Flughafen BER auf das Signal zum Einsteigen warten … Moment. Bevor dieser Satz weitergeht, ist eine Feststellung nötig. Das wird kein Witz. Wobei in den vergangenen neun Jahren, so lange ist der ursprüngliche Eröffnungstermin her, allein das Kürzel BER ausreichte, um Augenrollen und gequältes Lächeln hervorzurufen. Die Verbindung dieses Kürzels mit Worten wie Passagiere und Signal zum Einsteigen wäre ein untrügliches Zeichen dafür gewesen, dass ein besonders schlechter Witz folgen würde.

In den vergangenen Wochen, während des fast völligen Stillstands des Flugbetriebs in der Corona-Pandemie, reichte schon das Wort Passagiere, um eine unglaubwürdige Geschichte zu beginnen.

Kommt ein Fluggast zum BER ...

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Und das ist der vorerst letzte Witz: Genau zu der Zeit, als keiner mehr flog, als auf dem Rollfeld vor dem Skandalterminal Dutzende arbeitslose Jets von Easyjet und Lufthansa geparkt wurden, genau dann war der BER fertig. Der zuständige Landkreis Dahme-Spreewald erteilte Ende April die Nutzungsfreigabe. Kaum noch jemand zweifelt an dem Eröffnungstermin: Samstag, 31. Oktober 2020, zufällig auch der 64. Geburtstag von Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup.

“Alle können sich jetzt daran gewöhnen, vom BER, statt von einer ewigen Baustelle von einem zukünftigen Flughafen zu sprechen”, sagte Lütke Daldrup. “Die BER-Witze werden jetzt langweilig.” Nun gut, das waren sie die vergangenen elf Jahre meistens auch schon, wenn sie nicht mit so feiner Ironie vorgebracht wurden wie vom früheren brandenburgischen Ministerpräsidenten Matthias Platzeck, der beim Thema BER irgendwann nur noch den berühmten Satz aus Manfred Krugs Sketch “Die Kuh im Propeller” zitierte: “Das Flugwesen? Es entwickelt sich.”

Nun hat es sich fertig entwickelt. Beim exklusiven Rundgang über die Nicht-mehr-Baustelle ist das unter anderem daran zu erkennen, dass Handwerker beginnen, die verzogenen Rahmen und geborstenen Scheiben an kaputten Glastüren zu ersetzen. Das hat man sich in den vergangenen Jahren gespart. Würde ja doch wieder einer dagegen fahren. Das kann man schön machen, kurz bevor die Gäste kommen.

Nun wird gespachtelt und verglast, denn bald kommen sie. Die wenigen, die in Post-Corona-Zeiten noch in Berlin landen werden. Niemand redet mehr von dem großen Thema der vergangenen Jahre bei ständig steigendem Berlin-Flugverkehr: Der BER ist zu klein! Und so hat der größte Kritiker aller BER-Verantwortlichen seit Anbeginn, der Offenbacher Flughafenarchitekt Dieter Faulenbach da Costa, noch einen schlechten BER-Witz vor der Eröffnung gemacht: “Die Zahl der Passagiere ist soweit reduziert, dass Lütke Daldrup an seinem Geburtstag und dem Tag der Inbetriebnahme jeden Passagier per Handschlag begrüßen kann.” Falls der Handschlag Ende Oktober wieder in Mode ist, was zu bezweifeln wäre.

Wenn Passagiere am neuen Flughafen BER auf das Signal zum Einsteigen warten und ihren Blick zur Decke schweifen lassen, sehen sie hinter Deckengittern jede Menge Kabel und Rohre, die sie eigentlich nicht sehen sollten. Ursprünglich war hier mal eine Kathedrale der Luftfahrt geplant, holzvertäfelt und schick, und kein Zweckgebäude mit Industrieoptik. Also wurden die Kabel und Rohre auf schwarzem Untergrund schwarz lackiert.

Ein Terminalgebäude mit 4500 Räumen

Das war zu Zeiten, als der Flughafenchef Hartmut Mehdorn hieß, als Air Berlin hier ein eigenes Terminal bestellte und die Abfertigungsbrücken für den Airbus A380 gebaut wurden – kurz: Als Berlin größenwahnsinnig davon träumte, internationales Drehkreuz zu werden. Die unsichtbar lackierten Kabel und Rohre aber waren Teil des “Monsters”.

Die hoch komplexen technischen Anlagen im Terminalgebäude mit seinen 4500 Räumen galten als unbezwingbar: Türen, die sich automatisch schließen sollten, aber den Dienst verweigerten, zu klein dimensionierte Kabelschächte, falsch berechnete Entrauchung, der ganze BER-Wahnsinn halt.

An seinem 64. Geburtstag wird der BER eröffnet: Der Geschäftsführer der Flughafen Berlin Brandenburg GmbH, Engelbert Lütke Daldrup. © Quelle: Jens Kalaene/dpa-Zentralbild/dpa
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Irgendwann entschieden die Bauverantwortlichen, dass sie die Kabel und Rohre lieber sehen wollten, als sie unter schwarzem Lack zu verstecken. Das Monster musste sich zeigen, um gezähmt werden zu können. BER-Kritiker Faulenbach da Costa lobt dafür sogar den aktuellen Flughafenchef: Lütke Daldrup “hat nicht nur die Achillesferse des ‘Monsters’ – das bestand ja nicht nur aus der unfertigen Entrauchung – gefunden, er hat das ‘Monster’ dann auch konsequent besiegt”.

Das Monster ist besiegt, aber macht noch Wind

Das besiegte Monster macht während des Rundgangs ganz schön viel Wind: Die Lüftung wird gerade wieder einmal geprobt, ein Brausen geht durch das Terminal, als wollte der erste Jet direkt aus dem Hauptgebäude starten. Aber draußen bewegt sich nichts. Und drinnen schlafen in einer Nische vor den Klos zwei Handwerker.

Wenn die Passagiere also von der zentralen Sicherheitskontrolle zu ihren entfernten Abfluggates gehen und – vielleicht vom Laufband aus – erneut den Blick gen Decke heben, können sie die Sprinkleranlagen zählen, die klein und markant dort oben markiert sind. Es sind viele. Sehr viele. Wahrscheinlich gibt es in keinem anderen Gebäude so viele Sprinkleranlagen auf engstem Raum wie am BER. Die Brandschutzfrage hat man mit Masse gelöst. Viel hilft viel.

Die Flughafengesellschaft braucht dringend frisches Geld

Viel hilft viel – das war am BER auch immer das Motto, wenn es um Geld ging. Die Gesellschafter der Flughafengesellschaft – das sind Berlin, Brandenburg und der Bund – schossen nach, wann immer es nötig wurde, und es wurde oft nötig. 6 Milliarden Euro wird der BER am Ende gekostet haben. Die Flughafengesellschaft arbeitet wegen der Corona-Krise zurzeit stark defizitär, die Gesellschafter haben gerade 108 Millionen Euro frisches Gesellschafterdarlehen bewilligt, zudem muss die Gesellschaft 400 Millionen Euro neue Kredite am Kapitalmarkt aufnehmen. Der Flugverkehr bewegt sich zurzeit bei 2,5 Prozent des Normalniveaus. Wann es wieder aufwärts geht, weiß niemand seriös zu sagen.

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Dass hier bald geflogen wird, steht jedoch fast außer Frage. Fast – weil beim BER nie etwas sicher ist. Am 8. Mai 2012 sagte die Flughafengesellschaft den für den 3. Juni 2012 angekündigten Eröffnungstermin wegen “technischer Probleme bei der Brandschutztechnik” ab. Damals wurde zunächst angekündigt, dass der Flughafen “nach den Sommerferien an den Start” gehen würde. Nun wird es nach den Herbstferien – acht Jahre später.

Über die Eröffnungsfeier, Lütke Daldrups Geburtstagsfeier, sagt bisher niemand viel. Lufthansa und Easyjet werden wahrscheinlich Sondermaschinen schicken, die Flughafenfeuerwehr wird Fontänen sprühen. Ansonsten ist Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) ein eher unwilliger Gastgeber. Er sagt lakonisch: “Ein Bauprojekt, das sich zehn Jahre verzögert hat, groß zu feiern, verbietet sich von selbst. Wenn die Bundeskanzlerin vorbeikommt, gibt’s ’ne Tasse Kaffee, aber viel mehr gibt’s nicht.”

Die Werbeflächen werden schon montiert

Beatrice Posch gehörte 2012 mit ihrem Spielzeugladen “Die kleine Gesellschaft” zu den Leidtragenden der verschobenen Eröffnung. Fünf Verkäuferinnen hatte sie extra für den BER eingestellt. Nach zähen Verhandlungen bekam sie wie andere Gewerbetreibende Ausgleichsflächen im Terminal A des Flughafens Tegel. Die sind jetzt auch geschlossen. Im BER-Terminal prangt das Logo ihrer Firma bereits über einem noch unfertigen Laden. Sie will abwarten, bis sie eine offizielle Bestätigung für den Start bekommt. Wer sich einmal zu früh gefreut hat, wird jetzt vorsichtig.

Aber nicht alle sind so zurückhaltend wie Posch. BMW installiert nicht nur überall Werbebanden entlang der Terminalwege, sondern baut bereits Showpodeste für die Fahrzeuge des Münchner Autobauers auf. Und das, obwohl nicht BMW, sondern Tesla der Autokonzern ist, der am sehnlichsten auf die BER-Eröffnung wartet. Nur 20 Minuten vom neuen Airport entfernt baut Tesla sein neues Werk – auf einem Gelände übrigens, das vor fast 20 Jahren einmal BMW zugedacht war. Doch ein rühriger Leipziger Stadtbaurat lockte BMW nach Sachsen, und in Grünheide wuchsen bis zu diesem Frühjahr weiter die Kiefern. Der Name des erfolgreichen Leipziger Anwerbers: Engelbert Lütke Daldrup.

Außer Podesten für BMWs sind beim Rundgang zu sehen: Barbänke, Kuchenvitrinen, Zapfhähne, das goldene M neben Dönerwerbung im künftigen “Food Court”, fast komplett eingerichtete Andenkenläden und ein etwas verloren herumstehender Fotoautomat. Alles in den vergangenen Wochen von den Mietern bereits installiert. Man hofft nicht nur, man zieht schon einmal um.

Schon lange schwebt der riesige rote fliegende Teppich aus Metallgewebe durch die Terminalhalle, ein Werk der kalifornischen Künstlerin Pae White. Ein Blickfang, sicherlich. Aber die gesamte Halle mit ihren kurzen Rolltreppen und holzvertäfelten Check-in-Boxen wirkt eher solide als kathedralenhaft. Wie es sich für einen ordentlichen Regionalflughafen eben gehört.

Ein Ausflug in die 1990er-Jahre - oder ist das Interieur eher zeitlos?. © Quelle: Michael Kappeler/dpa

Zu den BER-Witzen gehört auch, das ganze holzvertäfelte Interieur der 2000er-Jahre hoffnungslos retro zu finden, als wäre der Flughafen eigentlich nur noch als Museum für Design und Technik zu eröffnen. Doch eigentlich wirkt der BER eher zeitlos-nüchtern. Kein Airport, über den man sich lange Gedanken macht. Und einige technische Unzulänglichkeiten haben sich in den vergangenen neun Jahren sogar selbst überholt.

Was, die Check-in-Schalter sind nicht für Selbstbedienung geplant? Vor fünf Jahren wäre das ein Problem gewesen, da hätten großformatige Geräte kompliziert nachgerüstet werden müssen. Heute reichen ein handlicher Scanner und ein Drucker, und fertig. Wie, die Wartebänke haben keinen USB-Anschluss, um das Handy zu laden? Egal, dann knallen wir eine Ladestation in die Ecke – die meisten Reisenden haben doch ohnehin eine Powerbank dabei, um unabhängig zu sein.

Der BER will einfach nur noch eins: funktionieren, mehr nicht. Und wenn die ankommenden Passagiere dann unten vor den großen Gepäckbändern stehen, sie ihre Rollkoffer durch den Zoll ziehen und in die Ankunftshalle treten, dann könnten sie das Gefühl haben, einfach an einem ganz normalen Flughafen einer ganz normalen europäischen Großstadt gelandet zu sein.

Und das kann sich Berlin eigentlich nicht bieten lassen.

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