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Berliner Polizist setzt sich für „bessere Polizei“ ein – und wird angefeindet

  • Mit einer neuen Initiative will sich der Berliner Polizist Oliver von Dobrowolski für eine „bessere Polizei“ einsetzen.
  • Polizistinnen und Polizisten müssten mehr zuhören, sagt er.
  • Für seine Kritik an der eigenen Institution erlebte von Dobrowolski schon einige Anfeindungen.
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Berlin. Wenn man Oliver von Dobrowolski fragt, was in der deutschen Polizei falsch läuft, hat er viel zu berichten. Zuerst spricht er jedoch lieber über das Positive: Im internationalen Vergleich habe Deutschland eine Exekutive, die „durchaus vorne mitmischt“, sagt er. All die negativen Dinge, die über die Polizei ans Tageslicht gerieten, bildeten bei mehr als einer Viertelmillion Polizeibeamten in Deutschland nur einen Teil ab.

Von Dobrowolski ist keiner, der die Polizei ablehnt – ganz im Gegenteil. Der Berliner Kriminalhauptkommissar steht selbst seit 23 Jahren im Polizeidienst.

Trotzdem ist er ein lauter Kritiker der Polizei. Probleme sieht er in den Behörden einige. Dass die Polizei nicht einmal anerkenne, dass es überhaupt Probleme gebe, zum Beispiel. Kritik würde zu schnell und zu heftig zurückgewiesen – auch wenn sie berechtigt sei.

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Von Dobrowolski hat das am eigenen Leib erlebt. Seit 2014 engagierte er sich im Verein Polizei Grün, in dem sich Polizistinnen und Polizisten organisieren, die den Grünen zumindest nahestehen und die vor politischer Kritik an der eigenen Institution nicht zurückschrecken.

Seit 2018 war er erster Vorsitzender des Vereins. Im April legte von Dobrowolski dieses Amt jedoch überraschend nieder. Weil er anderen den Schritt in die erste Reihe der Organisation ermöglichen wollte, wie er sagt, und weil er sich mit seiner neu gegründeten Initiative Better Police künftig lieber ohne parteipolitischen Anstrich engagieren will.

Beleidigungen, Drohungen und mangelnde Unterstützung

In einer Erklärung zu seinem Rücktritt berichtete von Dobrowolski jedoch auch von Schmähungen, Beleidigungen und Anschwärzungen bei seinem Dienstherrn und auch von Bedrohungen und Gewaltankündigungen, die er in den vergangenen Jahren als Reaktion auf seine politische Arbeit erhalten habe.

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Häufig seien solche Nachrichten nicht von irgendwelchen anonymen Rechtsaußen gekommen, sondern von Kolleginnen und Kollegen aus der Polizei selbst. Auch Vorgesetzte hätten ihn wie einen Störenfried behandelt, statt ihm Unterstützung anzubieten.

Wie allergisch Teile der Polizei und ihrer erklärten Unterstützer in der Politik auf Kritik am Behördenhandeln reagieren, wurde im vergangenen Jahr sichtbar, als über eine mögliche Rassismusstudie diskutiert wurde.

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Nachdem immer mehr Rechtsextremismus- und Rassismusfälle in der deutschen Polizei bekannt geworden waren, sollten die Einstellungen der Polizistinnen und Polizisten repräsentativ erforscht werden. So forderten es zumindest zivilgesellschaftliche Initiativen, Polizeiforscher und einige Politiker. Auch die im Bund mitregierende SPD setzte sich dafür ein.

Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) setzte dem Vorhaben jedoch ein Ende. Nun soll stattdessen der Arbeitsalltag von Polizisten untersucht werden – so wie die Polizeigewerkschaften es sich gewünscht hatten.

Mehr zuhören und reden

Oliver von Dobrowolski geht es nicht nur um die eklatanten Fälle von Rassismus und Rechtsextremismus. Polizisten, sagt er, sollten grundsätzlich mehr zuhören. Nicht nur ihren politischen Kritikern, sondern auch im täglichen Einsatz. Wie wichtig es sei, Dialoge zu führen, sei aus den Köpfen vieler seiner Kolleginnen und Kollegen verschwunden.

Der 45-Jährige arbeitet in einer Brennpunkt- und Präsenzeinheit der Berliner Polizei. Das heißt: Die meiste Zeit verbringt er draußen, an den Kriminalitätsschwerpunkten der Innenstadtbezirke. „Ich kenne selbst Situationen im Einsatz auf der Straße, in denen es hoch hergeht, wo die Nerven blank liegen, wenn man angeschrien und angepöbelt wird“, sagt von Dobrowolski. „Da fährt man innerlich erst mal hoch, der Körper schüttet Adrenalin aus und man ist grundsätzlich auf Abwehr.“

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Polizei löst Corona-Demo in Berlin auf
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Bei einem Protest gegen die Corona-Politik haben sich in der Hauptstadt 8000 Teilnehmer versammelt. Noch am Mittag löste die Polizei den Protest aber auf.  © dpa
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Viele Auseinandersetzungen im Einsatz könne man jedoch vermeiden, indem man ein paar Minuten mit seinem Gegenüber spreche.

Vor ein paar Jahrzehnten sei die Polizei in dieser Hinsicht bereits weiter gewesen, erklärt der Kriminalhauptkommissar. Die Polizei der jungen Bundesrepublik hatte in ihren Anfangsjahren eine schwere Hypothek. Sie war vielerorts durchsetzt mit Nazis, die ihr Gedankengut nach 1945 nicht einfach abgelegt hatten. Seitdem habe sich die deutsche Polizei jedoch immer mehr zu einer demokratischen Institution entwickelt, sagt von Dobrowolski.

Aus dem amerikanischen Raum seien fortschrittliche Konzepte wie das „Community-Policing“ übernommen worden, die Idee einer bürgernahen Polizei, die nicht nur Repressionsapparat, sondern auch Partnerin bei der Vermittlung von Werten ist. „Man hatte den klassischen gutmütigen Beamten, der schon den Kindern im Kindergarten was erzählt und damit von klein auf ein Bild von der helfenden Polizei zeichnet und nicht nur von der knüppelschwingenden.“

Die Polizei im Zeitalter des globalen Terrorismus

Seit dem Beginn der 2000er-Jahre habe sich jedoch etwas verändert: Nach dem Anschlag auf das World Trade Center war die Terrorgefahr auf einmal ganz konkret – auch in Deutschland. „Das hat auch zu einem Wandel bei der Polizei geführt“, sagt Oliver von Dobrowolski. „Ein Polizist, der vor 20 Jahren aus dem Streifenwagen gestiegen ist, war ein zivil wirkender Mensch, der bloß in Uniform gekleidet war. Mittlerweile hat man den Eindruck, da steigt ein Spezialkommando aus.“

Diese „Militarisierung“ der Sicherheitsbehörden habe die Wahrnehmung der Polizei durch die Bürgerinnen und Bürger verändert. „Aber das macht natürlich auch was mit den Polizisten selbst, die mit einer taktischen Schutzweste, einem Kevlar-Helm und einem Sturmgewehr unterwegs sind.“

Die Beamten entwickelten dadurch einen „ganz anderen Habitus“, würden distanzierter und übervorsichtiger. „Und das bedeutet im Endeffekt, dass die Polizei sich ein Stück weit von den Menschen entfernt hat, für die sie eigentlich da ist.“

Fehlender Aufschrei

Zurück zu den Bürgern, das will von Dobrowolski auch mit seiner Initiative Better Police. Er will Polizisten mit Menschen aus allen Bereichen der Gesellschaft zusammenbringen. „Auch aus Teilen der Gesellschaft, die die Polizei schon immer kritisch gesehen haben und vielleicht selbst bereits durch polizeiliches Fehlverhalten geschädigt worden sind“, sagt von Dobrowolski.

Die Rückmeldungen auch von anderen Polizisten seien bisher überwältigend positiv gewesen. Es gebe mehr Menschen in der Polizei, die sich einen Wandel wünschten, als man oft denke. „Ich stelle mir dann aber trotzdem die Frage, warum diese ganzen Leute so leise sind“, sagt der Kriminalhauptkommissar.

„Warum stehen sie nicht auf, gerade, wenn mal wieder hässliche Berichte über rechtsextreme Chatgruppen auftauchen und über Kolleginnen und Kollegen, die sich menschenverachtend äußern.“ Von allen Anständigen in der Polizei wünsche er sich ein lautes „Nicht in meinem Namen!“.

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