Berlin kauft sich ein Riesenrad – warum eigentlich?

  • Der Kulturpark Plänterwald war Prestigeobjekt der DDR – und ist für viele Ostberliner ein Stück Kindheitserinnerung.
  • Das Land Berlin will das alte Riesenrad restaurieren und in eigener Regie betreiben.
  • Es bekommt dafür Millionen vom Bund. Warum eigentlich?
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Berlin. Ein zerlegtes Riesenrad, ordentlich aufgestapelt, wirkt alles andere als imposant. Stahlträger, Naben und Stützpfeiler liegen hinter einem Zaun in einer Ecke des Spreepark-Geländes im Berliner Plänterwald. 40 Gondeln, rot, gelb, grün, blau, stehen in Reih und Glied.

Ein Blick über die Mauer nach 40 Jahren

Die Zahl 40 ist kein Zufall. Die Regierenden der DDR schenkten den Werktätigen der Hauptstadt das Riesenrad zum 40. Geburtstag des realsozialistischen Staates. Die konnten dann im Kulturpark Plänterwald von ganz oben über die Mauer in den Westen gucken. Bald gab es diese Mauer nicht mehr, und auch die DDR hat ihren 40. Geburtstag am 7. Oktober 1989 nur ein knappes Jahr überlebt. Während bereits im ganzen Land demonstriert wurde, bezahlte die vor der wirt­schaft­lichen und gesellschaftlichen Pleite stehende Republik harte Westwährung an die niederländische Firma Vekoma für das damals, wie es hieß, „größte Riesenrad Europas“. Vekomas Adresse prangt noch immer auf den abgebauten Teilen.

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Bereits das erste Riesenrad, das man zur Parkeröffnung 1969 beschafft hatte, war aus dem Westen gekommen, ein 40-Meter-Rad aus der Bundesrepublik. Auch die meisten anderen Fahrgeschäfte wurden aus dem westlichen Ausland importiert – und mussten zum Teil umbenannt werden. Aus der Nasa wurde der Sputnik, aus Thunderbird die Kosmosgondel, aus High Sliding der Wellenreiter. Achterbahn blieb Achterbahn, Riesenrad blieb Riesenrad.

Gespenstisches Quietschen – nur durch Wind

Der Spreepark, Nachfolger des Kulturparks, ging im Jahr 2001 pleite. 20 Jahre lang drehte sich das Riesenrad allein weiter. Ohne Passagiere, ohne Ankündigung, ohne menschliches Zutun. Nur der Wind griff ein. Ganz langsam machten die demolierten Gondeln ihre Runde, rot, gelb, grün, blau. Gespenstisch quietschte das rostige Rad. „Spuk unterm Riesenrad“, so hieß die Kinderserie, die das DDR-Fernsehen im einzigen Vergnügungspark der Republik gedreht hatte. Den Nervenkitzel eines „Lost place“ bekam das Riesenrad erst viel später.

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Die demolierten Gondeln sind ungenutzt – jetzt aber soll der Spreepark restauriert werden. © Quelle: Jaqueline Schulz

Nun soll es restauriert werden – wieder mit Staatsgeld, aber nicht nur mit Berliner Millionen. Wohl keine andere Stadt würde sich trauen, ein Riesenrad aus Bundesmitteln fördern zu lassen. Berlin tut das. 2,88 Millionen Euro erhält die Hauptstadt aus dem Programm „Sanierung kommunaler Einrichtungen in den Bereichen Sport, Jugend und Kultur“, 6 Millionen Euro soll die Sanierung insgesamt kosten. Dazu kommen weitere 3 Millionen Euro für den Umbau der Werkhalle auf dem Gelände zu einem soziokulturellen Zentrum. Bundestagshaushaltsausschuss und Bundesinnenministerium gaben grünes Licht.

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Die Berliner Politik hat eine besondere Beziehung zum Riesenrad

Keine andere Stadt würde wohl auch nur darüber nachdenken, dass ein Riesenrad irgendetwas anderes sein kann als ein Wahrzeichen eines Rummels oder eine kommerzielle Touristenattraktion. Die Beziehung der Berliner und Berlinerinnen – und vor allem der Berliner Politik – zum Riesenrad ist jedoch höchst speziell. Und man muss hier hinzufügen: der Ost­berliner und -berlinerinnen. Als Westberlin nämlich einmal ein Riesenrad bekommen sollte, mit 185 Metern volle 50 Meter höher als das London Eye, da fegte ein Sturm der Entrüstung durch die Kieze. Aus dem „Giant Berlin Wheel“ am Bahnhof Zoo wurde nichts.

Nach der Pleite des Nachwendespreeparks setzte sich Betreiber Norbert Witte, von dem später noch die Rede sein wird, nach Peru ab. Seine Frau (bald Ex-Frau) Pia Witte und Tochter Sabrina boten Führungen durch den Park an.

Das Riesenrad im ehemaligen Kulturpark Plänterwald soll restauriert werden. © Quelle: Unsplash

Bäume sprießen aus der Achterbahn Spreeblitz, Schwanengondeln sind halb im Teich versunken. Nicht alle der Dinosaurier­skulpturen, vom Wind umgeworfen, sind in Sicherheit gebracht und in eine Halle geräumt worden. Vor einem der Dinos zeigte sich der ehemalige Wirtschafts- und dann Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg einst in Drachen­töter­pose, kurz bevor er selber fiel.

Rückkehr zu den Wurzeln

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Politisch hat der Spreepark bisher niemandem Glück gebracht. Nicht der Berliner CDU, die sich in den Neunzigerjahren an den Betreiber Norbert Witte band. Dass der 1981 auf dem Hamburger Dom für das bislang schwerste Kirmesunglück in Deutschland mit sieben Toten und 15 Verletzten verantwortlich war, hatte sie anscheinend nicht überprüft. Witte hatte bei laufendem Rummelbetrieb versucht, ein defektes Getriebe an seiner Loopingbahn Katapult auszubauen. Sein Kran geriet in die Flugbahn des Karussells Skylab.

1985 wurde er zu einem Jahr auf Bewährung verurteilt und erhielt zeitweise keine Zulassung für Fahrgeschäfte mehr. Im Nachwendeberlin starteten die Wittes wieder durch. Es war für den Betreiber auch eine Rückkehr zu den familiären Wurzeln: Ganz in der Nähe, am alten Rummelstandort nahe der Spree, hatte seine Familie nach dem Zweiten Weltkrieg ihre Fahrgeschäfte aufgebaut. Bis die Wittes dann den alten Hanomag starteten, Kurs Westen, und über die Sektorengrenze nach Kreuzberg fuhren.

Nach der Pleite der Wittes 2001 gaben sich die Interessenten am Spreepark die Klinke in die Hand. Die Dänen vom Tivoli waren da und gingen wieder, jüngst die Belgier von Plopsa, die an der Biene Maja die Rechte halten und Familien­freizeit­parks betreiben. Die Verhandlungen scheiterten immer an zwei Punkten: an den alten Schulden der Wittes, die mit dem Erbbaurecht verknüpft sind, und an der Lage des Parks im Landschaftsschutzgebiet. Maximal 500.000 Besucher pro Jahr würde der Bezirk hier zulassen, zudem müsste der Betreiber ein Parkhaus bauen, damit die Besucher nicht den Wald zuparken.

2014 übernahm der Senat das Grundstück lastenfrei und reichte es 2016 an die landeseigene Grün Berlin GmbH weiter. Ein klassischer Freizeitpark soll hier nicht mehr entstehen, sondern sozusagen das hippe Zitat eines Freizeitparks.

Kunst, Kultur, Natur – die „Dreieinigkeit“ des Spreeparks

Vor dem zerlegten Riesenrad steht Christoph Schmidt, Geschäftsführer der Grün Berlin, und holt weit aus bei der Antwort auf die Frage, was mit dem Spreepark geschehen soll: „Die Zukunft ist nicht beschrieben durch einen klassischen Vergnü­gungs­park, auch nicht durch einen Rummel, sondern hat sehr viel mit Berlin zu tun. Mit Kultur und Kunst, dem manchmal Unfertigen, dem Kreativen. Unserem Konzept lag zugrunde, das Vorhandene sehr bewusst wahrzunehmen, es zu ertüch­ti­gen, es zu überführen in eine Gesamtkonzeption.“ Kunst, Kultur, Natur. Die drei Begriffe prangen auf der Spreepark-Website, Schmidt nennt sie eine „Dreieinigkeit“.

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Christoph Schmidt, Geschäftsführer der Grün Berlin: „Die Zukunft ist nicht beschrieben durch einen klassischen Vergnügungspark, auch nicht durch einen Rummel, sondern hat sehr viel mit Berlin zu tun.“ © Quelle: Jaqueline Schulz

Die Achterbahn Spreeblitz würde zu einem begehbaren Pfad, die Dinosaurier würden wieder aufgestellt. Schon in drei Jahren sollen die ersten Resultate zu besichtigen sein, soll sich das Riesenrad wieder drehen, beleuchtet und zum Kunstobjekt erhoben, aber natürlich mit Fahrgästen. Es wäre der 75. Geburtstag der DDR in dem Park, der zum 20. Repu­blik­geburtstag eröffnet und zum 40. mit dem neuen niederländischen Riesenrad versehen wurde. Doch das wäre nur Zufall.

Auch Oliver Igel setzt große Hoffnungen in einen neuen Spreepark – aber man spürt, dass ihm ein klassischer Vergnü­gungs­park zu seinem Glück auch gereicht hätte. Der 43-Jährige ist Bezirksbürgermeister von Treptow-Köpenick. Der SPD-Politiker ist verwurzelt in diesem besonderen Teil von Ostberlin, natürlich hat auch er seine Jugenderinnerungen an den „Kulti“ und den „Spuk unterm Riesenrad“. Igel baut sich vor den Gondeln auf und sagt: „Der Spreepark ist der einzige Freizeitpark der Hauptstadt – es gibt hier in der Umgebung auch in den anderen Bundesländern keinen solchen Vergnü­gungs­park. Viele haben gute Erinnerungen an diesen Park und vermissen ihn einfach. Das ist ein Stück Freizeit­gestaltung für die Hauptstadt gewesen – und das fehlt.“

Eine Zukunft für das Riesenrad

Schmidt und Igel sind sich einig, dass das alte Riesenrad, 20 Jahre unbenutzt und ungepflegt, wiederhergerichtet werden soll und es nicht einfach ein neues am alten Standort geben kann. Auch Schmidt spricht von den Erinnerungen, er spricht von Identität, von Geschichten. „Da wäre es absolut falsch zu sagen, wir reißen es ab, verschrotten es und bauen ein neues. Das wäre bestimmt auch nicht so spannend und schön wie dieses alte, historische Riesenrad.“

Im März kam die damalige Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) vorbei, besichtigte die trockengelegten Schwanenboote in der Werkhalle und ließ warme Worte da. Sie lobte die Entscheidung des Haushaltsausschusses: „Der Spreepark wird endlich aus dem Dornröschenschlaf geweckt, und es ist gut, dass auch Bundesmittel dafür fließen werden. Gerade das Riesenrad ist für viele Berlinerinnen und Berliner im Osten der Stadt Teil ihrer Kindheitserinnerungen. Es ist toll, dass es zurückkommt und mit der Kulturwerkhalle wieder Attraktion und Anziehungspunkt für Freizeitvergnügungen und Kultur für alle wird. Einem wunderbaren Teil Berlins wird so neues Leben eingehaucht.“

Giffey ist Spitzenkandidatin der SPD für die Abgeordnetenhauswahl, die parallel zur Bundestagswahl am 26. September abgehalten wird. Sie will Regierende Bürgermeisterin werden. Und Alexander Freier-Winterwerb will für die SPD ins Abgeordnetenhaus einziehen. Zurzeit ist er Fraktionsvorsitzender in der Bezirksverordnetenversammlung – und zugleich Mitarbeiter im Bundestag bei einem SPD-Haushaltspolitiker.

In den Richtlinien für das Sanierungsprogramm steht: „Gefördert werden investive Projekte mit besonders sozialer und integrativer Wirkung.“ Das Programm mit einer Gesamthöhe von 400 Millionen Euro war mehrfach überzeichnet. Für 2021 stellt der Bund weitere 600 Millionen Euro bereit. Über acht Seiten geht die Liste von Turnhallen, Schwimmbädern und Sportstätten, die in allen Bundesländern gefördert werden. Nur zwei Projekte stechen heraus: Rüsselsheim lässt sich eine Theatersanierung bezahlen – und Berlin Riesenrad und Werkhalle im Spreepark. Die Abgeordneten seien ganz froh gewesen, nicht immer nur Bäder und Tartanbahnen zu finanzieren, sondern mit dem Riesenrad auch eine Abwechslung geboten bekommen zu haben, hört man.

Wahrzeichen Ostberlins

Katalin Gennburg gehört der Linksfraktion im Abgeordnetenhaus an, sie hat den Wahlkreis gegen Freier-Winterwerb direkt gewonnen und will ihn im September verteidigen. Auch sie will das Riesenrad zurück: „Es ist ein Wahrzeichen Ostberlins und soll sich wieder drehen“, fordert sie. Mit der Grün Berlin GmbH aber hat sie in den vergangenen fünf Jahren mehr schlechte als gute Erfahrungen gemacht. „Als Wahlkreisabgeordnete habe ich seit 2016 vehement für eine Öffnung des Parks und eine kooperative Entwicklung mit der Kunst- und Kulturszene Berlins gestritten“, berichtet sie.

© Quelle: Rico Prauss

„Die Grün Berlin GmbH wollte den Park allerdings allein entwickeln.“ Sechs Jahre lang sei Zeit gewesen, den Zustand des Riesenrads zu prüfen. „Warum wird es jetzt einfach abgebaut?“, fragt sie. Und wie soll es genau aussehen, wenn es fertig ist? „Warum gibt es für die ‚künstlerische Neukonzeption‘ des Riesenrades nur ein Vergabeverfahren, das den Standards öffentlicher Kunstförderung nicht standhält?“, fragt Gennburg.

Die Grün Berlin GmbH rechnet damit, für das ganze Gelände Eintritt zu verlangen, die Fahrt mit dem neuen Rad aber kostenlos zu halten – die Abgeordneten haben davon noch keine Kenntnis.

Eins ist jedenfalls klar: Ein Schausteller wird das Rad nicht mehr betreiben. Das sorgt für Unmut in der Szene, die ohnehin auf die Hauptstadt nicht gut zu sprechen ist. Wegen der Corona-Einschränkungen gab es mehr als ein Jahr so gut wie keine Einnahmen. Der Vorschlag von Bezirksbürgermeister Igel, temporär wieder Fahrgeschäfte im Plänterwald aufzustellen, wurde vom Senat gekippt. Viele Schausteller wünschen sich jetzt einen Post-Corona-Rummelplatz auf dem Vorfeld des früheren Flughafens Tempelhof, zumindest für ein Jahr. Politische Unterstützung dafür gibt es kaum.

Soll bald wieder in neuem Glanz erstrahlen: der Spreepark in Berlin. © Quelle: Jaqueline Schulz

Das Scheitern in Peru – und die 167 Kilogramm Kokain

Auch Norbert Witte hat schon länger keine richtigen Einnahmen mehr. Wer den früheren Spreepark-Betreiber treffen will, muss nach Eberswalde in Brandenburg fahren. Versteckt am Finowkanal wohnt Witte dort mit seiner neuen Familie in zwei Wohnwagen. Daneben steht der „Mäusezirkus“, mit dem er nun unterwegs ist, wenn es zwischen den Lockdowns Rummel­plätze gibt.

Über Wittes Leben nach dem Spreepark wurden Filme gedreht. „Achterbahn“ heißt die Dokumentation über ihn, der nach Peru ging, dort scheiterte und im November 2003 versuchte, in Masten des Fahrgeschäftes Fliegender Teppich 167 Kilo­gramm Kokain von Peru nach Deutschland zu schmuggeln. Witte saß in Berlin ein, sein Sohn Marcel 13 Jahre in einem berüchtigten Knast in Lima. Darüber, und irgendwie auch über den Spreepark, zerbrach die Ehe mit Pia. Marcel ist inzwischen frei. Er kämpfe sich zurück, sagt der Vater.

„Für das Geld bekäme man ein neues, größeres Riesenrad“

Am alten Riesenrad, sagt Norbert Witte, müsste so viel geändert werden, dass es am Ende fast ein neues würde. Neue Vorschriften verlangen Nachrüstungen, Nachrüstungen verlangen eine neue Statik. Und die alten Gondeln entsprächen vermutlich auch nicht mehr den Standards. „Für das Geld“, sagt Witte, „bekommt man auch ein neues, größeres Riesenrad.“ Und einen Betreiber fände man auch. Einen Schausteller natürlich.

Doch ein neues Riesenrad mit einem klassischen Rummelkönig, das ist nichts für Entscheider wie Christoph Schmidt. Nichts mehr für den hippen, künftigen Zitate-Spreepark.

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