Bericht: Deutsche Behörden zerreißen Flüchtlingsfamilien

  • Hilfsorganisationen werfen Deutschland in einem gemeinsamen Bericht Behinderungen beim Familiennachzug vor.
  • Nach Dublin-Verordnung haben die Familien in der EU ein Recht auf Zusammenführung.
  • Viele Schutzsuchende in griechischen Insellagern haben Angehörige in Deutschland.
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Athen. Die Hilfsorganisationen Pro Asyl und Refugee Support Aegean (RSA) erheben in einem jetzt veröffentlichten gemeinsamen Bericht zum Thema Familienzusammenführung aus Griechenland nach Deutschland schwere Vorwürfe gegen die deutschen Behörden: Anfragen aus Griechenland zur Zusammenführung von Flüchtlingsfamilien würden „systematisch verweigert“ oder verschleppt. Viele Familien bleiben dadurch getrennt, häufig auf Dauer, so der Bericht.

Der Afghane Azad war 15, als er vor drei Jahren aus dem Iran floh, um Zwangsarbeit und der drohenden Rekrutierung als Kindersoldat zu entgehen. Über die Türkei kam er auf eine der griechischen Inseln, wo er zwei Jahre in einem Erstaufnahmelager verbrachte. Azad beantragte Asyl und die Zusammenführung mit seinem älteren Bruder, der in Deutschland lebt. Aber die deutschen Behörden lehnten ab. Es gebe „keine erkennbaren humanitären Gründe“, den Jungen mit seinem Bruder zu vereinen.

Azads Geschichte ist einer von vielen Fällen, die der Bericht „Auseinandergerissene Flüchtlingsfamilien: Die systematische Verweigerung von Anfragen auf Familienzusammenführung aus Griechenland durch Deutschland“ schildert.

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Deutschland lehnte 2018 fast 60 Prozent der Anträge ab

Nach der so genannten Dublin-Verordnung, die den Umgang mit Asylsuchenden in der EU regelt, haben Familien, die zum Beispiel bei der Flucht getrennt wurden, ein Recht auf Zusammenführung. Aber die Praxis zwischen Deutschland und Griechenland sieht anders aus.

Viele der Schutzsuchenden, die in den griechischen Insellagern festsitzen, haben Angehörige in Deutschland. Doch die deutschen Behörden, so der Vorwurf der Hilfsorganisationen, mauern. Zwischen dem 1. Januar und dem 22. Mai 2019 stellten die Griechen in Deutschland 626 Anträge auf Familienzusammenführung. Davon wiesen die deutschen Behörden 472 zurück. Im Jahr 2018 lehnte Deutschland 1496 von 2482 Übernahmegesuche der Griechen ab – fast 60 Prozent aller Anträge.

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„Unsere aktuelle Erfahrung bestätigt, dass das deutsche Dublin-Büro derzeit sehr schnell reagiert und in der Regel die Anträge ablehnt“, erklärt Meral Zeller von Pro Asyl. Mal werden die Ablehnungen damit begründet, dass die familiären Beziehungen angeblich nicht klar bewiesen seien. Sehr häufig berufen sich die deutschen Behörden auch darauf, dass die Dreimonatsfrist überschritten sei, innerhalb derer Schutzsuchende nach ihrer Ankunft in Griechenland die Zusammenführung beantragen müssen.

„Das Kindeswohl und das Recht auf Familieneinheit werden von deutschen Behörden routinemäßig verweigert“, stellt der Report fest. So würden Familien „bewusst zermürbt“. Dazu trägt vor allem eine 2017 zwischen Athen und Berlin getroffene Absprache bei, mit der die monatlichen Zusammenführungen begrenzt wurden. Etwa 4000 Personen wurden dadurch von ihren Familien in Deutschland ferngehalten, so Pro Asyl.

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Deutsches Abschottungsinteresse

„Deutsche Gerichte bestätigen klar die Priorität der Prinzipien Familieneinheit und Kindeswohl“, unterstreichen die Hilfsorganisationen. Dennoch versuche Deutschland mit allen Mitteln, Familiennachzug aus Griechenland zu behindern. „Das Familienleben und die Rechte auch besonders schutzbedürftiger, minderjähriger Kinder sind dabei zweitrangig und bleiben hinter dem Abschottungsinteresse der Bundesrepublik zurück“, kritisiert der Bericht.

Der mittlerweile 18-jährige Azad wartet nach einem gescheiterten Fluchtversuch über die Balkanroute, einem Monat Haft im Polizeigewahrsam und langer Obdachlosigkeit nun in einem griechischen Lager für Minderjährige darauf, ob die deutschen Behörden ihn vielleicht doch noch zu seinem Bruder lassen.

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