Bergkarabach: Ein alter Konflikt über 4400 Quadratkilometer

  • Bergkarabach ist gerade mal doppelt so groß wie das Saarland – und seit Jahrzehnten Schauplatz schwerer Konflikte zwischen Armenien und Aserbaidschan.
  • Vergangene Kriege haben vor Ort sichtbare Spuren hinterlassen.
  • Nun ist die Lage erneut eskaliert.
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Susa. Kurz hinter Goris, der Stadt mit den roten Dächern im Südosten Armeniens, wächst es plötzlich aus der Hochebene in den strahlend blauen Himmel: dieses mächtige Gebirgsmassiv Bergkarabach, das friedlich in der Mittagssonne schlummert. Und um das so viel Blut und Tränen vergossen wurde.

Hier, am Latschin-Korridor, der in einem verschlafenen Checkpoint am Aghavno-Fluss mündet, gibt es den einzigen offiziellen Grenzübergang in die Republik Arzach, wie sich Bergkarabach in Anlehnung an das vorchristliche Armenierreich offiziell nennt.

Das Mobiltelefon zeigt, wie die Welt die verfahrene Situation hier sieht: “Willkommen in Aserbaidschan”, heißt es da.

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Wo fängt Heimat an

Doch die Aseris haben diese ehemalige Exklave, in der überwiegend Armenier leben, in einem kurzen, blutigen Krieg vor fast drei Jahrzehnten an Armenien verloren. Bergkarabach wurde zu einem identitätsstiftenden Symbol der Armenier – einem Volk, das heute zum großen Teil über die Welt verstreut lebt. Und das Probleme hat, zu definieren, wo die Heimat anfängt. Und wo sie endet.

Denn einst besiedelten Armenier ein Gebiet, das vom heute türkischen Adana am Mittelmeer bis an die Küste des Kaspischen Meeres reichte. Anfang der 90er-Jahre haben armenische Truppen diese von (christlichen) Armeniern besiedelte Exklave Bergkarabach “heimgeholt”. Völkerrechtlich gehört sie weiter zu Aserbaidschan.

Der Streit um das kleine Territorium, mit 4400 Quadratkilometern knapp doppelt so groß wie das Saarland, gehört zu einem der “eingefrorenen Konflikte” der Welt.

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Gerade mal 140.000 Menschen wohnen in Bergkarabach. 20.000 armenische Soldaten sind dort stationiert.

Dramatische Eskalation

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Hinter dem Checkpoint führt eine gut ausgebaute Serpentinenstraße in zwei Stunden bis in die verschlafene Provinzhauptstadt Stepanakert, falls man nicht hinter einer der endlosen Kolonnen mit Militärfahrzeugen klebt.

Hunderttausende wurden im Laufe der Zeit auf beiden Seiten vertrieben. Seit 1994 kommt es regelmäßig zu kurzen militärischen Schlagabtauschen.

Die aktuelle Eskalation aber ist dramatischer. Seit Sonntagmorgen gibt es Gefechte. Mehrere Tote und über Hundert Verletzte waren bis zum Abend gemeldet. Armenien erklärte den Kriegszustand. Es ist die Voraussetzung für die Einberufung weiterer Soldaten.

Dabei ist auch der letzte Krieg noch gegenwärtig – auch fast 30 Jahre nach seinem Ende. In Susa stehen zerstörte und verlassene Häuser. Hier hatten die Aseris 1992 ihre letzte Bastion, von der sie die im Tal gelegene Hauptstadt Stepanakert beschossen.

Vor dem Hotel Shoushi sitzt dort vor ein paar Jahren der über 90-jährige Areg Ter Ionisyan, schaut Kindern beim Spielen zu. “1945 war ich als 20-jähriger Rotarmist im Krieg bei Wien. Damals nannten sie uns ‘Russenschweine’.” Es ist das einzige deutsche Wort, das er noch kennt.

“Im Karabachkrieg 1992 wurde ich als ‘Armenierschwein’ beschimpft, von den Türken”, erzählt er weiter. Die Türken, damit meint er die Aserbaidschaner. Schnell wird klar: Hier geht es nicht um Grenzstreitigkeiten.

Es ist die Fortsetzung eines alten Konfliktes, der im Völkermord an den Armeniern des Osmanischen Reiches von 1915 seinen traurigen Tiefpunkt erreichte.

Der politische Wille, den Konflikt friedlich zu klären, scheint auf beiden Seiten nicht vorhanden. Armenien erklärt Bergkarabach in historischer Anspielung auf den Völkermord zu einer Überlebensfrage.

Der Einfluss Russlands und der Türkei

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Und für das an Rohstoffen reiche und mit Geld aus Erdölverkäufen hochgerüstete Aserbaidschan ist die Frage nicht ob, sondern wann das Gebiet zurückerobert wird, das es als gestohlen betrachtet.

Bereitwillig lässt sich das autokratische Regime von Präsident Ilham Alijew in die zunehmend aggressive und auf Expansion angelegte Geostrategie Ankaras einbauen.

Dass die Türkei derzeit dschihadistischen Söldnern aus dem syrischen Afrin oder Libyen höhere Löhne bietet, falls diese für ein halbes Jahr in den Südkaukasus gingen, um im dortigen Konflikt die aserbaidschanische Seite gegen Armenien zu verstärken, berichtete jüngst die Zeitung “The European” unter Berufung auf kurdische Journalisten.

Russland, das übrigens militärisches Gerät an beide Kriegsparteien liefert, scheint entschlossen zu sein, Armenien auch weiter vorbehaltlos zu unterstützen. Noch im Sommer fanden Manöver statt. Geübt wurde nahe der türkischen Grenze die Luftverteidigung.

Kommt es zu weiteren Eskalationen, droht ein Flächenbrand zwischen beiden militärischen Mächten – von Syrien bis in den Kaukasus.

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