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  • Belarus: Wer ist Maria Kolesnikowa, und warum ist sie eine Gefahr für Lukaschenko?

Entführte Dissidentin Kolesnikowa in Belarus: Die Frau ohne Nerven

  • Maria Kolesnikowa ist die wichtigste Stimme der Protestbewegung in Belarus.
  • Nun wurde sie im Zentrum von Minsk verschleppt.
  • Über eine Frau, an deren Mut sich viele Belarussen ein Beispiel nehmen.
Simone Brunner
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Minsk. Auf den Straßen schießen die Passanten Selfies mit ihr. Wenn sie ihre Finger zu einem Herzen formt, jubeln ihr die Menschen zu. Niemand schart bei den Protesten in Belarus so viele Anhänger um sich wie die Frau mit den blond gefärbten, kurzen Haaren und dem knallroten Lippenstift: Maria Kolesnikowa.

Die 38-jährige Kulturmanagerin ist die wichtigste Stimme der Protestbewegung in Belarus. Am Sonntag war sie selbst noch mit Zehntausenden anderen Belarussen bei einer großen Protestveranstaltung in Minsk mitmarschiert. Mal forderte sie die Sicherheitskräfte auf, auf die Seite der Proteste zu wechseln, mal ließ sie sich vor der Phalanx aus Sonderpolizisten fotografieren, ihre Finger zum Herz – dem Symbol der Wahlkampagne – geformt. Doch heute Morgen wurde sie von Unbekannten im Minsker Stadtzentrum in einem Kleinbus verschleppt, seither fehlt von ihr jede Spur. Bislang gab es keine offizielle Bestätigung der Festnahme vonseiten der Behörden.

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2:31 min
Mitglieder der Opposition aus Belarus sollen nach ihrer Entführung erpresst worden sein, die Oppositionelle Maria Kolesnikowa in die Ukraine zu bringen.  © Reuters
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Kolesnikowa ist eine Quereinsteigerin in die belarussische Politik. Bis zuletzt lebte die 38-Jährige, die fließend Deutsch spricht, in Stuttgart, bevor sie der Banker Wiktor Babariko im Vorjahr in die belarussische Hauptstadt holte, um die künstlerische Leitung eines von ihm finanzierten Kulturhubs auf einer Minsker Hipstermeile zu übernehmen. Doch als Babariko im Frühjahr seine Kandidatur bekannt gab, schloss sie sich seinem Wahlkampfteam an. Später wurde Babariko unter fadenscheinigen Umständen verhaftet und nicht zu den Wahlen zugelassen, seither ist sie das Gesicht seiner Kampagne.

Kolesnikowa - eine der “drei Frauen gegen Lukaschenko”

So richtig bekannt wurde Kolesnikowa als eine der “drei Frauen gegen Lukaschenko”, die für ihre verhinderten Männer – die zu den Präsidentschaftswahlen antreten wollten, aber entweder inhaftiert oder außer Landes gezwungen wurden – in die Bresche sprangen und eine beispiellose Protestwelle im ganzen Land entfachten.

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Doch mittlerweile ist Kolesnikowa die Einzige aus dem Trio, die noch in Belarus ist. Sowohl die Präsidentschaftskandidatin Swetlana Tichanowskaja als auch die Frau des verhinderten Kandidaten Walerij Zepkalo, Weronika Zepkalo, mussten das Land unter großem Druck der belarussischen Behörden verlassen. Sie habe sich bewusst dafür entschieden, im Land zu bleiben, wo sie bis zum “bitteren Ende kämpfen” werde, betonte Kolesnikowa zuletzt.

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Kolesnikowa – bewundert für ihren Mut und ihre Nerven

Schon vor einem Monat war sie von Polizisten verhaftet, aber kurz darauf wieder freigelassen worden. Danach ließ sie sich von den Polizisten zum Treffpunkt mit ihren Freunden kutschieren, mit denen sie sich zum Abendessen verabredet hatte. Noch später amüsierte sie sich über diese Episode: “Das konnte mir nicht einmal meinen Appetit verderben.”

Ein erfrischender Mut, an dem sich viele Belarussen ein Beispiel nahmen. “Sie ist ein Symbol der Furchtlosigkeit und des Glaubens an sich selbst”, sagt eine Mitstreiterin über sie. Dass Kolesnikowa gute Nerven hat, kommt ihrer Rolle als Protestführerin in einem Land, das immer wieder als “letzte Diktatur Europa” bezeichnet wird, zweifellos entgegen.

Kolesnikowa kommt eigentlich aus der Kunstszene, sie hat Querflöte in Minsk sowie alte und neue Musik in Stuttgart studiert. Im Gegensatz zu Tichanowskaja, die zu Beginn der Kampagne schüchtern wirkte, liebte die erklärte Feministin von Anfang an das Rampenlicht. Zuletzt gewann sie immer mehr an politischer Kontur. Erst vorige Woche gab sie die Gründung einer neuen Partei, Wmestje (Gemeinsam), bekannt.

Arbeit des Koordinierungsrates kommt zum Erliegen

Kolesnikowa sitzt zudem im Präsidium des neu gegründeten Koordinationsrates, der nach den Wahlfälschungen einen friedlichen Machttransfer organisieren sollte. Doch statt den Dialog zu suchen, setzte Lukaschenko auf Konfrontation. Fünf der sieben Präsidiumsmitglieder sind mittlerweile in Haft oder ins Ausland geflohen, wie der ehemalige Kulturminister Pawel Latuschko. Mit Kolesnikowas Verschwinden kommt die Arbeit des Rates praktisch zum Erliegen.

Es sind zwei Hauptforderungen, für die Kolesnikowa seit vielen Wochen unermüdlich auf die Straße ging: Neuwahlen und Freilassung aller politischen Gefangenen. Es steht zu befürchten, dass nun andere für ihre Freilassung kämpfen müssen.

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