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Belarus: Methoden wie zu Zeiten von Stalins großem Terror

  • Das TV-Interview mit dem Regimekritiker Roman Protassewitsch erinnert an finstere Sowjetzeiten.
  • Das Opfer wird in die Verzweiflung getrieben, bis es sich selbst bezichtigt und seine Peiniger lobt.
  • Das System erzwingt die totale Unterwerfung des Individuums, kommentiert Jan Emendörfer.
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Berlin. In seinem 1940 erschienenen Roman „Sonnenfinsternis“ erzählt Arthur Koestler (1905-1983) davon, wie Stalin seine ehemaligen Kampfgefährten aus der Zeit der Oktoberrevolution systematisch verhaften und ermorden lässt. Die Verfolgungs- und Verhörmethoden, die Koestler am Beispiel des alten Bolschewiken Rubaschow beschreibt, stehen beispielhaft für die Funktionsweise der stalinistischen Terrormaschine, die ihre Opfer so weit trieb, bis sie am Ende alle bekannten, Konterrevolutionäre, Trotzkisten und Staatsfeinde gewesen zu sein und wünschten, mit dem Tode bestraft zu werden.

In Zehntausenden Schauprozessen wurde das durchexerziert, um der staunenden Öffentlichkeit zu zeigen: „Seht her, sie sagen selbst, dass sie Verbrecher sind und unser gerechtes Urteil erwarten.“

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Die gleichen Methoden

An diese perfide Form von Geständniserpressung und Selbstbezichtigung erinnert jetzt auf frappierende Weise der Umgang des Regimes in Belarus mit dem inhaftierten Blogger Roman Protassewitsch. Im Unterschied zum Romanhelden Rubaschow war Protassewitsch nie Regimeanhänger, sondern immer schon Kritiker. Aber das ändert nichts an der Methode. Aus einem Flugzeug gezerrt und verhaftet, wird der junge Mann nach tagelangen Verhören vor eine TV-Kamera gesetzt und muss bekennen, dass er zu Massenprotesten in Minsk aufgerufen hat und dass Diktator Alexander Lukaschenko eigentlich ein guter Mensch ist.

Wer in das Gesicht des Opfers sieht, erkennt sofort: Das ist kein Mensch, der aus freien Stücken spricht. Der 26-Jährige ist hochgradig angespannt, wirkt zugleich nervös, redet mit teils zitternder Stimme, hat deutlich sichtbare Verletzungen an den Handgelenken und bricht am Ende in Tränen aus.

Schon vor Wochen hat die belarussische Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch die Situation in ihrem Land mit dem Terrorjahr 1937 in der Sowjetunion verglichen und damit in einem Satz zusammengefast, was seit Monaten tagtäglich bittere Realität ist: Verfolgung, Haft, Folter und auch Mord.

Der demokratische Westen steht protestierend daneben, ersinnt neue Sanktionen und muss in Wahrheit seine Ohnmacht erkennen. Die öffentliche Vorführung von Protassewitsch ist ein Verbrechen an einem jungen Menschen und eine brutale Machtdemonstration nach außen: Wir können machen, was wir wollen und keiner wird uns hindern.

Moskau macht es möglich

Möglich wird diese kaltschnäuzige Inszenierung des Minsker Propaganda-Apparates durch die Rückendeckung aus Moskau. Russland, das schon seit den 1990er Jahren durch einen speziellen Unionsvertrag mit Belarus verbunden ist, will das Nachbarland um keinen Preis als Teil seiner Interessensphäre verlieren und an den Westen „abgeben“ wie etwa die Ukraine. Deshalb lässt Kreml-Chef Wladimir Putin Lukaschenko nicht nur gewähren, sondern hilft ihm auch noch mit Krediten, Energielieferungen und militärisch.

Mit der Verhaftung des Oppositionellen Andrej Piwowarow an Bord eines Flugzeugs in St. Petersburg treten die russischen Strafverfolgungsbehörden in die Fußstapfen ihrer belarussischen Amtsbrüder, auch wenn die Maschine noch auf der Erde war und nicht – wie im Fall Protassewitsch – aus der Luft geholt wurde. Bislang galt Russland auch bei belarussischen Oppositionellen immer noch als die moderatere Form der Präsidialdiktatur. Indem Moskau das Treiben in Minsk nicht nur toleriert, sondern unterstützt, gleichen sich beide Systeme immer mehr an.

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Am Ende steht bei Arthur Koestler – personifiziert durch Rubaschow – die willenlose Unterwerfung des Individuums unter eine mörderische politische Maschinerie. Wer hätte gedacht, dass es im Europa des 21. Jahrhunderts noch einmal so weit kommen könnte?

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