Beirut: Nach Explosion mehr als 250 Millionen Euro Soforthilfe

  • Die Wut der Libanesen nach der verheerenden Explosion im Hafen von Beirut entlädt sich in gewaltsamen Protesten.
  • International werden indes Millionenhilfen für den Libanon zugesagt.
  • Die Geber knüpfen aber Bedingungen an das Geld.
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Nach der Explosionskatastrophe im Libanon sollen dem Land fast 253 Millionen Euro Nothilfe bereitgestellt werden. Die Summe kam am Sonntag bei einer internationalen Geberkonferenz zusammen, die Frankreichs Präsident Emmanuel Macron ins Leben gerufen hatte.

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Neue Zusammenstöße in Beirut
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In Beirut, der libanesischen Hauptstadt gab es am zweiten Abend in Folge Demonstrationen. Ein Mensch wurde getötet und mehr als 170 sind verletzt worden.  © Reuters

Zugleich knüpften die Geber Bedingungen an die Hilfe; sie wollten bei einer „glaubwürdigen und unabhängigen“ Ermittlung zur Ursache der Explosion helfen, hieß es. Unterstützung für den Wiederaufbau werde mit Reformen kommen, so die Staats- und Regierungschefs, andere Regierungsvertreter und internationale Organisationen. „In diesen schrecklichen Zeiten ist der Libanon nicht allein“, erklärten sie in einer Stellungnahme.

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Von den fast 253 Millionen Euro kämen 30 Millionen aus Frankreich, sagten die französischen Organisatoren. Auch die Vereinten Nationen hatten die Konferenz mitorganisiert.

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Bei der Explosionskatastrophe am Dienstag im Hafen von Beirut wurden rund 160 Menschen getötet und fast 6000 verletzt. Weite Teile der libanesischen Hauptstadt wurden verwüstet. Als Ursache der Katastrophe gilt Berichten zufolge mutmaßlich ein Feuer, das 2750 Tonnen Ammoniumnitrat zur Detonation brachte. Die Ladung mit der hoch entzündlichen Chemikalie war jahrelang in einer Halle am Hafen gelagert worden.

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Anhaltende Proteste in Beirut - Polizei setzt Tränengas ein
1:16 min
Nach der Explosion im Hafen folgt nun die Wut der Bürger über die Misswirtschaft der Regierung.  © Reuters
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Bundesaußenminister Heiko Maas sagte für Deutschland weitere 20 Millionen Euro Hilfe zu. Die EU-Kommission kündigte an, ihre Hilfe auf 63 Millionen Euro aufzustocken: Zusätzlich zu den bereits geplanten 33 Millionen Euro Notfallhilfe versprach sie bei der Konferenz 30 Millionen Euro, die über UN-Behörden, Nichtregierungsorganisationen und andere Organisationen unter strenger Aufsicht an die Notleidenden weitergegeben werden sollen. Derweil erklärte die Direktorin des Internationalen Währungsfonds, Kristalina Georgieva, der Libanon werde erst IWF-Hilfen bekommen, wenn er seine Regierung reformiere.

Auch Macron forderte die libanesischen Behörden zu grundlegenden politischen und wirtschaftlichen Reformen auf, um die Korruption im Land zu bekämpfen. Er versuche, dem Libanon die Hand zu reichen, wie "ein Freund, der zur Hilfe eilt, wenn die Zeiten hart sind, aber einem System keinen Blankoscheck ausstellt, das nicht länger das Vertrauen des Volkes genießt".

Der Hafen von Beirut galt nach Ansicht von Beobachtern als so lukrative Quelle für Betrug und Korruption, dass die politischen Fraktionen bereit waren, ihre Kontrolle darüber zu teilen - so dass praktisch jeder ein Stück vom Kuchen abbekommen konnte. Der Wiederaufbau wird immense Ressourcen benötigen. Die Frage ist, wie die Millionensumme in einem für Korruption berüchtigten Land tatsächlich an den richtigen Stellen ankommen kann.

US-amerikanische Finanzhilfen in Höhe von 15 Millionen Dollar würden "absolut nicht" an die Regierung des Landes gehen, sagte John Barsa von der US-Behörde für Entwicklungszusammenarbeit, USAID. Stattdessen sollten die Mittel direkt an die fließen, die sie am meisten benötigten. Konkret sollten sie an die American University of Beirut und die American Lebanese University gehen. Zudem werde das UN-Welternährungsprogramm Mittel bekommen, um unter anderem an rund 300 000 Notleidende Mahlzeiten zu verteilen.

Auch andere Länder wie Großbritannien, Kanada und Australien haben erklärt, sie wollten ihre Hilfen nur direkt an vertrauenswürdige Organisationen vor Ort geben - etwa an das Libanesische Rote Kreuz oder UN-Behörden.

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Ein Toter bei Protesten im Libanon - Premier will Neuwahlen
1:47 min
In Beirut im Libanon ist bei Protesten ein Mensch ums Leben gekommen.  © Reuters

Am Samstagabend hatte der libanesische Ministerpräsident Hassan Diab vorgezogene Neuwahlen vorgeschlagen. Alle politischen Parteien sollten ihre Differenzen beilegen und zusammenarbeiten. Er selbst sei bereit, für zwei weitere Monate im Amt zu bleiben. Dadurch solle die Politik genügend Zeit bekommen, Strukturreformen durchzusetzen.

Die Wut vieler Libanesen dürfte sich durch diesen Vorstoß aber nicht in Luft auflösen. In der Nacht zum Sonntag stürmten Demonstranten Regierungsgebäude und lieferten sich stundenlang Scharmützel mit Sicherheitskräften. Aus der Menge flogen Steine, Beamte reagierten mit Tränengas und Gummigeschossen.

RND/AP

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