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„Bei uns brennt die Hütte“: Eine Mitarbeiterin erzählt vom Corona-Chaos im Gesundheitsamt

  • Die Front im Kampf gegen Corona verläuft mitten durch die 400 deutschen Gesundheitsämter.
  • Die Aktenberge wachsen. Die Politik schießt Milliarden zu, aber es herrscht Chaos.
  • Eine Mitarbeiterin berichtet aus dem Inneren eines Krisenzentrums im Notstand.
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Die Frau vom Gesundheitsamt hatte es sehr eilig. „Können Sie morgen vorbeikommen?“, fragte sie am Telefon. Katarina Maurer war irritiert. Muss wohl dringend sein, dachte sie. Vor zwei Monaten hatte sie sich online beworben im Rathaus einer deutschen Großstadt – und nie eine Antwort erhalten. Funkstille. Jetzt aber sollte es plötzlich ganz schnell gehen. Bewerbungsgespräch? Nicht nötig. „Kommen Sie einfach vorbei.“

Maurer unterschrieb den Vertrag. Sie erhielt eine Arbeitsmappe zum Durchlesen. Fünf Stunden saß eine studentische Hilfskraft neben ihr. Das war die Einarbeitung der Neuen. Dann war sie auf sich selbst gestellt – allein an vorderster Front im Abwehrkampf gegen die Corona-Pandemie.

„Manchmal denke ich nur: Ach du Scheiße!“

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Maurer sitzt in einem von knapp 400 Gesundheitsämtern in Deutschland. Abteilung: Corona-Kontaktverfolgung. Die junge Frau ist Containment-Scout. Sie telefoniert mit Kontaktpersonen, ordnet Quarantäne an, fragt Testergebnisse ab, hilft, tadelt und erklärt – und staunt darüber, dass das System nicht längst zusammengebrochen ist.

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Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet kündigte einheitliche Regeln für Corona-Risikogebiete in NRW an.  © Reuters

Es herrscht Ausnahmezustand in den Gesundheitsämtern. Seit Beginn der Pandemie sind die Behörden, deren Mühlen zuvor eher gemächlich mahlten, Schaltzentralen mit multifunktionalen Aufgaben: Sie sind Seuchenpolizei, medizinischer Dienstleister, psychologischer Notfalldienst, Logistiker – und emotionaler Blitzableiter. Das gilt erst recht, seit die Fallzahlen wieder deutlich steigen, seit vielerorts Bundeswehrsoldaten die Ämter unterstützen müssen. Die Frage wird lauter, wie lange die aktuelle Anti-Corona-Strategie jeder einzelnen Kontaktverfolgung noch leistbar sein wird. Und was danach kommt.

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Katarina Maurer ist Studentin der Psychologie, 26 Jahre alt. Sie heißt eigentlich anders, aber sie möchte ihren Namen nicht veröffentlicht sehen. Sie spricht ruhig, sie klagt nicht, prangert nicht an. 22 Stunden pro Woche hilft sie im Amt, für knapp 1000 Euro netto. Sie hält große Stücke auf ihre Kollegen. Aber sie sagt: „Manchmal denke ich nur: Ach du Scheiße!“

Wer war wann wo? Die Mitarbeiterin eines Gesundheitsamtes in Gadow in Brandenburg bei der Suche nach Corona-Kontaktpersonen. Die Mitarbeiterin aus dem Bericht arbeitet in einem anderen Amt. © Quelle: Bernd Wüstneck/dpa-Zentralbild/

Es mangelte nicht an großen Versprechen

Maurer arbeitet im Team für Corona-Verdachtsfälle. So kann es nicht weitergehen, sagt sie. „Bei uns brennt die Hütte. Was wir an Masse hier liegen haben, können wir mit der aktuellen Personaldecke nicht bewältigen. Wir schieben Überstunden wie verrückt, arbeiten am Wochenende durch und tun unser Bestes, aber es ist einfach unmöglich. Wir schaffen es nicht.“

Es mangelte an vielem zu Beginn der Pandemie im März und April – an Desinfektionsmitteln, an Klopapier, an Schutzanzügen und Handschuhen, nicht aber an großen Versprechen und warmen Worten für systemrelevante Berufstätige. Sie wisse, dass das Verfolgen von Infektionsketten oder das Anordnen von Tests und Quarantäne einen „unfassbaren Mehraufwand“ für die Gesundheitsämter bedeuteten, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Die Behörden seien „zum Teil am Anschlag“, befand vor wenigen Tagen Regierungssprecher Steffen Seibert.

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Woher sollen die fehlenden Mitarbeiter kommen?

4 Milliarden Euro extra stellt der Bund bis 2026 zur Verfügung, um den Gesundheitsdienst personell aufzustocken. Das klingt nach viel Geld. Es sei „die größte Investition im öffentlichen Gesundheitsdienst in der Geschichte der Bundesrepublik“, lobt Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU). Aber für ein Bundesland wie Rheinland-Pfalz etwa bedeutet das konkret: Bis Ende 2021 sollen gerade einmal 75 neue Vollzeitstellen in den 24 Gesundheitsämtern des Landes geschaffen werden. Das sind 3,1 Stellen pro Amt. Bundesweit sind 5000 neue Stellen für die 400 Gesundheitsämter geplant – bis Ende 2022. Nur: Woher sollen die Mitarbeiter kommen?

Es gibt nicht genügend Bewerber. „In Thüringen sind viele Gesundheitsämter sehr stark belastet, weil viele Stellen gar nicht besetzt werden können“, sagt die Fraktionsvorsitzende der Linken im Thüringer Landtag, Susanne Hennig-Wellsow. In Hessen sind nur bei fünf von 25 Ämtern alle Voll- oder Teilzeitstellen für Ärzte besetzt. „Ich fürchte, dass bei den Gesundheitsämtern das Gleiche passiert wie in der Pflege“, sagte der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach der „Rheinischen Post“: „Es werden zwar neue Stellen geschaffen, man kann sie aber nicht besetzen.“

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Auf der Suche nach „Lucky Luke“

Es brennt auf dem Amt. Und es ist nicht so, dass der Fachwelt das Pro­blem nicht schon vor Corona bewusst gewesen wäre. Die Gesundheitsämter seien „in der Vergangenheit vernachlässigt worden“, sagt Detlev Ganten, Facharzt für Klinische Pharmakologie sowie Präsident und Gründer des World Health Summit.

„Wir haben mit sehr viel mehr individueller Kontaktnachverfolgung zu tun, als wir es am Ausgangspunkt der Pandemie hatten, als die Menschen noch sehr darauf geachtet haben, möglichst wenig Kontakt zu anderen Menschen zu haben“, sagte die Hamburger Sozialsenatorin Melanie Leonhard (SPD) bei einem Pressetermin. Eine einzige infizierte Person aus der Hamburger Bar Katze im Schanzenviertel etwa, die in einem Wohnheim lebt und regelmäßig Fußball spielte, habe mehr als 100 Kontaktverfolgungen ausgelöst. Und: Viele der rund 600 potenziell gefährdeten Katze-Gäste hinterließen keine Kontaktdaten, sondern trugen sich als „Darth Vader“ oder „Lucky Luke“ in die Listen ein.

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Mehr als 1300 Soldaten sind im Einsatz

Zusätzlich sollen die Gesundheitsämter Bußgelder für Maskenverweigerer erlassen. Allein die Bundespolizei hat vom 12. September bis zum 1. Oktober fast 49.000 Reisende der Deutschen Bahn ermahnt, die ohne Mund-Nasen-Schutz in Bahnhöfen oder Zügen unterwegs waren, und 658 „Uneinsichtige“ an das örtlich zuständige Gesundheitsamt gemeldet. Das sind 658 neue „Problemfälle“ in drei Wochen für ohnehin schon massiv überlastete Mitarbeiter.

Allein in Hamburg kümmern sich inzwischen 260 Mitarbeiter in Vollzeit um die Kontaktnachverfolgung von Corona-Infizierten – rund doppelt so viele wie noch vor wenigen Monaten. In Niedersachsen organisieren Landkreise und Hilfsorganisationen des Katastrophenschutzes mobile Kontaktnachverfolgungsteams. Die Bundeswehr unterstützt derzeit mit rund 1350 Soldaten verschiedene Corona-Hilfsmaßnahmen. Allein 426 Soldaten helfen in 33 örtlichen Ämtern bei der Nachverfolgung von Infektionsketten.

„Danke für das Angebot, wir organisieren uns anders“: Soldaten des Wachbataillons beim Bundesministerium der Verteidigung werten im Gesundheitsamt Berlin-Mitte an Computern die Daten zur Corona-Kontaktverfolgung aus. Der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg lehnte solche Hilfe bisher ab. © Quelle: Carsten Koall/dpa

Als einziger Berliner Bezirk lehnte Friedrichshain-Kreuzberg diese Hilfe lange ab – aus ideologischen Gründen, obwohl der Bezirk zuletzt die Obergrenze von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in einer Woche deutlich riss. Die Folge: ein veritabler Shitstorm für die grüne Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann. Sie gab sich trotzig, in grenzwertiger Orthografie: „In ganz Deutschland wird die Bundeswehr eingesetzt und 1 Ort von hunderten sagt nein Danke für das Angebot, wir organisieren uns anders, und da arbeitet sich nun seit Tagen die ganze Republik dran ab, inklusive Bundesregierung“, zürnte sie bei Twitter. „Das ist doch nur noch irre!“ Inzwischen ist Herrmann nicht mehr strikt gegen Soldatenhilfe. Jetzt diskutieren die Ausschüsse.

Was aber, wenn die aktuelle Strategie ans Limit gerät, weil die Kontaktverfolgung schlicht nicht mehr leistbar ist? Das Lehrbuch der Pandemiebekämpfung sieht drei Stufen vor. Bisher setzt Deutschland auf die erste, die Containment-Strategie: Eindämmung des Virus durch Identifizierung und Quarantäne. Die nächste pandemische Eskalationsstufe wäre „Protection“: der Schutz für Risikogruppen. Das würde bedeuten: noch stärkere Isolation für Ältere, Kranke und Risikopatienten, während das Leben für die Kräftigeren weitgehend normal verliefe.

Die Niederlande haben die Kontaktverfolgung schon eingestellt

Der Leiter des Frankfurter Gesundheitsamts, Prof. René Gottschalk, sieht die bisherigen politischen Maßnahmen kritisch. In einem Beitrag für das „Hessische Ärzteblatt“ schreibt er: Dass die Containment-Strategie „bei einer Erkrankung, die zum weitaus größten Teil bei den Patienten leicht oder gar asymptomatisch verläuft, sinnvoll ist, muss bezweifelt werden“.

„Wir schaffen es einfach nicht“: Corona-Akten im Gesundheitsamt des Landkreises Esslingen. Katarina Maurer arbeitet in einem anderen Gesundheitsamt. © Quelle: Marijan Murat/dpa

In den Niederlanden hat der öffentliche Gesundheitsdienst die Kontaktverfolgung für jeden positiv Getesteten angesichts von bis zu 6000 neuen Fällen täglich bereits eingestellt. Covid-19-Positive sollen ihre Kontakte selbst warnen.

Die Verunsicherung ist groß. Was Katarina Maurer am Telefon erlebt, ist Alltag in der Corona-Republik Deutschland. Es ist ein Land im emotionalen Krisenmodus. „Es gibt Fälle, bei denen ich mich wirklich zusammenreißen muss angesichts dieser Dummheit und Ignoranz von Menschen“, sagt sie. Sie erlebte:

  • Hausärzte, die Testergebnisse nur zögernd und auf Nachfrage an das Gesundheitsamt weitergeben
  • Berufstätige, die trotz direkten Kontakts zu einem Covid-Patienten zur Arbeit gehen
  • Kontaktpersonen, die auf die Aufforderung, sich in Quarantäne zu begeben, beleidigend und trotzig reagieren
  • Menschen, die die Mitarbeiter absichtlich lange mit „dämlichen Detailfragen“ aufhalten, um sich über sie lustig zu machen („Darf ich in Quarantäne die Haustür öffnen?“)
  • Familien, bei denen drei von fünf Mitgliedern wissentlich infiziert waren – und die seelenruhig spazieren gingen
  • Teilnehmer von Familienfeiern, die sich nicht um Corona scherten, weil sie dachten, das sei nicht so schlimm.

Es sind Naivität und Borniertheit, die Maurer besonders irritieren. „Ich glaube, wir sind es hier in unserem bequemen, sicheren Mitteleuropa nicht gewohnt, mal zu erleben, was es bedeutet, echte Not zu haben“, sagt sie. „Und wenn es dann mal eine Situation gibt, die eine gewisse Brisanz mit sich bringt, sind manche Menschen offensichtlich nicht in der Lage, eine gewisse Eigenverantwortung aufzubringen.“ Was sie sich wünschen würde: mehr Verständnis für die Ämter, die am Limit arbeiten. „Ich verstehe den Unmut“, sagt sie. „Aber wir tun wirklich, was wir können.“

Mit dem Faxgerät gegen die Pandemie

„Viele Menschen nehmen die Existenz der Gesundheitsämter jetzt erst durch Corona wahr“, schreibt Enikö Bán, Leiterin des Gesundheitsamts von Jena, in einem Gastbeitrag für die „Apotheken-Umschau“. Es mangele eben auch an digitaler Kompetenz. „Da muss es bundesweit einen Weg geben, damit flotter und klarer kommuniziert wird.“

Denn eines der wichtigsten Geräte bei der Datenübermittlung zwischen deutschen Gesundheitsämtern ist im Jahr 2020 neben dem Telefon noch immer – das Faxgerät. Per Fax aber wird sich Corona nicht besiegen lassen.

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