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Bedrohte Kabarettistin Idil Baydar: “Soll ich mal Tacheles reden?”

  • Die Kabarettistin Idil Baydar erhält Drohbriefe vom “NSU 2.0”, nachdem ihre persönlichen Daten aus einem Polizeicomputer abgerufen wurden.
  • Aus Angst wurde Wut – auf Behördenversagen, Polizeigewalt und Diskriminierung.
  • Sie verteidigt umstrittene Kollegen wie Lisa Eckhart und Dieter Nuhr – verlangt von ihnen aber, mehr nachzudenken.
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Berlin. Frau Baydar, gibt es “Cancel Culture” in Deutschland?

Natürlich gibt es die. Seit Jahrzehnten. Gegen uns!

Uns?

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Uns Migranten. Wir werden permanent gecancelt. Seit 60 Jahren leben die Deutschen und wir in diesem Land nebeneinander her. Und egal, was wir tun, wir müssen uns als rückständig, integrationsunwillig, unterdrückte Unterdrücker beschimpfen lassen. Und dann sollen wir permanent dankbar sein, dass wir hier leben dürfen. Aber wir machen das nicht mehr mit. Ihr könntet jetzt mal dankbar sein, dass wir bei euch überhaupt leben wollen.

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Hanau – Im Gespräch mit Angehörigen
1:20 min
Zwei Angehörige der Opfer von Hanau teilen ihre Gedanken und Wünsche an die Politik.  © RND

Liberale, bürgerliche Kommentatoren beklagen die “Auswüchse der Identitätspolitik” – Minderheiten seien zu empfindlich für einen offenen Diskurs und würden die Meinungsfreiheit einschränken wollen. Haben sie recht?

Es gibt so viele tolle Leute mit Migrationshintergrund, die davon abgeschreckt sind, was gerade in Deutschland passiert und jetzt das Maul aufmachen. Und wenn davon welche an einigen Punkten empfindlich reagieren, ist mir das immer noch lieber, als wenn sie weiter schweigen würden.

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Ihre persönlichen Daten wurden widerrechtlich in einem hessischen Polizeicomputer abgefragt, danach erhielten Sie Drohnachrichten vom “NSU 2.0”. Wie ist der Stand der Ermittlungen?

Ich habe gerade mit dem Landeskriminalamt in Wiesbaden telefoniert und ihnen genau diese Frage gestellt. Die Antwort war: “Das können wir Ihnen nicht sagen.” Mir können sie nichts sagen, aber meine Daten an Nazis weitergeben, das können sie! Dann wundert es mich nicht, dass die Täter sich so unglaublich sicher fühlen. Die wissen, dass ihnen nichts passiert. Die Anwältin Seda Basay-Yildiz hat das erste Mal vor zwei Jahren solche Drohungen bekommen. Zwei Jahre! Und was ist passiert? Nichts!

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Werden Sie beschützt? Was hat Ihnen die Polizei geraten?

Ich hatte ein Gespräch beim Staatsschutz. Der Beamte hat mir geraten, die Telefonnummer zu wechseln. Aber damit hört es doch nicht auf! Das ist ja fast wie der klassische Satz “Trag keinen Minirock, dann wirst du nicht vergewaltigt.”

Was haben die Drohungen bei Ihnen ausgelöst?

Ich werde weniger gebucht, weil die Veranstalter mit mir einen höheren Sicherheitsaufwand haben. Aber zum Glück erfahre ich auch sehr viel Solidarität. Und natürlich frage ich mich jeden Tag, wenn ich nach Hause komme: Steht noch alles? Hängt vielleicht irgendwo eine Drohung? Das war zum Glück nie der Fall, aber ich bin an dem Punkt, an dem ich die Institutionen infrage stelle, das Grundgesetz infrage stelle. Soll ich mal Tacheles reden?

Bitte.

Ich bekomme den Eindruck, dass hier nicht nur ein paar rechtsextreme Polizisten am Werk sind, sondern dass die von noch viel mehr Leuten gedeckt werden. NSU, Halle, Hanau, NSU 2.0 – das ist ein Schlag nach dem anderen! Ich bin weder links noch rechts noch irgendwas. Ich beobachte nur, was passiert, und finde das alles sehr seltsam.

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Wohin mit dieser Wut?

Weiß ich nicht. Wenn ich mich aufrege, wenn ich wütend werde, bin ich wieder die Schuldige. Wir sollen devot sein, ruhig, uns in der Opferrolle einrichten. Aber auch das mache ich nicht mehr mit. Wenn ich in der Talkshow neben so einem Bosbach sitze – wie soll ich dann nicht eskalieren?

Vertrauen Sie noch den Institutionen?

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Wie kann ich das? Für mich wirkt das wie ein Fass ohne Boden. Ich vertraue der Presse, weil sie immer wieder die Arbeit macht, die eigentlich die Polizei machen müsste. Ich glaube an die Meinungsfreiheit, als Satirikerin glaube ich an die Kunstfreiheit, das zählt.

Diese Freiheit nehmen auch Dieter Nuhr und Lisa Eckhart für sich in Anspruch. Gilt die für sie nicht?

Natürlich gilt sie! Jede Künstlerin, jeder Künstler soll überall auftreten dürfen, wo er oder sie will. Übrigens halte ich Lisa Eckhart nicht für eine Faschistin. Solange sie kein Programm darüber macht, dass sie KZs aufmachen will, soll sie auftreten. Mein Problem mit einem Kabarettisten wie Dieter Nuhr ist ein anderes. Der kommt vor lauter Projizieren gar nicht mehr zum Reflektieren.

Wie meinen Sie das genau?

Wenn Dieter Nuhr sich hinstellt und etwas Rassistisches über Migranten sagt, dann sollte er reflektieren, wie er die Balance hält zwischen Ab- und Aufwertung. Er sollte darüber nachdenken, welche Ängste er auf andere projiziert. Wenn er das nicht macht, muss ich anmerken, dass er nur Scheiße über Migranten sagt.

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