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1200 Euro pro Monat für lau? So funktioniert das Pilotprojekt Grundeinkommen

  • Das “Pilotprojekt Grundeinkommen” verschenkt drei Jahre lang 1200 Euro monatlich.
  • Das Forschungsprojekt ist am Dienstag in die Bewerbungsphase gestartet.
  • Hinter der Studie stehen starkes Crowdfunding und eine Menge Fragen zur Wirkung von Geld auf den Menschen.
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Berlin. Die Studie “Pilotprojekt Grundeinkommen” garantiert jedem Teilnehmer und jeder Teilnehmerin 1200 Euro im Monat – bedingungslos, abgabenfrei, einfach zusätzlich zum sonstigen Einkommen. Am Dienstag hat der Bewerbungszeitraum für das Forschungsprojekt begonnen, das der Verein “Mein Grundeinkommen” in Kooperation mit dem Max-Planck-Institut und dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) unter Einbeziehung des sozioökonomischen Panels (SOEP) angestoßen hat. Mehr als 500.000 Menschen wollen bereits teilnehmen.

Crowdfunding ist der Schlüssel

Finanziert wird die Studie durch Crowdfunding. Über 140.000 Privatpersonen haben schon freiwillig Geld gespendet. “Viele Crowdfunder sind einfach Freunde der Idee, andere sind auch Skeptiker und wollen abwarten, was die Studie für Ergebnisse hervorbringt”, erklärte Michael Bohmeyer, Projektentwickler und Sprecher der Studie am Dienstag in Berlin. So wie jeder spenden kann, kann auch jeder eine Bewerbung für die Teilnahme am Projekt einreichen. Und: Das Grundeinkommen muss nicht versteuert werden, weil es über die Privatspenden der Crowdfunder als Schenkung im niedrigen Bereich gesehen wird.

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So läuft das Pilotprojekt

Seit Dienstag läuft die Bewerbungsphase zur Studie. Mit seiner Mailadresse meldet man sich an und füllt nach der Bestätigung einen kurzen und einfach gehaltenen Fragebogen zu seinen persönlichen Daten aus. Sobald sich eine Million Menschen beworben haben oder spätestens am 10. November 2020 endet die Bewerbungszeit. Im Anschluss wählen die Forscher unter allen Bewerbern und Bewerberinnen die aus, die sich für wissenschaftliche Fragestellungen am ehesten eignen. Unter ihnen befinden sich dann wiederum die 20.000, die zufällig für die erste Basisbefragung ausgewählt werden.

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In einem dritten Schritt werden die Fragebögen ausgewertet, die Ergebnisse mit Daten des Statistischen Bundesamtes verglichen und dann – erneut zufällig – die 120 Personen bestimmt, die über drei Jahre das Grundeinkommen beziehen. Außerdem werden 1380 Probanden und Probandinnen ausgesucht, die als Vergleichsgruppe dienen und kein Grundeinkommen erhalten.

Im Frühjahr 2021 startet dann die Auszahlung des Grundeinkommens von 1200 Euro im Monat über drei Jahre hinweg. Alle sechs Monate müssen die Teilnehmer und Teilnehmerinnen beider Gruppen Onlinefragebögen bearbeiten. Mit einigen werden zusätzlich so genannte Tiefeninterviews geführt. Zur Bestimmung des Stresslevels der Teilnehmer während des Experimentes werden außerdem 120 Haarproben einzelner Teilnehmer ausgewertet.

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Kerninteresse Stressentwicklung

Stress ist ein zentraler Bestandteil dieser Studie zum Grundeinkommen. “Durch die Bedingungslosigkeit schauen wir aus psychologischer Sicht gern auf die Stressentwicklung”, sagte die Forschungsgruppenleiterin im Bereich ökonomische Kognition, Susann Fiedler. Haben die Probanden und Probandinnen vielleicht keinen negativen Stress, weil sie das Gefühl haben, durch die Absicherung ihr Leben wieder mehr in der Hand zu haben? Das sei das Kerninteresse, so die Wissenschaftlerin.

Ganz grundsätzlich wolle man wissen, “was das Grundeinkommen mit Verhalten und Einstellungen macht und ob es helfen kann, mit den gegenwärtigen Herausforderungen unserer Gesellschaft umzugehen”, erklärte Studiensprecher Bohmeyer.

Weitere Forschungsfragen sind unter anderem, ob Menschen sich trauen, neue Wege einzuschlagen und sich zum Beispiel beruflich neu zu orientieren, oder ob sie mehr Zeit für ehrenamtliche Engagements aufbringen, weil sie durch die Absicherung keine starken Existenzängste mehr verspüren. “Drei Jahre mit einem bedingungslosen Grundeinkommen sind eine lange Zeit. Das kann einen ganz neuen Planungshorizont schaffen”, so Fiedler.

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Geld ist garantiert und nicht kürzbar

Während also vor allem individuelle Erkenntnisse über das Verhalten der Probanden und Probandinnen gewonnen werden können, stößt die Studie an anderen Stellen an ihre Grenzen. Es ist zum Beispiel nicht möglich, allgemeine Rückschlüsse auf Veränderungen der Produktivität und des Konsums zu ziehen. Auch externe Faktoren wie Preis- und Lohnentwicklung können nicht kontrolliert werden. Auch ein Werte- und Kulturwandel kann nicht einfach bemessen werden. “Die Fragen, die wir hier knacken wollen, sind empirischer Natur, nicht ideologischer”, stellte Jürgen Schupp, der leitende Forscher des SOEP, bei der Pressekonferenz klar.

Das Forschungsprojekt wirbt gegenüber Interessierten vor allem damit, für jedermann zugänglich zu sein, egal in welcher Lebenslage er oder sie sich befindet. Das Geld sei eben garantiert und nicht kürzbar. Wichtig außerdem: Das Geld reicht nach Ansicht der Forscher aus, um “würdevoll sein Leben zu bestreiten”. Zudem läuft die Studie unabhängig von jeglichem politischen Interesse ab. “Wir sind froh, dass keine Abhängigkeit bei möglicher politischer Veränderung gilt”, erklärte Schupp und fügte an: “Natürlich können etwaige Erkenntnisse des Pilotprojektes aber zum Beispiel die Debatten zur und nach der Bundestagswahl 2021 beeinflussen.”

Das Geld sei nicht verschenkt. Schließlich werde auch getestet, wie das Grundeinkommen refinanziert werden könnte.

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