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Bedford-Strohm: „Wir sollten nun stärker die seelische Inzidenz berücksichtigen“

  • Unter den Deutschen haben sich nach einem Jahr Pandemie Erschöpfung und Nervosität breitgemacht.
  • Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) fordert ein Umsteuern in der Corona-Politik.
  • EKD-Ratsvorsitzender Heinrich Bedford-Strohm im RND-Interview über Seelenqualen, Barmherzigkeit gegenüber Politikern und die Not von Kindern und Pflegekräften.
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Berlin. Heinrich Bedford-Strohm (60) ist seit 2014 Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, zugleich steht er seit 2011 als Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern vor. Er sagt, wie die Gesellschaft insgesamt werde auch die Kirche verändert aus der Corona-Pandemie hervorgehen. Im Interview spricht er über den Sinn der Auferstehungsgeschichte, das Denken Angela Merkels, einen fairen Lastenausgleich und seinen zweijährigen Enkelsohn.

Ein Jahr der Corona-Pandemie liegt hinter uns. Wie ist Ihre aktuelle Gemütslage, Herr Bedford-Strohm?

Gemischt. Auf der einen Seite mache ich die Erfahrung, dass man trotz Abstandsgebot durch Technik gut miteinander kommunizieren und sich sehen kann. Auf der anderen Seite spüre ich jedoch auch die Erschöpfung, Verwundung und Nervosität vieler Menschen – dieses Pendeln zwischen Hoffnung und Enttäuschung. Wir spüren alle, wie sehr uns das Kraft raubt.

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Haben Sie sich inzwischen daran gewöhnt, auf Umarmungen oder Händedruck zu verzichten?

Nein, daran kann ich mich nicht gewöhnen. Ich bin ein Mensch, der Umarmungen oder den Händedruck braucht. Natürlich weiß ich, dass es im Moment aus Gründen des Gesundheitsschutzes unangebracht ist. Aber ich sehne mich nach der Zeit, in der Umarmungen wieder möglich sind.

Miteinander gehört zur DNA von Kirche

Kirche auf Abstand – wie funktioniert das eigentlich?

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Ich war gerade heute früh draußen und habe mit Smartphone und Selfiestick mein regelmäßiges Facebook-Video aufgezeichnet. Zwei Minuten, in denen es um Liebe ging. Die Videos stelle ich montags, mittwochs und freitags auf die Seite. Das ist mein Versuch, den Menschen nahe zu sein und ihnen als Christ Kraft zu geben. Aber klar: Das Miteinander gehört zur DNA von Kirche, und viele Gemeinden haben in der Pandemie dafür Erstaunliches geleistet.

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm.
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Durch Gottesdienste als Videokonferenz?

Nicht nur. Seelsorge funktioniert auch heute noch mit Papier und Telefon für Menschen, die nicht so digital sind. Ich habe zuletzt einen Videogottesdienst gefeiert, bei dem die Menschen in die Chatspalte live ihre Gebete oder Bitten hineinschrieben, und wir haben uns alle ins Gesicht gesehen. Das ist so in der Kirche gar nicht möglich, wo ich den Rücken des vor mir Sitzenden sehe. Wir bekommen auf diese Weise plötzlich Kontakt zu Menschen, die sonst keinen Fuß in die Kirche setzen. Das sind beglückende Erfahrungen, die uns als Kirche verändern werden.

Alle Gottesdienstformate anbieten

In der vor uns liegenden Karwoche geht es im Christentum um Licht und Schatten, das Sterben und die Auferstehung Jesu. Hoffnungen und Enttäuschungen prägen auch unsere derzeitige Situation.

Die Auferstehungsgeschichte besitzt viel Aussagekraft gerade in dieser schwierigen Zeit. Beim Osterfest im vergangenen Jahr haben die Kirchen so viele Menschen erreicht wie lange nicht mehr zuvor. Wir rechnen auch in diesem Jahr damit – und wollen, ohne das durch die Pandemie verursachte Leid wegzuwischen, Zuversicht stiften. Dafür ist Ostern da. Das wollen wir den Menschen in unseren Gottesdiensten in Funk und Fernsehen, in den digitalen Gottesdienstformaten wie auch in den präsentischen Gottesdiensten in vertrauten Kirchenräumen oder unter freiem Himmel vermitteln.

Die meisten Menschen waren sehr lange sehr vorsichtig. Jetzt haben nahezu alle den Kanal voll – und würden am liebsten nach Mallorca. Haben Sie Verständnis dafür?

Ich verstehe das Erholungsbedürfnis – nahezu jeder von uns dürfte erschöpft sein. Ich finde jedoch, man sollte sich davor hüten, sich jetzt etwas herauszunehmen, was anderen eventuell schadet. Und den Trip nach Mallorca zähle ich dazu. Das soll keine moralische Belehrung sein. Ich rate davon ab, weil es wegen der befürchteten Virusausbreitung Warnungen ernst zu nehmender Forscher gibt. Jeder muss sich selbst prüfen, wie er dazu beitragen kann, dass wir alle möglichst schnell und unbeschadet aus dieser Krise herauskommen. Erholung ist doch auch möglich ohne weit zu reisen.

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Der ausländische Tourismus nach Spanien ist im vergangenen Jahr um rund 80 Prozent auf 19 Millionen Besucher eingebrochen.  © Reuters

„Politiker sind zuallererst Menschen“

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Müdigkeit und Erschöpfung machen sich auch im Krisenmanagement der Politik bemerkbar. Oder wie beurteilen Sie die Lage?

Politiker sind zuallererst Menschen. Viele von ihnen müssen seit einem Jahr Dilemmaentscheidungen treffen. Dafür verdienen sie zunächst einmal unsere Solidarität und unser Mitgefühl als Menschen. Ich wünsche mir auch mehr Barmherzigkeit im Umgang mit ihnen als Politiker. Sicher sind Fehler gemacht worden und manch einer würde heute andere Entscheidungen treffen als vor Monaten – das darf auch kritisiert werden, keine Frage. Aber bitte mit Respekt und Empathie!

Ist das zunehmende Misstrauen gegenüber dem politischen Krisenmanagement unangebracht?

Ich habe dafür Verständnis, wenn sich jemand, der alle Regeln befolgt, durch falsche oder zögerliche Entscheidungen zurückgeworfen fühlt. Bedenken sollte jedoch jeder, dass politische Entscheidungen derzeit immer Menschenleben kosten können – egal, in welche Richtung sie getroffen werden.

Der Wissenschaft sehr genau zuhören

Dennoch: Die fehlende Teststrategie, die schlechte Impfvorbereitung oder Wirrwarr bei Öffnungen und Schließungen haben zu begründetem Verdruss der Öffentlichkeit geführt. Hat die Bundeskanzlerin aus Ihrer Sicht noch das Heft des Handelns in der Hand?

Wir haben Situationen erlebt, in denen Angela Merkel frühzeitig konsequentes Vorgehen forderte – was von der Länderrunde abgelehnt wurde. Weihnachten beispielsweise zeigte sich, dass die Kanzlerin recht hatte: Deutschland hätte Ende vergangenen Jahres viel früher in den Lockdown gehen müssen. Es zeigte sich hier, was Frau Merkel immer betont – wir können nicht nur unseren Empfindungen nachgeben, sondern müssen auch der Wissenschaft sehr genau zuhören.

Somit sind die Inzidenzzahlen zu Markierungen unseres Weges aus der Pandemie geworden, der endlos scheint. Ist die Fokussierung darauf richtig?

Nach zwölf Monaten Corona-Krise ist deutlich, dass nicht mehr allein die Inzidenzzahlen im Zentrum der Überlegungen stehen können. Jetzt muss auch der Erschöpfung der Menschen durch kluge Öffnungen Rechnung getragen werden. Die von Studien belegte seelische Erschöpfung vor allem von Kindern und Jugendlichen ist erschütternd.

Zusammenkünfte sind Balsam für die Seele

Es gibt also eine Art zu berücksichtigende seelische Inzidenz?

Ja, die seelischen Inzidenzzahlen sind gefährlich hochgeschnellt. Die seelische Verfassung sollte darum stärker in den Mittelpunkt rücken. Sie war viel zu wenig Thema in dem zurückliegenden Jahr. Mit den schon absolvierten Impfungen der alten Menschen, dem Beheben der Impf- und Testprobleme und guter Organisation sollte es klappen, wieder Zusammenkünfte von mehr Menschen als bislang zu ermöglichen. Es wäre Balsam für die Seele.

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Im Saarland soll es nach Ostern im Rahmen eines Modellprojekts landesweite Öffnungen geben.  © Reuters

Die Menschen ahnen, dass dieser Krise eine nächste folgen könnte. Auf irgendwelchen Wegen muss sich der Staat die Milliardenhilfen zumindest teilweise wieder zurückholen. Wer soll zahlen?

Wir fallen nicht in ein dunkles Loch. Und das sage ich nicht nur als Christ, der viel Zuversicht und Widerstandsfähigkeit aus der biblischen Hoffnungsgeschichte schöpft. Es gibt zwei Wege: Sinnvolle Schulden machen, indem wir Geld so investieren, dass die künftigen Generationen etwas damit anfangen können. Und dass die Wohlhabenden für die weniger Wohlhabenden einstehen – ganz im Sinne unserer sozialen Marktwirtschaft. Die Umverteilung von oben nach unten könnte beispielsweise durch einen Lastenausgleichsfonds geschehen.

Profiteure der Pandemie in Verantwortung nehmen

An wen denken Sie da?

Es gibt ja – etwa im Onlineverkaufsbereich – Firmen, die in der Pandemie extrem profitiert haben. Die könnten jetzt auch stärker in die gesellschaftliche Verantwortung genommen werden, im Übrigen auch für die Unternehmen wie etwa Restaurants oder Kultureinrichtungen, die völlig unverschuldet ihr Lebenswerk untergehen sehen. Das wäre nur fair.

Familien stehen in der Pandemie besonders unter Druck. Finden Sie, dass sie am Ende besonders belohnt werden sollten?

Eltern müssen ihre Kinder in den nächsten Jahren bestens und liebevoll versorgen können. Dazu gehören die Aufgaben, die schon vor der Pandemie bestanden: Eine exzellente Kita-Struktur schaffen und die Betreuerinnen und Betreuer angemessen bezahlen. Es wird auch darum gehen müssen, die Arbeitswelt anders auszurichten. Ob im Homeoffice oder im Büro – entscheidend ist, dass sich nicht die Familienwelt nach der höchst möglichen Produktivität des Arbeitgebers richten muss. Es sollte genau umgekehrt sein. Die ständige Verfügbarkeit für den Job, die sich als Gedanke in unsere Köpfe eingenistet hat, kann Familien auf Dauer kaputtmachen.

Scheitern des Tarifvertrags für Pflegekräfte ist bedauerlich

Soziale Berufe werden überwiegend von Frauen ausgeübt. Am Anfang der Pandemie gab’s dafür noch Beifall, ein Jahr später reicht es immer noch nicht für einen bundesweiten Tarif für Pflegeberufe – woran die kirchliche Wohlfahrt nicht ganz unschuldig ist. Sind wir alle so vergesslich?

Ich bedaure außerordentlich, dass dieser Tarifvertrag gescheitert ist. Caritas und Diakonie bezahlen höhere Gehälter als der Vertrag es für die Branche vorsah. Es bestand die Sorge, dass dies nach Abschluss des Tarifvertrags nicht mehr refinanzierbar ist. Wir brauchen aber die bessere Entlohnung von Pflegekräften, weil wir viel zu wenige haben.

Haben Sie Ideen?

Es gibt bereits Vorschläge, steuerliche Entlastungen für diese Berufe einzuführen. Letztlich ist aber ein gesellschaftliches Bewusstsein nötig, nicht allein zu applaudieren, sondern auch materielle Konsequenzen zu tragen. Dazu gehört eine Reform der Pflegeversicherung, die die Refinanzierung sichert. Im Klartext: Die Beiträge werden steigen. Das Geld fällt nicht vom Himmel.

Rechtsextreme Tendenzen bleiben eine Gefahr

Im vergangenen Jahr waren sich Zukunftsforscher sehr sicher, dass die Gesellschaft gestärkt aus der Corona-Krise hervorgeht – solidarischer, empathischer, weniger polarisiert. Glauben Sie daran?

Wir haben es selbst in der Hand. Ich finde, wir haben diese Krise bislang gut bewältigt und konnten neben allem Leid, das durch sie verursacht wurde, durchaus auch positive Erfahrungen sammeln. Wir sind aber noch nicht durch. Derzeit steigt die Nervosität und manch einer ist sehr wütend. Politisch sind die extremen Parteien bei den zurückliegenden Landtagswahlen zwar abgestraft worden. Rechtsextreme Tendenzen bleiben aber eine Gefahr für die Gesellschaft – vor allem dort, wo sie sich mit Impfgegnern oder Corona-Leugnern verquicken. Jeder sollte zum Beispiel überlegen, ob er bei Demonstrationen gegen Corona-Maßnahmen Leuten Deckung gibt, die menschenverachtende Positionen vertreten.

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm.

2019 waren es Kinder und Jugendliche, die der Klimapolitik neuen Schwung verliehen. Werden die sich jetzt um sich selbst kümmern, wenn die Pandemie vorüber ist?

Nein. Ich bin überzeugt: Es geht weiter. Das konnte man ja vor ein paar Tagen beim Klimastreik wieder spüren. Die Demonstrationen haben sich in der Pandemie zwar von den Straßen in die sozialen Netzwerke verlagert. Dabei werden es die jungen Leute jedoch nicht belassen. Die Bewegung Fridays for Future hat es geschafft, das Handeln gegen den Klimawandel ins Zentrum von Politik und auch von Wirtschaft zu rücken. Wir unterstützen das als Kirchen nachdrücklich.

Kosten werden in die Zukunft verschoben

Sie sind beim Thema Klimaschutz sehr vehement.

Meine ganz persönliche Motivation ist mein zweijähriger Enkelsohn. 2079 ist er so alt wie ich heute – 60. Als Großvater beunruhigt es mich zutiefst, wenn wir so weitermachen wie bisher. Ich möchte, dass mein Enkel in seiner Umwelt in Zukunft mindestens genauso gut leben kann wie ich jetzt. Wenn wir weitermachen wie bisher, wäre das unmöglich.

Wie bei den Löhnen für Pflegekräfte wäre dafür die Bereitschaft mehr zu zahlen vonnöten, oder?

Wir verschieben gegenwärtig die nötigen Kosten in die Zukunft. Preise, etwa für Lebensmittel oder auch Kraftstoffe, müssen aber schon heute die ökologische Wahrheit sagen. Das ist eine große politische Aufgabe. Sonst müssen unsere Kinder und Kindeskinder diese Kosten übernehmen. Wollen wir das wirklich? Hoffnung machen mir, – das klingt jetzt absurd –, jüngste Botschaften solcher Finanzinvestoren wie Blackrock. Die raten inzwischen dazu, voll auf Klimaschutz zu setzen, um Erträge zu maximieren. Das zeigt, dass sich etwas verändert. Es wäre erfreulich, wenn der Wettbewerb künftig in diese Richtung ginge.

Lage in Flüchtlingslagern ist Schande für Europa

Der Klimawandel gehört neben politischer Verfolgung zu den größten Verursachern von Fluchtbewegungen. Wie schätzen Sie die Situation für Europa nach fünf Jahren des Flüchtlingspakts zwischen EU und der Türkei ein?

Die Werte, nach denen sich Europa als weltoffener Kontinent und als Gemeinschaft von 27 Staaten definiert, stehen auf dem Spiel. Die Zustände in den Lagern auf griechischen Inseln sind eine absolute Schande für Europa. Unsäglich ist auch, dass die Seenotrettung eingestellt wurde und verzweifelten Menschen quasi beim Ertrinken zugeschaut wird. Ebenso ist es eine Schande, wenn Flüchtlinge mit Kindern zum Teil barfuß durch verschneite bosnische Wälder irren, nur weil die EU-Staaten es nicht schaffen, menschenwürdige Unterbringungen zur Verfügung zu stellen und sich weigern, auch nur eine minimale Anzahl von Menschen aufzunehmen.

Deutschland hat sich bereit erklärt, mehr als 1500 Menschen aufzunehmen.

Dieses Aufnahmekontingent sollte angesichts der Not nicht auslaufen, sondern fortgesetzt werden. Die Anstrengungen sind nicht groß genug. Unverständlich ist zum Beispiel, warum die vielen europäischen Kommunen, die wiederholt ihre Aufnahmebereitschaft erklärt haben, nicht zum Zuge kommen. Die Innenministerien der EU-Länder blockieren einfach. Da liegt vieles im Argen, das unseren Werten diametral widerspricht.

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