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Bayern prüft Einsatz interaktiver Zeitzeugengespräche im Unterricht

  • Kultusminister Michael Piazolo will sich “genau anschauen”, ob virtuelle Gespräche mit Holocaust-Überlebenden Anwendung in Schulen finden können.
  • Im Deutschen Technikmuseum wird aktuell ein solches Konzept getestet.
  • Stefanie Hubig, rheinland-pfälzische Bildungsministerin und Präsidentin der Kultusministerkonferenz, findet das Projekt “vielversprechend”.
Tobias Dinkelborg
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Berlin. Der bayerische Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler) und Stefanie Hubig (SPD), die rheinland-pfälzische Bildungsministerin und aktuelle Präsidentin der Kultusministerkonferenz, zeigen sich offen für Projekte, interaktive Gespräche mit Holocaust-Überlebenden in den Lehrplan aufzunehmen.

Das Deutsche Technikmuseum in Berlin hatte am vergangenen Dienstag in Zusammenarbeit mit der University of Southern California (USC) Shoah Foundation des Regisseurs Steven Spielberg das erste deutsche Zeitzeugnis vorgestellt, das es mittels bereits aufgezeichneter Videoaufnahmen ermöglicht, Antworten von Holocaust-Überlebenden zu bekommen.

“Das in Berlin vorgestellte Konzept, das auf virtuelle Gespräche mit Zeitzeugen setzt, werden wir unter pädagogischen Gesichtspunkten genau anschauen und prüfen, wie gut es sich im Unterricht einsetzen lässt”, sagte Piazolo dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). SPD-Politikerin Hubig ergänzte gegenüber dem RND. “Da die Zeitzeugen immer älter werden, ist es wichtig, dass wir neue Formate dafür finden. Das interaktive Projekt in Berlin ist ein guter Schritt und erscheint vielversprechend. Wie eindrücklich das Zusammentreffen mit Zeitzeugen ist, erlebt man, wenn man Schülerinnen und Schüler dabei begleitet.”

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Projekt noch in einer Testphase

Das erste deutsche Zeitzeugen-Interview war im vergangenen Jahr mit der Auschwitz-Überlebenden Anita Lasker-Wallfisch in einem Londoner Green-screen-Studio aufgezeichnet worden. Die 94-Jährige hatte etwa 1000 Fragen beantwortet und wurde dabei von Spezialkameras gefilmt. Nun kann man “ihr” Fragen stellen und erhält eine Antwort, die aus dem Pool der Aufzeichnungen stammt und von der Videoversion Lasker-Wallfischs gegeben wird, die in lebensgroßer Darstellung auf einem Monitor zu sehen ist. Aktuell befindet sich das Projekt noch in einer Testphase.

Anita Lasker-Wallfisch, eine KZ-Überlebende, aufgezeichnet als digitale Zeitzeugin.

“Die Begegnung mit Zeitzeugen ist an unseren Schulen eine besonders wichtige Form der Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft. Die direkt vermittelten Erfahrungen von Menschen, die den Holocaust überlebt haben, beschäftigen die Schülerinnen und Schüler nachhaltig und stärken ihre persönliche Haltung zu Demokratie und Rechtsstaatlichkeit”, sagte Piazolo.

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Persönliche Begegnung mit Zeitzeugen nicht ersetzbar

Bayern und Rheinland-Pfalz setzen allerdings auch auf alternative Methoden. “Eine Überlegung, die wir auch im Stiftungsrat der Bayerischen Gedenkstättenstiftung erörtern, sieht vor, dass Nachkommen der Holocaust-Überlebenden in den Dialog mit jungen Menschen treten sollen”, fügte Bayerns Kultusminister Piazolo hinzu. Und Hubig betonte: “Auch das Zusammentreffen mit den Söhnen, Töchtern und Enkeln von Zeitzeugen, also der zweiten und dritten Generation, die von der Geschichte ihrer Familie erzählen, ist ein wichtiger Ansatz.”

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Dennoch mahnte Piazolo: “Uns muss bewusst sein: Leider wird keine Form der historischen Aufbereitung die Unmittelbarkeit der persönlichen Begegnung mit den Zeitzeugen ersetzen können.”

Erster Test an einer Schule in den USA

In den USA wird das interaktive Zeitzeugnis bereits im Unterricht getestet. “Wir sind in New Jersey mit einem Pilotprojekt an Schulen unterwegs, um Erfahrungen zu sammeln, wie man das im Unterricht einbauen kann”, sagte Karen Jungblut, Director of Global Initiatives der USC Shoah Foundation. “Ganz sicher ist es eines unserer Ziele, das Interviewgespräch in pädagogischen Situationen anzuwenden.” Doch in jedem Land seien unterschiedliche Voraussetzungen zu erfüllen.

Joseph Hoppe, stellvertretender Direktor des Deutschen Technikmuseums in Berlin, wirbt für eine Ausweitung des Projekts. “Wichtig ist, wenn man das Programm weiter verfolgt, dass weitere Interviews gemacht werden und die letzten Überlebenden, die sich der Situation stellen wollen und können, da zu integrieren”, sagte Hoppe. “Die Glaubwürdigkeit des ganzen Programmes hängt daran, dass es mehrere Zeitzeugen sind, die unterschiedliche Erfahrungen berichten können.”

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