Bartsch wäre gern allein Chef

Anfang März kündigte Sahra Wagenknecht an, nicht erneut für den Fraktionsvorsitz kandidieren zu wollen. Ihr Co-Fraktionsvorsitzender Dietmar Bartsch würde am liebsten solo weiter machen. Doch es herrschen Zweifel, ob ihm das gelingt.

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Berlin. Linksfraktionschef Dietmar Bartsch strebt an, den Vorsitz nach dem Verzicht seiner Co-Fraktionsvorsitzenden Sahra Wagenknecht auf eine erneute Kandidatur künftig allein zu übernehmen. Das erfuhr das RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) aus mehreren Quellen in Bartschs Umfeld.

Demnach arbeitet der 61-Jährige ferner daraufhin, die Entscheidung noch vor der parlamentarischen Sommerpause herbeizuführen; sie beginnt am 29. Juni. Ein Vertrauter des Linken-Politikers wird mit den Worten zitiert: „Das könnte der Dietmar Bartsch auch allein.“ Bartsch selbst sagte dem RND mit Blick auf die Europawahl und die Bürgerschaftswahl in Bremen Ende Mai: „Wir werden darüber in großer Ruhe nach den Wahlen reden und entscheiden.“

Wagenknecht hatte Anfang März erklärt, sich nicht noch einmal um den Fraktionsvorsitz bewerben zu wollen. Sie machte gesundheitliche Gründe geltend, verwies aber auch auf anhaltenden Stress und fortgesetzte Anfeindungen. Anschließend kam sie mit Bartsch und den Parteivorsitzenden Katja Kipping und Bernd Riexinger überein, die Entscheidung darüber, wie es weiter geht, nach der Europawahl am 26. Mai zu fällen.

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Vielleicht kommt Gesine Lötzsch zurück

Nun werden parteiintern zwei Modelle gehandelt: die neue Fraktionsführung bis Ende Juni zu wählen – also weit vor den Landtagswahlen in Brandenburg und Sachsen, die am 1. September stattfinden – oder nach dem 27. Oktober, dem Tag der Landtagswahl in Thüringen.

So würden sich etwaige Auseinandersetzungen, die in der Linken oft mit großer Schärfe geführt werden, voraussichtlich nicht auf die Landtagswahlen auswirken. Turnusmäßig stünde die Neuwahl des Fraktionsvorstandes erst im Herbst an.

Für den Fall, dass sich Bartsch mit seinem Wunsch, es künftig wie einst Gregor Gysi allein zu machen, nicht durchsetzen sollte, sind mehrere Nachfolgerinnen im Gespräch. Gehandelt werden Parteichefin Katja Kipping, die ehemalige Bundesgeschäftsführerin Caren Lay sowie die Innenexpertin Martina Renner – wobei alle drei sich politisch nahe stehen und kaum gegeneinander antreten dürften. Lay und Renner stammen aus Rheinland-Pfalz, sind allerdings schon seit längerem in Sachsen und Thüringen zu Hause.

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Die bisherigen Wagenknecht-Unterstützer haben die frühere Parteivorsitzende Gesine Lötzsch ins Spiel gebracht, die nach RND-Informationen eine Kandidatur nicht ausschließt. Die 57-Jährige war von 2005 bis 2010 stellvertretende Fraktionsvorsitzende und anschließend gemeinsam mit Klaus Ernst bis 2012 Parteichefin, hat also ähnlich wie Kipping Führungserfahrung.

„Ziemlich viel Gegenwind“

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Genannt wird schließlich die Bildungsexpertin Nicole Gohlke, die in München geboren wurde und dem Bundestag seit 2009 angehört. „Wir stehen vor der Herausforderung, mit dem neuen Fraktionsvorstand etwas aufzubauen, was wirklich alle Teile der Fraktion repräsentiert“, sagte sie dem RND. „Ich möchte, dass wir das gut in einem Team hinbekommen. Dabei geht es auch, aber nicht nur um die Vorsitzenden, sondern ebenso um deren Stellvertreterinnen und Stellvertreter. Und es geht darum, den linken Flügel, der ein Stück weit geschwächt ist, wieder mitzunehmen.“

Die 43-jährige Mutter einer fünfjährigen Tochter kam über die Wahlalternative Arbeit und Soziale Gerechtigkeit (WASG) zur Linken, zählt dort zum linken Flügel und ist Kreisvorsitzende in München. Zu eigenen Ambitionen auf den Vorsitz äußerte sie sich nicht.

Aus führenden Fraktionskreisen verlautet, dass Bartsch gewiss in der Lage sei, es allein zu machen, es im Fall eines entsprechenden Versuchs aber „ziemlich viel Gegenwind“ gäbe. Der Fraktionschef führe gerade zahlreiche Gespräche, um die Lage auszuloten.

Seine Chancen könnten steigen, wenn keine Mehrheit für eine Wagenknecht-Nachfolgerin in Sicht käme und das Europawahlergebnis so schlecht ausfiele, dass Bartsch wie ein notwendiger Stabilitätsanker da stünde.

Von Markus Decker/RND