Baerbock oder Habeck? Die K-Frage der Grünen

  • Erstmals in ihrer Geschichte wollen die Grünen versuchen, das Kanzleramt zu erobern.
  • Für die Kanzlerkandidatur haben sich die beiden Parteivorsitzenden Annalena Baerbock und Robert Habeck bereit erklärt.
  • Nach welchen Kriterien entschieden werden soll, halten sie geheim.
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Berlin. Sie würden es wohl am liebsten nicht entscheiden müssen, sondern einfach zu zweit antreten: Annalena Baerbock und Robert Habeck, für jeden etwas und gemeinsam weiter. Drei Jahre sind die beiden nun Parteivorsitzende der Grünen. Seit drei Jahren betonen sie, wie gut sie als Team funktionieren.

Sie haben ihr Büro zusammengelegt. Bei Pressekonferenzen wechseln sie sich diszipliniert ab bei den Antworten. Gemeinsamkeit ist das große Stichwort. Und nun kommt die Bundestagswahl und das soll vorbei sein?

„Alles ist drin“, so ist das Grünen-Wahlprogramm betitelt. Zum ersten Mal überhaupt geht die Partei mit dem Anspruch in die Wahl, die Kanzlerschaft zu übernehmen und nicht nur damit, sie anderen zu ermöglichen und mitzuregieren. Noch liegen die Grünen auf Platz zwei – aber der Trend geht nach oben, und Corona-Politik und Korruptionsskandale lassen den Stern der Union sinken.

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Nach Landtagswahlen: Die Grünen gehen als „Underdog“ in die Bundestagswahl
2:05 min
Grünen-Vorsitzender Robert Habeck bezeichnete seine Partei für die Bundestagswahl als „Underdog“.  © Reuters

Wenn der Plan aufgeht, gäbe es eine Premiere: Es gäbe Deutschlands ersten grünen Kanzler oder die erste grüne Kanzlerin.

Eine einzige Person, so steht es im Grundgesetz, Artikel 63. „Der Bundeskanzler wird auf Vorschlag des Bundespräsidenten vom Bundestage ohne Aussprache gewählt.“ Die Grünen müssen sich entscheiden.

Zwischen Ostern und Pfingsten

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Wer soll antreten? Sie oder er? Die Juristin und ehemalige Trampolin-Leistungssportlerin oder der Philosoph und Schriftsteller, die 40-Jährige oder der 51-Jährige, die Mutter von zwei noch jungen Kindern oder der Vater von vier erwachsenen Söhnen, die Niedersächsin mit Wahlheimat Brandenburg oder der Schleswig-Holsteiner, die Bundestagsabgeordnete oder der ehemalige Kieler Landesumweltminister? Wer soll es aufnehmen mit Olaf Scholz von der SPD und mit Armin Laschet oder Markus Söder von der Union?

Habeck und Baerbock haben sich beide bereit erklärt. Er habe die notwendigen Voraussetzungen, nämlich „moralisches Rüstzeug, innere Ruhe und einen Plan“, verkündete Habeck im letzten Herbst.

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Baerbock erklärte kurz vor Silvester, für die Kanzlerschaft müsse man „mit beiden Beinen im Leben stehen, den weiten Blick haben und tiefe Kenntnis“ und außerdem dürfe man „Politik nicht nur mit dem Kopf machen, sondern auch mit dem Herzen“. Das könnten sie beide, der Robert und sie selbst: „Ich traue auch mir das Kanzleramt zu.“ Entscheiden würden sie das dann – natürlich – gemeinsam. Irgendwann zwischen Ostern und Pfingsten soll es so weit sein.

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Nicht alle bei den Grünen finden, dass es da noch etwas zu entscheiden gibt. Das hat Habeck am Wochenende zu spüren bekommen, bei der Aufstellung der Wahlliste der Grünen in Schleswig-Holstein. Habeck kandidiert dort auf Platz zwei, dem ersten Platz für männliche Kandidaten. Vier Delegierte hatten Fragen nach seiner Bewerbungsrede.

Gleich bei der Ersten ging es um die Kanzlerkandidatur: Baerbock sei doch überzeugend, von anderen Parteien gebe es nur männliche Kandidaten, stellte eine Frau aus Wedel fest. „Warum hältst du überhaupt noch an der Option fest?“ Habeck antwortete, man sei in Gesprächen, man werde noch entscheiden.

Die Rolle des Feminismus

Aber es zeigt sich: Die Grünen müssten erklären, warum beim Chefposten des Landes ein Mann zum Zuge kommen soll. Es ist ja das Argument vieler Quotengegner: Dass es den Frauen nicht an Aufstiegsmöglichkeiten fehle, sondern am Willen, weil sie im entscheidenden Moment oft zurückzuckten.

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„Auch Männer können feministische Politik machen“, das ist gerade die Standardantwort der Grünen auf dieses Dilemma. Und es gehöre zur Emanzipation, sagen zu können: „Ich kann, aber ich will nicht.“

Habeck antwortet der Frau aus Wedel kurz: „Gleichstellung und Gleichberechtigung ist immer ein Prinzip unserer Politik.“ Und dass man noch diskutiere, wie man es mache.

Vor ein paar Wochen hat er in einer Talkshow erklärt, er werde Baerbock den Vortritt lassen, wenn sie zugreifen wolle. Aber das Geschlecht sei nicht das einzige Entscheidungskriterium. Baerbock hat im Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) ähnlich argumentiert. Es gehe nicht nur darum, „dass es bei der Talkshow schöner aussieht, wenn da auch mal eine Frau im Kleid sitzt. Das ist das Gegenteil von Gleichberechtigung.“

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Was also ist die Rezeptur für die grüne Kanzlerkandidatur?

Baerbock gilt in der Partei als beliebter und als besser vernetzt, er hat Regierungserfahrung. Sie wirkt fachlich sortierter, er hat oft die eingängigeren Sprachbilder. Beide machen Fehler: Baerbock sagt mal „Kobold“ statt „Kobalt“. Habeck zeigt inhaltliche Lücken, etwa bei der Pendlerpauschale und beim Fall Assange. Er gilt als zuweilen zu impulsiv, sie als zuweilen zu kühl.

Aber da gibt es noch die Umfragewerte. Man müsse Leute überzeugen, die nicht automatisch die Grünen wählten, sagt ein Spitzenvertreter der Partei. Wenn man die Aussage über die Umfragen legt, landet man bei Habeck. In einer YouGov-Umfrage erreicht er 20 Prozent, Baerbock nur zwölf. In einer Forsa-Umfrage für das RND kommt Habeck auf 19 Prozent bei Männern und 21 Prozent bei Frauen, Baerbock auf 14 Prozent bei den Männern und 18 Prozent bei Frauen.

Die Partei wartet ab

Das Bemerkenswerte ist, dass die Unsicherheit und die Spannung die Partei bislang nicht zerrissen haben. Da wird geduldig abgewartet, wenn es Diskussionen gibt, werden sie nicht nach außen getragen. Robert und Annalena werden eine Lösung finden, das ist die Standardantwort, nicht nur öffentlich, sondern oft auch in Hintergrundgesprächen. Und dass man sich auf die Entscheidung freue.

Das klingt nicht nach Teilhabe und Basisdemokratie, sondern nach Schicksalsergebenheit. Aber es ist nicht ungeschickt. Über Jahre hinweg haben die Grünen sich in Flügelkämpfen zerrieben, das letzte Führungsduo Cem Özdemir und Simone Peter kämpfte mehr gegeneinander als gegen die politische Konkurrenz. Zuletzt hat man bei der CDU besichtigen können, wie ein Wettbewerb um Chefposten die Partei über Jahre lähmt und zerreißt.

Lange schien Habeck im Vorteil zu sein, er war als Ex-Minister der Bekanntere. Mittlerweile finden manche bei den Grünen, dass Baerbock, die bei ihrer Kandidatur betont hat, sie wolle nicht „die Frau an Roberts Seite“ sein, an Habeck vorbeigezogen sei.

Er spricht viel über Finanzen und Sozialpolitik, sie über Sicherheitspolitik, über Schulen und Familien.

Er trägt mittlerweile öfters mal Anzugjacke und Weste, Regierungsoutfit. Aber am Tag nach der Baden-Württemberg-Wahl gibt Baerbock direkt nach der Pressekonferenz noch ein TV-Interview, Habeck drückt sich im Hintergrund herum. Am Tag der Merkel-Entschuldigung steht sie am Abend zur Bewertung im ARD-Studio.

Sie hat klargemacht, dass Kinder und Kanzleramt für sie zusammenpassen. Für den Spitzenpolitikerinnenjob habe sie sich vor drei Jahren mit der Übernahme des Parteivorsitzes entschieden.

„Ein kleiner Stich ins Herz“ wäre es, die Kandidatur nicht zu übernehmen, hat sie dem „Spiegel“ gesagt. Er sagt bei der Wahllisten-Veranstaltung in Schleswig-Holstein: „Führung heißt nicht, ‚Ich, Ich, Ich, Ich‘ zu brüllen. Es heißt nicht, der Erste sein zu wollen.“

Ob sie die Kriterien nennen können, nach denen sie die Entscheidung treffen, sind Baerbock und Habeck dieser Tage auf einer Pressekonferenz gefragt worden.

Könnten wir, antwortete Robert Habeck. Werden wir nicht tun, ergänzte Baerbock.

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