“Autokorrektur reicht nicht”: Debatte um Rechtschreibung

  • Können Schreibprogramme und Autokorrektur die Rechtschreibkompetenz ersetzen?
  • Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann findet, der Rechtschreibunterricht ist nicht mehr so wichtig wie früher.
  • Dafür erntet der Grünen-Politiker viel Kritik.
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Berlin. Ob Autokorrektur auf dem Smartphone oder Schreibprogramme im Computer: Häufige Tipp- und Rechtschreibfehler in digitalen Texten werden heute oft automatisch in Sekundenschnelle korrigiert. Texte per Hand zu schreiben, ist dagegen eine Seltenheit. Kommt es also auf Rechtschreibkenntnisse nicht mehr so an – können es die Schulen lockerer angehen?

Diese Meinung vertritt jedenfalls Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann – und löste am Freitag eine Debatte aus. „Jeder Mensch braucht ein Grundgerüst an Rechtschreibkenntnissen, das ist gar keine Frage. Aber die Bedeutung, Rechtschreibung zu pauken, nimmt ab, weil wir heute ja nur noch selten handschriftlich schreiben“, hatte der Grünen-Politiker der Deutschen Presse-Agentur gesagt.

Kretschmann arbeitete früher selbst als Biologie- und Chemielehrer. Es gebe „kluge Geräte“, die Grammatik und Fehler korrigierten, sagt er nun. „Ich glaube nicht, dass Rechtschreibung jetzt zu den großen, gravierenden Problemen der Bildungspolitik gehört.“

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VBE-Chef: Schreiben mit der Hand immens wichtig

Der Bundesvorsitzende des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE), Udo Beckmann, widerspricht: Er sei immer wieder erstaunt, mit welcher Leichtfertigkeit Politiker sich zu bildungspolitischen Grundsatzfragen äußerten. „Selbst das ‚Grundgerüst an Rechtschreibkenntnissen‘, was immer das dann auch ist, welches Ministerpräsident Kretschmann doch als notwendig empfindet, muss erst einmal erworben werden. Hierfür ist das Schreiben mit der Hand immens wichtig“, sagte Beckmann dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

Laut einer Umfrage des Verbandes Bildung und Erziehung und des Schreibmotorik-Instituts sind 84 Prozent der Lehrkräfte davon überzeugt, dass sich das Handschreiben positiv auf die Rechtschreibung auswirkt. Viele Studien würden zeigen, dass per Hand Geschriebenes eher gemerkt und besser erinnert wird und in komplexen Denkprozessen eher abgerufen werden kann, ergänzte Beckmann.

Geht es nach Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann, sollte die Gesellschaft weniger Wert auf Rechtschreibung legen. © Quelle: dpa/RND Montage Behrens
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Bayerns Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler) sieht es ebenso: „Richtig schreiben zu können ist eine wichtige Fähigkeit. Daran hat sich nichts geändert.“ Die Vermittlung der Rechtschreibung an den Schulen gewinne in der heutigen Zeit sogar noch an Bedeutung, weil sie in der Kommunikation in den sozialen Medien vernachlässigt werde.

„Die Beherrschung der eigenen Muttersprache ist ein grundlegendes Kulturgut und Basis für Bildungserfolg und individuelle Entfaltung“, sagte auch der bildungspolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Albert Rupprecht dem RND. „Rechtschreibung muss als Grundfertigkeit in der Schule erlernt und geübt werden, unabhängig davon, ob es heutzutage digitale Hilfsmittel gibt.“

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Und auch Kretschmanns eigene Kultusministerin vom Koalitionspartner CDU, Susanne Eisenmann, betonte am Freitag, dass wieder ein deutliches Bekenntnis zur Rechtschreibung gebraucht werde, gerade im medialen Zeitalter. Rechtschreibung sei ein bedeutendes Kulturgut und eine Schlüsselqualifikation wie Lesen und Rechnen.

Deutscher Philologenverband weist Äußerung Kretschmanns zurück

Die Vorsitzende des Deutschen Philologenverbandes, Susanne Lin-Klitzing, wies die Äußerung Kretschmanns entschieden zurück. „Es kann nur im Eigeninteresse jedes Einzelnen sein, richtiges Schreiben zu beherrschen“, sagte Lin-Klitzing dem RND. „Die Schule ist die gesellschaftliche Instanz, die dies vermittelt und vermitteln muss."

Lin-Klitzing kritisierte: „Wir werden zu lasch im schulischen Umgang mit Rechtschreibung." Die Chefin des Philologenverbandes fügte hinzu: „Ich signalisiere: Rechtschreibung ist uns nicht egal. Deshalb plädiere ich dafür, auch Abiturienten eine ganze Note abziehen zu können bei schwerwiegenden Verstößen gegen die Rechtschreibung." Das sei bisher nicht der Fall. „Die Kultusministerkonferenz sollte wieder den Anreiz setzen, richtig zu schreiben“, sagte sie.

„Die Autokorrektur reicht nicht, weil der Computer nicht jeden Fehler ausmerzt, geschweige denn richtige Kommas setzt, um Sinnzusammenhänge und Zusammenhänge zwischen Neben- und Hauptsätzen zu verdeutlichen“, erläuterte Lin-Klitzing.

Immerhin die Grundschulen scheint Kretschmann auf seiner Seite zu haben: Die Rechtschreibkompetenz bedeute heute etwas anderes als früher, erklärte Hans Brügelmann vom Grundschulverband Baden-Württemberg der Deutschen Presse-Agentur. Es gehe dabei nicht mehr um das blinde Üben eines begrenzten Wortschatzes für Diktate.

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RND