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Australien in der Corona-Krise: Vom Vorbild zum Sorgenkind

Australien spürt momentan Gegenwind.

Australien ist für seine Bodenständigkeit und einen gewissen Hang zum Pragmatismus bekannt – nicht so sehr für Feinfühligkeit. Unter diesen Voraussetzungen ist ein Werbespot, mit dem die australische Regierung ihre Bürger derzeit zur Corona-Impfung aufruft, wohl nur konsequent: Eine junge Frau wird darin in Großaufnahme im Krankenbett gezeigt, in der Nase einen Schlauch. Sie ringt nach Luft und wälzt sich unruhig von einer Seite zur anderen. Im Hintergrund piepen medizinische Geräte. Der Spot endet mit dem Aufruf: „Stay home. Get tested. Book your vaccination.“ (Bleib zu Hause. Teste dich. Buche deinen Impftermin.)

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Klare Aussage, große Wirkung? Mitnichten. Trotz ihrer Affinität, nicht groß um Dinge herumzureden, war die Empörung unter den Australiern groß, denn der Spot hatte ein Problem: Der australischen Impfkampagne fehlt es bis heute an Schwung. Gerade einmal rund 40 Prozent der Einwohner haben die erste Impfdosis erhalten – den vollständigen Impfschutz genießen bis heute lediglich etwas mehr als 20 Prozent. Unter den 38 Staaten der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) belegt Australien bei der Impfquote den letzten Platz. Gerade die Gruppe der unter 40-Jährigen, zu der die Frau im Werbespot gehören dürfte, war laut der Priorisierungsliste bei Ausstrahlung des Spots noch gar nicht an der Reihe.

Große Städte befinden sich im Lockdown

Die Auswirkung zeigt sich seit Wochen in einem zwar vergleichsweise gemäßigten, aber für Australien dennoch alarmierenden Anstieg der Infektionszahlen: Nachdem ein Fahrer Mitte Juni von der Crew eines Frachtflugzeugs auf dem Weg ins Hotel angesteckt wurde, verbreitete sich die hochansteckende Delta-Variante des Coronavirus. Das Land, das eine strikte No-Covid-Strategie verfolgt und schon winzige Infektionsherde mit Lockdowns einzudämmen versucht, handelte schnell: Sydney, die größte Stadt Australiens, ist seitdem im Lockdown. Und auch Melbourne, Brisbane und Adelaide traf es. Dabei begann alles so hoffnungsvoll.

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„Australien hatte die Corona-Krise sehr früh zur Pandemie erklärt, noch bevor dies die WHO tat“, analysiert Jürgen Reichardt, Corona-Experte und Professor am Tropeninstitut der James Cook University in Cairns, gegenüber dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). Das Land schloss seine Grenzen umgehend und will sie noch 2022 für internationale Reisende gesperrt lassen. Cairns im Bundesstaat Queensland etwa habe fast 14 Monate keine Corona-Fälle erlebt, erläutert Reichardt. Bis auf das Scannen eines QR-Codes in Restaurants und Geschäften lebten die Einwohner in diesem Teil Australiens ein normales Leben. Einen Mundschutz tragen die wenigsten. Auch der Limousinenfahrer, der die Flugzeugcrew fuhr und das Virus anschließend in der Stadt verteilte, war ohne Mundschutz unterwegs – und dies völlig legal: In Sydney war der damals nicht notwendig. “Auch in Cairns gehen 99 Prozent der Menschen ohne Maske aus dem Haus“, räumt Corona-Experte Reichardt ein. Solange kein Infektionsfall auftaucht, wiegen sich die Menschen in Sicherheit. Und sie werden darin von konservativen Medien mitunter bestärkt.

Ende Juli sperrte die Videoplattform Youtube einzelne Beiträge des TV-Senders Sky News Australia. Laut dem britischen „Guardian“ hatte der Sender des australischen Medienmoguls Rupert Murdoch Videos gepostet, die die Existenz von Covid-19 leugneten oder dazu ermunterten, gegen Corona das Malariamittel Hydroxychloroquin oder das Antiwurmmittel Ivermectin einzunehmen. Youtube wertete dies als Falschinformationen, die auf dem Portal nicht gestattet seien.

Statistisch gesehen galt Australien lange Zeit als Paradebeispiel für eine optimale Pandemiestrategie. Bis heute gab es in dem 25-Millionen-Einwohner-Land nur knapp 40.000 Corona-Fälle, knapp 1000 Menschen starben an der Infektion. Zum Vergleich: Deutschland mit rund 83 Millionen Einwohnern zählte bislang mehr als 3,8 Millionen Infektionen mit rund 92.000 Toten.

„Es ist das größte Versagen der öffentlichen Verwaltung“

Es ist die Impfstrategie, die der Regierung in Canberra zu schaffen macht. Sie begann erst in diesem Frühjahr und damit später als in vielen anderen Ländern. Premierminister Scott Morrison gerät deswegen zunehmend unter Druck – nicht zuletzt durch seinen Vorgänger Malcolm Turnbull. „Es ist das größte Versagen der öffentlichen Verwaltung, an das ich mich erinnern kann“, erklärte dieser kürzlich in der BBC. Der einzige Grund für den derzeitigen Lockdown sei, dass die Regierung nicht genügend Impfstoff erworben habe. Die Wahrheit ist indes ein wenig differenzierter.

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„Die Regierung hat in erster Linie auf den Impfstoff von Astrazeneca gesetzt“, erläutert Corona-Experte Reichardt. Das hatte zwei Gründe: Der Hersteller produziert das Mittel unter anderem in einem Werk in Australien. Zudem glaubte man, in dem stark zersiedelten Land mit Tagestemperaturen von gebietsweise 40 Grad und mehr sei ein nur gering zu kühlender Impfstoff wie der von Astrazeneca eine gute Lösung. Doch wie in anderen Teilen der Welt sorgten auch hier die Schlagzeilen über Impfnebenwirkungen für Skepsis. Der Impfstoff war schließlich auch hier nur noch für über 60-Jährige zugelassen.

Inzwischen sind auch in Australien die ersten Chargen von Biontech/Pfizer eingetroffen, mit denen die Regierung hofft, vor allem Jüngere erreichen zu können. Debattiert wird zudem über die Möglichkeit einer Impfpflicht. Unterschiedliche Impfungen sind schon jetzt für einzelne Berufsgruppen obligatorisch – unter anderem im Gesundheitswesen eine Grippeimpfung. Auch eine Corona-Impfung soll in diesem Bereich bis zum Herbst vorgeschrieben werden. Die Frage ist: Wie weit wird der Zwang noch ausgebaut?

Die australische Fluggesellschaft Qantas sorgte zur vergangenen Jahreswende mit Überlegungen für Aufsehen, künftig nur noch gegen Corona geimpfte Passagiere an Bord zu lassen. Inzwischen wirbt sie in ihrer Heimat stattdessen mit Anreizen: Geimpfte lockt sie mit Freiflügen und Statuspunkten ihres Bonusprogramms.

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