Aussagen zum Fall Lübcke: Hass gehört bei Pegida zur Routine

Ein Fernsehteam findet bei Pegida in Dresden Demonstranten, die den Mord an Walter Lübcke gutheißen. Das ist in etwa so überraschend wie die Tatsache, dass Menschen am FKK-Strand nackt sind. Was hilft gegen den Hass der wütenden Bürger? Zivilität. Ein Kommentar von Jan Sternberg.

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Berlin. Der Hass spricht aus den Gesichtern, bevor sie zu reden anfangen. Der Hass auf Mikrofon und Kamera der ARD, auf die Medien und das „Establishment“, wie sie es in Dresden gerne nennen. Wer bei einer Pegida-Demonstration eine Journalistenfrage beantwortet, will eskalieren.

Wer eine stellt, weiß, was ihn erwartet. Der Hass ist hier Routine. Pegida ist von der einstigen Massenbewegung auf eine sektenartige Selbstvergewisserungsgruppe geschrumpft. Wer die Entwicklung in Sachsen in den vergangenen vier Jahren verfolgt hat, weiß das.

Politischer Mord sei „inzwischen normal“

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Es zeugt also – wieder einmal – von Unkenntnis gegenüber "dem Osten", wenn (westdeutsche) Politiker wie Armin Laschet und Karl Lauterbach ihre ehrliche, aber offenbar überraschte Entrüstung über die widerlichen Aussagen im ARD-Magazin "Kontraste" äußern. Ein politischer Mord sei "inzwischen normal" und Lübcke ohnehin "ein Volksverräter", hatten Demonstranten in die Kamera gesagt.

Zur Erinnerung: Bei Pegida wurden 2015 Galgen für Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und den damaligen Außenminister Sigmar Gabriel (SPD) gezeigt. 2017 erlaubte ein Gericht den Verkauf von Miniatur-Galgen nach diesem Vorbild. Der sächsische Verfassungsschutzbericht 2018 bezeichnete Pegida mehrfach als „nicht-extremistisch“.

Erschreckend sind die Äußerungen trotzdem. Denn Pegida ist inzwischen gleichbedeutend mit der AfD. Am ungefilterten Hass gegen Lübcke partizipieren viele – bei Weitem nicht nur in Dresden. Zwar hat die AfD-Spitze den Lübcke-Mord pflichtschuldig verurteilt, doch die Partei sendet weiter ihre Signale ins rechtsextreme Milieu.

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Braucht es deutschlandweite Festivals gegen Hass?

Zeigt das eine Spaltung der Gesellschaft in ein „linksgrünes“ und ein „Wutbürger“-Milieu? Diese Deutung birgt Gefahren. Sie stellt zwei Gruppen als ungefähr gleich groß, gleich legitim und gleich radikal einander gegenüber.

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Und sie ist – man muss einschränken: hoffentlich – schlicht falsch. Auf der einen Seite müssten Demokraten aller Farben stehen und auf der anderen diejenigen, die sich dauerhaft oder temporär aus der zivilen Debatte verabschieden. Gegen sie hilft weder Aggression noch Entsetzen. Gegen sie hilft nur – Zivilität.

Vielleicht braucht jede Stadt, in Sachsen und anderswo, ein Festival für Debatte und Party wie das Kosmos-Festival in Chemnitz am Donnerstag mit bis zu 50.000 Menschen? Die Hassbürger werden dort nicht hingehen. Aber die anderen wüssten, dass es Aufregenderes gibt als Hass.

Von Jan Sternberg/RND