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  • Auslandssemester in Corona-Zeiten: DAAD-Präsident im RND-Interview

Austauschdienst: “Auslandssemester geht auch virtuell”

  • Für viele ist das Auslandssemester die beste Erfahrung ihres Studiums.
  • In Zeiten des Coronavirus kommt diese Form des Austauschs praktisch zum Erliegen.
  • Der Präsident des Deutschen Akademischen Austauschdienstes, Joybrato Mukherjee, über die Zukunft des internationalen Austauschs.
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Herr Mukherjee, wegen der Corona-Krise sind in zahlreichen Ländern die Hochschulen geschlossen, die Reisefreiheit ist stark eingeschränkt. Können Sie da den DAAD nicht gleich dicht machen?

Nein, ganz im Gegenteil. Wir sind in einem Krisenmodus und arbeiten – wie so viele andere auch – noch einmal mehr als sonst. Der Deutsche Akademische Austauschdienst hat Tausende Stipendiatinnen, Stipendiaten und Geförderte in der Welt unterwegs, um die wir uns in einer solchen Ausnahmesituation kümmern müssen. Es ging und geht darum, zu helfen, dass Studierende und Geförderte zurück nach Deutschland kommen können – und diejenigen zu unterstützen, die im Ausland bleiben.

Um wie viele Jahre wirft Corona den internationalen Austausch und die Zusammenarbeit von Hochschulen gerade in Europa zurück?

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Durch Corona sind der internationale Austausch und die Zusammenarbeit der Hochschulen von einem Moment auf den anderen in eine Krisensituation geworfen worden, die uns alle kräftig durchschüttelt. Die Corona-Krise beschleunigt zudem ganz erheblich Trends, die in den vergangenen Jahren bereits begonnen haben. Dabei geht es um Fragen der Digitalisierung und nicht zuletzt auch um den Kampf gegen den Klimawandel.

Was meinen Sie damit konkret?

Die Corona-Krise unterstreicht etwas, was wir ohnehin bereits wissen: In Zeiten des Klimawandels kann internationaler Austausch – auch in der Wissenschaft – nicht im Wesentlichen daraus bestehen, dass man sich immer häufiger ins Flugzeug setzt und entweder Dutzende Forschende aus aller Welt sich physisch treffen oder immer mehr Studierende um die Welt reisen. Die Wissenschaft legt überzeugend dar, dass der Kampf gegen den Klimawandel überlebenswichtig ist. Dann müssen wir als Wissenschaft aber auch unseren Beitrag leisten.

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In einem großen Hörsaal der Universität Ulm nehmen Studierende an einer Vorlesung teil. © Quelle: Stefan Puchner/dpa

Internationale Wissenschaftskonferenzen müssen also zunehmend ins Internet verlagert werden.

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Digitale Konferenzen und virtuelle Formate sind auf dem Vormarsch. Diese Entwicklung wird durch Corona noch einmal einen riesigen Schub bekommen. Die Erfahrungen heute zeigen doch, dass vieles geht. Die Dringlichkeit, digitale Lösungen auch umzusetzen, wird durch die Pandemie noch einmal erhöht.

Die Corona-Krise ist auch eine Herausforderung für die Forschung, etwa bei der Suche nach einem Impfstoff. Brauchen wir dafür nicht gerade die internationale Zusammenarbeit der Wissenschaftler?

Absolut. Die Pandemie zeigt auf eine brutale Art und Weise, wie vernetzt und globalisiert wir sind. Wir können uns nicht mehr abschotten. Wenn die Probleme global sind, müssen auch die besten Köpfe global zusammen an den Lösungen arbeiten. Für mich ist deshalb klar: Wir müssen die internationale Zusammenarbeit in der Forschung dringend weiter ausbauen. Wir müssen eben nur verstärkt auf andere, digitale Formate setzen. In nationalstaatliches Denken dürfen wir auf gar keinen Fall zurückfallen – auch wenn das in der Corona-Krise auf politischer Ebene vielfach zu beobachten ist.

Sie sind als DAAD in Deutschland auch zuständig für das Erasmus-Programm, mit dem regelmäßig sehr viele Studenten in Europa unterwegs sind. Was ist Ihre Botschaft an die Erasmus-Studenten?

Wir erleben gerade die massivste denkbare Einschränkung für den Studierendenaustausch, die vorstellbar ist. Menschen können schlicht nicht mehr reisen, der physische Austausch im europäischen Hochschulraum ist praktisch zum Erliegen gekommen. Das ist richtig, weil es jetzt darum geht, Leben zu retten. Es wird aber natürlich nicht dauerhaft so bleiben. Gut ist, dass die EU klar gemacht hat: Wer vorzeitig abbrechen muss, kann zusätzliche Reise- und Mietkosten bis zur Höhe des vereinbarten Gesamtstipendiums erstattet bekommen. Ebenso können Studierenden, die Onlinekurse der Gasthochschule belegen, sei es im Gast- oder Heimatland, ihr Stipendium weiter bekommen.

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Können abgebrochene oder abgesagte Auslandsaufenthalte später nachgeholt werden?

Im Sommersemester wird es faktisch keinen physischen Erasmus-Austausch geben. Da die Erasmus- Ausschreibungen mehrjährig sind, besteht die Möglichkeit, die Studierenden, die eigentlich jetzt ins Ausland wollten, auch 2021 zusätzlich zu fördern. Die Hochschulen müssen zudem mit Hochdruck daran arbeiten, mithilfe von digitalen Formaten so viel Austausch wie möglich anzubieten.

Die wichtigen Erfahrungen eines Auslandssemesters macht man durch den menschlichen Austausch vor Ort. Ein übers Internet absolviertes Auslandssemester kann das kaum ersetzen.

Das sagen Sie. Aber auch das, was wir gerade erleben, hätten wir uns vor sechs bis acht Wochen nicht vorstellen können. Wir müssen über den Tag und auch über das Jahrzehnt hinaus denken. Ein virtuelles Auslandssemester ist nicht Science-Fiction, auch wenn es sich vielleicht so anhört. Es ist doch nicht ausgeschlossen, dass wir bei der rapiden technischen Entwicklung in 2030, 2040 oder 2050 tatsächlich vollständig virtuelle Auslandssemester haben werden.

Joybrato Mukherjee ist Präsident des Deutschen Akademischen Austauschdienstes. © Quelle: picture-alliance/ dpa

Wie sehen die dann aus?

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Ein Student würde sich dann beispielsweise in virtuellen Umgebungen so bewegen, dass er den Eindruck hat, mit realen Menschen in einem anderen Land zu kommunizieren und so auch interkulturelle Erfahrungen zu sammeln. Er würde das so erleben, als wäre er in Buenos Aires oder Barcelona. Aber er müsste nicht hinfliegen.

Und mit den virtuellen Kommilitonen kann man dann auch lustige Partys feiern?

Warum nicht – schenken Sie der Wissenschaft ein bisschen Vertrauen.

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