Aus der Einheit muss eine gemeinsame Geschichte werden

  • Bald 30 Jahre nach dem Fall der Mauer bleiben große Ungerechtigkeiten und ein nur auf Ostdeutschland gerichteter Blickwinkel.
  • Das kann nicht so bleiben.
  • Denn sonst wird die Einheit nicht gelingen, kommentiert Markus Decker.
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Berlin. Matthias Platzeck hat kürzlich gewarnt. Der Vorsitzende der Regierungskommission zur Organisation von 30 Jahren Mauerfall und deutscher Einheit sah „das Risiko, dass die Gräben wieder tiefer werden“. In Ostdeutschland nehme das „Wessi-Bashing“ erneut zu, sagte der Sozialdemokrat. In Westdeutschland sei zuweilen bestenfalls ein „positives Desinteresse“ zu beobachten. Deshalb dürfe das Motto nicht lauten: „Nun seid stolz und freut euch!“ Platzeck hat recht. Manches erinnert an die 1990er-Jahre. Damals titelte die „Super-Illu“: „Angeber-Wessi mit Bierflasche erschlagen. Ganz Bernau ist glücklich, dass er tot ist.“

Nein, so krass ist es natürlich nicht. Allerdings gibt es Gründe dafür, dass heute allerorten das Gefühl herrscht, Ost- und Westdeutsche hätten sich schon mal besser verstanden. Da geht es um harte Faktoren. So verdienen Ostdeutsche im Schnitt 17 Prozent weniger als Westdeutsche. Ihr Geldvermögen ist im Schnitt knapp 90.000 Euro geringer als das eines Bayern oder Schwaben. Sie leiten fast nie Gerichte oder Universitäten. Was – Hand aufs Herz – würden die Westdeutschen sagen, wenn es umgekehrt wäre?

Lesen Sie hier: Ostdeutsche bleiben bei Einheitsdebatte fast unter sich

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Botschaftsflüchtlinge und Bootsflüchtlinge

Umgekehrt reagieren Westdeutsche oft zu Recht fassungslos, wenn Ostdeutsche, die zu Hunderttausenden flohen, Flüchtlingen von heute feindlich gesinnt sind. Wer heute der Botschaftsflüchtlinge in Prag gedenkt, der sollte nicht vergessen, dass die Bootsflüchtlinge im Mittelmeer ein genauso legitimer Wunsch antreibt: ein besseres Leben. Oder wenn 41 Prozent der Ostdeutschen glauben, die Meinungsfreiheit sei jetzt ähnlich eingeschränkt wie in der DDR.

Nicht minder wichtig sind die weichen Faktoren, der Umgang mit der Realität. So ist ein Hindernis, dass die privilegierten Westdeutschen es normal finden, wenn sie mehr verdienen und mehr Vermögen und mehr Spitzenpositionen haben. Die Treuhand, deren Management aus Westdeutschen bestand und deren Entscheidungen oft Westdeutschen zugutekamen, gilt im Westen ebenso als „Ostthema“ wie das Ministerium für Staatssicherheit, das auch im Westen Spitzel hatte. Es kann und darf beim Blick auf das, was vor und nach dem Mauerfall geschah, aber nicht immer nur um Ostdeutschland gehen.

Was ist mit den Westdeutschen?

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Zu fragen ist: Wie haben die Westdeutschen agiert – gut oder schlecht? Wie hat sich der Westen entwickelt – zu seinem Vor- oder seinem Nachteil? Wie hängt das, was diesseits und jenseits der einstigen Mauer geschah, zusammen? Wenn sich stets bloß die einen infrage stellen müssen oder infrage gestellt werden und die anderen wie hinter einer Glasscheibe außen vor bleiben, dann stimmt etwas nicht. Dann wird auch kein gleichberechtigtes Gespräch zustande kommen.

Es ist so traurig wie bezeichnend, das nach wie vor betonen zu müssen: Doch wenn es nicht gelingt, aus Ost- und Westgeschichte eine gemeinsame Geschichte zu machen, dann wird die Einheit scheitern.

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