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Augenzeuge in Tel Aviv: „Die Sirenen haben immer wieder geheult“

  • Grisha Alroi-Arloser, Geschäftsführer der Deutsch-Israelischen Industrie- und Handelskammer, lebt in Tel Aviv.
  • Er hat die jüngsten Raketenangriffe aus dem Gazastreifen hautnah erlebt.
  • Noch mehr besorgen ihn aber Angriffe arabischstämmiger Israelis im Land selbst.
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Tel Aviv/Berlin. Grisha Alroi-Arloser wurde 1956 als Kind von Holocaust-Überlebenden in Sibirien geboren, wuchs in Bergisch Gladbach auf, studierte in Köln und lebt seit seiner Einwanderung nach Israel 1978 in Tel Aviv. Heute ist Alroi-Arloser, der regelmäßig als Referent der Bundeszentrale für politische Bildung tätig ist, Geschäftsführer der Deutsch-Israelischen Industrie- und Handelskammer.

Herr Alroi-Arloser, Sie leben in Tel Aviv. Wie erleben Sie die Angriffe aus dem Gazastreifen?

Wir hatten eine relativ schlaflose Nacht. Denn Tel Aviv ist wie viele andere israelische Städte unter massiven Raketenbeschuss geraten. Die Sirenen haben von neun Uhr abends an immer wieder geheult. Danach hatten wir jeweils eine Minute Zeit, um den nächsten Sicherheitsraum aufzusuchen. Ich habe einen solchen Raum glücklicherweise in der eigenen Wohnung. Andere haben das nicht.

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Sie müssen teilweise längere Wege zurücklegen; das ist gefährlich. Heute sind wir nicht ins Büro gegangen, sondern machen wie zuletzt während der Corona-Zeit wieder Homeoffice. Ich bin jedenfalls besorgt, dass es noch nicht vorbei ist.

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Wie gefährlich ist die Lage aus Ihrer Sicht?

Sie ist gefährlicher als bei den letzten Raketenangriffen. Denn die Hamas hat sehr viele Raketen gehortet, und deren Zielgenauigkeit wurde verbessert. Es kommen jetzt Salven von vielen Raketen gleichzeitig oder kurz hintereinander. Da wird es schwer, sie durch den Iron Dome abzufangen. Es gibt Tote und Verletzte. Ein Bus wurde getroffen. Es gibt Einschläge auf offener Straße, die wiederum Splitter auslösen. Doch die größte Gefahr geht nicht von den Raketen aus. Es gibt plötzlich eine bürgerkriegsähnliche Situation, weil Teile der israelisch-arabischen Bevölkerung ihre jüdischen Nachbarn angreifen. Dabei werden Fahrzeuge und Synagogen in Brand gesteckt. Das ist eine schlimme Situation, wie wir sie seit der Staatsgründung nicht hatten. Das besorgt mich am meisten.

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Video
Israel: Tel Aviv unter Raketenbeschuss
2:05 min
Die schwersten Gefechte zwischen Israel und den Palästinensern seit 2019 hatten am Montag begonnen.  © Reuters

Ist Krieg das richtige Wort dafür?

Wir haben auf jeden Fall wieder einmal eine kriegerische Situation mit den Palästinensern im Gazastreifen, die Jerusalem und Tel Aviv angegriffen und dabei über 600 Raketen auf Israel abgefeuert haben. Das ist eine Gefährdung der israelischen Bevölkerung und eine Beeinträchtigung der Souveränität des Staates, die sich kein Land gefallen lassen kann. Israel schlägt nun mit aller Härte zurück. Das trifft leider auch die palästinensische Zivilbevölkerung.

In Deutschland nimmt man wahr, dass es den Konflikt um Häuser in Ostjerusalem gibt. Und dann nimmt man die Angriffe der Hamas wahr. In welchem Zusammenhang steht beides?

Der größere Zusammenhang ist die kontinuierliche Infragestellung des Existenzrecht Israels – egal in welchen Grenzen. Dieses Recht hat die Hamas noch nie akzeptiert. Dabei geht es ihr gar nicht um einen palästinensischen Staat, sondern um die Vernichtung Israels und die Gründung eines islamistischen Kalifats nach dem Vorbild von ISIS. Allerdings wurden von israelischer Seite zuletzt einige grobe Fehler begangen. Im Osten Jerusalems stehen neun palästinensische Familien aufgrund eines Gerichtsbeschlusses vor der Räumung ihrer Häuser. Es gab zudem Fehlentscheidungen der israelischen Polizei und klare Provokationen von jüdisch-nationalistischer Seite, und das während des Ramadans. Schließlich wurde die längst überfällige Wahl im West-Jordanland von der Palästinensischen Autonomiebehörde aus Angst vor einem Sieg der Hamas erneut auf unbestimmte Zeit verschoben. Die Hamas sucht jetzt andere Möglichkeiten zur Profilierung in Form der Raketenangriffe. Aber wie gesagt: Das Neue an dem Konflikt ist die Beteiligung der arabischen Bevölkerung in Israel daran. Das ist sehr besorgniserregend – auch wenn es immer nur kleine Gruppen sind.

Was sagen Sie zu dem Vorwurf, die palästinensische Bevölkerung werde aus Ost-Jerusalem systematisch verdrängt?

Das ist totaler Blödsinn. In Ost-Jerusalem leben 250.000 Palästinenser mit dem Recht zu wählen und allen anderen Rechten. Überhaupt wird ja jetzt der Versuch unternommen, aus dem Konflikt eine religiöse Auseinandersetzung zu machen. Davor möge uns der liebe Gott behüten.

Was ist zu tun?

Für Vermittlungsversuche etwa aus Katar oder Ägypten ist es noch zu früh. Die Auseinandersetzung wird wohl erst noch zwei, drei Tage eskalieren. Danach könnte es einen Waffenstillstand geben. Nur: Wenn sich nichts grundsätzlich ändert, dann haben wir die gleiche Situation bald wieder. Es braucht eine Regelung, die die Bedürfnisse der palästinensischen Bevölkerung ernst nimmt, gleichzeitig aber auch die Sicherheitsbedürfnisse der Bevölkerung Israels. Und das wird unter einer Hamas-Regierung im Gazastreifen nicht möglich sein. Deshalb halte ich es für problematisch, dass die EU und gerade Deutschland nach wie vor große Summen an den Gazastreifen überweisen, die nicht zum Wohlergehen der Bevölkerung genutzt werden, sondern zur Finanzierung von Aufrüstung mit immer mörderischeren Raketen und zur Finanzierung von Schulbüchern, die Hass und Gewalt gegen Juden verherrlichen und die Auslöschung des jüdischen Staates propagieren.

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In Deutschland wird der neue Konflikt intensiv beobachtet. Bekommen Sie das mit?

Wir sind natürlich gerade sehr konzentriert auf das, was hier passiert. Ich weiß aber, dass in Deutschland sehr unterschiedlich berichtet wird, teilweise sehr einseitig und vereinfachend. Es ist im Übrigen eine Schande, dass jüdische Gebetshäuser angegriffen und unter Polizeischutz gestellt werden müssen. Das gilt besonders vor dem Hintergrund der deutsch-jüdischen Geschichte.

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