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Aufbruch in die neuen Zwanziger

Die Zwanziger des vorigen Jahrhunderts waren voller Glamour, aber auch sehr krisenreich.

Die Zwanziger des vorigen Jahrhunderts waren voller Glamour, aber auch sehr krisenreich.

Dies ist ein ganz besonderes Silvester. Morgen früh wird der Kalender nicht nur ein neues Jahr anzeigen, ein neues Jahrzehnt beginnt. Es sind die Zwanzigerjahre des 21. Jahrhunderts, die an diesem 1. Januar – zumindest dem allgemeinen Sprachgebrauch zufolge – ihren Anfang nehmen. Historisch betrachtet beginnt die Dekade zwar erst mit einer Eins an der Einserstelle, also mit dem Jahr 2021. Gefühlt aber brechen wir schon jetzt auf in eine neue Zeit. Und zwangsläufig werfen wir einen so bangen wie faszinierten Blick zurück auf die Zwanzigerjahre des vorigen Jahrhunderts.

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Die weiteren Aussichten sind mäßig

Dank Serien wie „Peaky Blinders“ und „Babylon Berlin“ haben wir die passenden Bilder dazu im Kopf. Feine Damen in flirrenden Gewändern tanzten damals im Berliner Vergnügungstempel Moka Efti neben Champagnerpyramiden, während Hunger und Armut die Menschen draußen vor der Tür zu verzweifelten Taten trieben. Konjunktur und Kunst schwangen sich in den Goldenen Zwanzigern zu neuen Höhen auf. Gleichzeitig waren Seelen und Körper der Deutschen von den Schrecken des Krieges und dem Untergang des Kaiserreiches traumatisiert. Not und Ekstase lagen ganz nah beieinander. Die Menschen waren wie getrieben – auch weil die Welt für so viele kaum noch zu verstehen war.

Nicht mehr mitkommen – dieses Gefühl ist ein Symptom der neuen Zwanziger

100 Jahre später scheint die Lage ähnlich trüb: Demokraten warnen vor dem Zerfall der Gesellschaft. Rechtspopulisten versuchen, die Deutungshoheit zu übernehmen. Der Amazonas brennt. Tausende Kinder frieren in Flüchtlingslagern auf Lesbos. Die großen Volksparteien, vor allem die SPD, kämpfen gegen den Bedeutungsverlust, während ein Teil der Gesellschaft seinem Frust in schneller, wütender Empörung Luft macht. Zum Ende des Jahres schwoll die Aufgeregtheit noch einmal an – über ein satirisches Kinderlied, in dem Omas als Umweltsäue betitelt wurden. Der Fall ist symptomatisch für den überreizten Zustand unserer Gesellschaft. Wir streiten über Banalitäten, vielleicht auch, weil diese greifbarer erscheinen als das große, globalisierte Ganze. Nicht mehr mitkommen – dieses Gefühl ist auch ein Symptom der neuen Zwanziger.

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Tanzen wir auf dem Vulkan? Wiederholt sich die Geschichte?

Digitalisierung und Globalisierung sind Schlagworte, die Angst machen können. Wer will sich schon an den Gedanken gewöhnen müssen, von einem Roboter gepflegt zu werden, wenn er alt und gebrechlich ist? Und wie soll man verstehen, dass eine in Äthiopien gewachsene Zwiebel billiger ist als die Ernte aus der Region? Die Welt ist kompliziert.

Angesichts des Klimawandels hat die Wissenschaft in 2019 ein Zukunftsszenario ausgerufen, das geradezu dystopisch anmutet. Am Montag meldete der Deutsche Wetterdienst, dass 2019 eines der wärmsten Jahre seit Beginn der Wetteraufzeichnungen war. „Der Klimawandel ist auf der Überholspur“ ist eines der letzten großen Zitate dieses Jahres. Und doch machen wir weiter: Die Zahl der Flüge steigt, die der SUV und Familienkleinbusse, des Fleischkonsums und des Plastikmülls. Wir leben, als gäbe es kein Morgen.

Tanzen wir auf dem Vulkan? Wiederholt sich die Geschichte? Sicher nicht. Der Blick auf das, was da kommen mag, ist sorgenvoll. Doch Historiker warnen zu Recht vor dem direkten Vergleich. Noch ist die gesellschaftliche Kluft zwischen Habenden und Nichthabenden nicht so groß wie vor 100 Jahren.

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2019 als Beispiel: Die Probleme sind benannt

Und: Die Konfliktforschung sieht es als ersten Erfolg, wenn die Probleme erkannt sind. Das Jahr 2019 kann beispielhaft für dieses Denken sein: Klimawandel, Rechtsextremismus, schwindende Meinungsfreiheit – viele Probleme sind immerhin beim Namen genannt. Die Herausforderung wird nun sein, die Diskurse ehrlich und vor allem zu Erfolgen zu führen. Es wird keinen Klimaschutz zulasten der Demokratie geben können. Gleichzeitig wird sich jeder Einzelne wieder mehr für die Gesellschaft engagieren müssen. Die Zeiten sind vorbei, in denen wir „die da oben“ machen lassen konnten – um dann über sie zu schimpfen.


Die Zwanzigerjahre des 21. Jahrhunderts werden viele aus ihrer persönlichen Komfortzone herausholen. Vielleicht aber ist es gar nicht schwer, weniger Fleisch zu essen oder vom Auto auf die Bahn umzusteigen oder respektvoller mit Andersdenkenden zu diskutieren. In jeder Veränderung liegt eine Chance, in jedem Anfang etwas Gutes.

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