Auf der Autobahn: Ungeliebte Helden am Steuer

  • Truckerfahrer wie Michél Stange halten unser Land gerade am Laufen.
  • Dabei haben er und seine Kollegen unter widrigen Bedingungen zu leiden.
  • Doch die Krise hat auch ihre gute Seiten.
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Berlin. In der Fahrerkabine von Michél Stanges Mercedes-Truck sieht es in diesen Tagen aus wie in einem Kinderzimmer: Ein Teddybär und ein Plüscheinhorn haben die Autobahn im Blick. Aus den Lautsprechern schallt “Bibi Blocksberg”. Im Laderaum, hinter den Bandstahlrollen, die Stange von Thüringen nach Westfalen fährt, ist ein rosa Laufrad festgezurrt. Es gehört Stanges vierjähriger Tochter Lina. Sie ist seine Beifahrerin, seit der Kindergarten zu Hause in Bad Salzungen wegen der Corona-Beschränkungen geschlossen hat.

Mit Lina im Kindersitz spielt Stange, 31, nun “Ich sehe was, was du nicht siehst”, bis sie wieder ein Bastel-Tutorial auf Youtube gucken will. Oder er sucht nach einer Antwort auf die Frage, ob es den Osterhasen wirklich gibt. “Die Vater-Tochter-Zeit tut uns eigentlich ganz gut”, sagt Stange, “auch wenn ich sie lieber nicht auf der Arbeit gehabt hätte.”

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Auf die Trucker in Corona-Zeiten kommen aber noch ganz andere Herausforderungen zu. Das größte Problem: Fernfahrer dürfen an den Ladeplätzen nicht mehr auf die Werkstoiletten. Die Firmen haben Angst, dass die Trucker das Virus verbreiten. Die meisten Firmen stellen nur eine Baustellentoilette vors Werkstor. “Wasser, Seife, Spiegel: Fehlanzeige. So sehen die Hygienemöglichkeiten zurzeit bei den meisten Kunden aus”, klagt Stange.

Lina und Michél Stange sind derzeit gemeinsam unterwegs.

Er hat sich vorbereitet, hat im Cockpit privat Hygienetücher und Desinfektionsmittel gebunkert, für Lina und sich. Von der Spedition hat er erst nach Wochen fünf Packungen Desinfektionstücher bekommen. Und Stange hat immer eine Schutzmaske höchster Qualität griffbereit – mit Gesichtsvisier und Atemluftfilter. “Als ich die bei einem Kunden im Versandbüro getragen haben, wurde ich ausgelacht”, berichtet er. “Da standen vielleicht sieben Leute in einem Vier-Quadratmeter-Raum, von Abstand keine Spur. Da dachte ich nur: Wer zuletzt lacht, lacht am besten.”

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Der Bundesverband Güterkraftverkehr, Logistik und Entsorgung (BGL) empfiehlt Fahrern nicht nur, möglichst oft Türgriffe und Fahrerkabine zu säubern. Die Fahrer sollen während des Ladevorgangs am besten gar nicht aussteigen, sondern im Lkw warten. In der Praxis geht das oft nicht, berichtet Stange. “Wenn ich nicht mithelfe, passiert gar nichts.” Er kann nur hoffen, dass auch Firmen die Gefahr des Virus so ernst nehmen wie er: “Wenn da ganze Schichten in Quarantäne müssen, brechen die Lieferketten zusammen”, befürchtet er.

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Von Lieferketten ist viel die Rede in diesen Tagen. Die Spedition Höhner im Westerwald hat ihren Fahrern T-Shirts spendiert mit einem selbstbewussten Aufdruck: “Wer rettet die Lieferkette? Ich bin es!” Zu den Angestellten gehört auch Kathrin Oschmann, Kabel-1-Zuschauern bekannt als “Trucker Babe Tinka”. Sie schreibt ihren 60.000 Followern auf Facebook: “Wir sind für euch unterwegs, also lasst uns alle an einem Strang ziehen und respektvoll miteinander umgehen. Nicht nur jetzt, wo es schwierig ist, sondern immer!”

Doch Respekt ist das eine, die nackten Zahlen sind das andere. Nur in einigen Bereichen sind die Transportaufträge explodiert – bei Lebensmitteln und Medizinprodukten zum Beispiel. Viele andere Güter, zum Beispiel Autoteile, werden kaum noch transportiert. “Wir sehen Auftragseinbrüche von 40 bis 100 Prozent, ganze Lkw-Flotten sind stillgelegt”, sagt BGL-Hauptgeschäftsführer Dirk Engelhardt. Die Fahrleistung mautpflichtiger Lastwagen mit mindestens vier Achsen ist im März im Vergleich zum Vormonat saisonbereinigt um 5,9 Prozent zurückgegangen. Das geht aus aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamts und des Bundesamts für Güterverkehr hervor. Dies sei der stärkste Rückgang im Vergleich zum Vormonat seit der Einführung der Lkw-Maut im Jahr 2005, so die Bundesämter. Das ist seit der Finanzkrise vor elf Jahren nicht mehr passiert.

Das “Frachtbarometer” beim Internet-Frachtenvermittler Timocom stand vergangene Woche für innerdeutsche Fahrten zeitweise bei 15 Prozent angebotener Fracht zu 85 Prozent ungenutztem Laderaum.

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In Truckerforen machen die Fahrer ihrem Ärger über Dumpingpreise Luft: 500 Euro für eine Fahrt nach Barcelona – “das deckt nicht einmal Sprit und Maut”, schreibt einer. Selbst die Großspedition DB Schenker, die dem Staatskonzern Deutsche Bahn gehört, mischt dabei mit und verlangt teilweise von Subunternehmern Preise, die noch nicht einmal die Hälfte der Kosten decken. “Teile des deutschen Marktes für Transportdienstleistungen sind in der Corona-Krise offenbar in die Illegalität abgerutscht”, klagt Engelhardt. Die Dumpingpreise hätten nichts mehr mit den Vorschriften zum deutschen Mindestlohn zu tun. Die Betreiber von Plattformen und Frachtbörsen sollen verpflichtet werden, regelmäßig dort eingestellte, aber offensichtlich illegale Offerten umgehend an das Bundesamt für Güterverkehr und den Zoll zu melden.

Engelhardt befürchtet, dass dem coronabedingten Preisverfall eine ganze Reihe kleinerer Speditionen zum Opfer fallen wird. “Solche Dumpingangebote zu dulden ist das völlig falsche Signal, wenn der Mittelstand nach der Krise noch vorhanden sein soll. Und der ist unabdingbar für eine gut funktionierende Logistik.”

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