Auf dem Matschweg

  • Der Virologe Christian Drosten erklärt mit einer anschaulichen Metapher, warum auch Geimpfte Corona bekommen können – und warum sie trotzdem besser durchkommen.
  • Es ist zermürbend, wie sich Wissenschaftler und Politiker auf der einen Seite um die Bekämpfung der Pandemie mühen und Prominente wie Boris Johnson und Novak Djokovic auf der anderen Seite die Moral zerstören.
  • Am Ende hilft die Hoffnung auf einen Geländewagen.
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Liebe Leserin, lieber Leser,

wenn Sie so einen richtigen Matschweg befahren müssten, welches Auto würden sie bevorzugen? Den normalen Pkw? Oder den Geländewagen mit den breiten Reifen, der zwar auch ins Schlingern geraten kann, Sie aber sicherer und schneller ans Ziel bringt? Genau, man setzt sich in das Fahrzeug mit der hohen Bodenfreiheit, mit dem man zur Not sogar eine Flussfurt durchqueren kann.

Warum das weder etwas mit der Automobilindustrie noch mit klimaschädlichen Dreckschleudern oder Landwirtschaft zu tun hat, sondern schon wieder mit Corona und der Debatte über eine Impfpflicht, liegt an Christian Drosten. Die Pressekonferenz mit Gesundheitsminister Lauterbach und RKI-Chef Wieler am Freitag in Berlin nutzte der Virologe wieder für die Rubrik „Wissenschaft leicht gemacht“.

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Es ging um den Umstand, dass auch Geimpfte Corona bekommen können. Wie soll man das Corona-Leugnern und Impfgegnern nur erklären, ohne dass sie die Vakzine als Teufelszeug schmähen, das sich bisher 60 Millionen Menschen in Deutschland haben spritzen lassen? Corona ist eben eine riesengroße Matsche und die Impfstoffe sind die breiten Reifen. Sie schützen nicht in jedem Fall auf der gesamten Strecke, aber sie schützen Leben.

Was Drosten mit seiner Matschmetapher zu erklären versucht, haben Forscher des US-amerikanischen National Institutes of Health in einer Studie festgehalten, wonach von 1,2 Millionen Geimpften in den USA im Fall einer Ansteckung weniger als 200 Erkrankte einen schweren Corona-Verlauf hatten.

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Drosten über Omikron-Welle: „Wir haben diese Impflücke in Deutschland“
1:01 min
Der Virologe der Charité Christian Drosten weist darauf hin, dass wahrscheinlich noch mal bei der Impfung nachgesteuert werden muss.  © Reuters

Sie nennen acht Faktoren, die die Gefahr eines schweren Krankheitsverlaufs trotz Impfschutz steigern: Lebensalter von über 65 Jahren, geschwächtes Immunsystem, chronische Lungenerkrankung, chronische Lebererkrankung, chronisches Nierenleiden, neurologische Erkrankung, Diabetes, Herzerkrankung. Drosten führte übrigens noch einen Grund an: „Einige haben den Impfschutz verloren, weil eine andere Variante da ist.“ Und er warnte davor zu glauben, wer sich mit Omikron infiziert habe, sei gegen die Delta-Variante immun. Delta komme im Herbst vielleicht zurück.

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Bei allem Ärger über die Corona-Politik und der Kritik auch an manchen Standpunkten von Wissenschaftlern – es nötigt mir Respekt ab, mit welcher Ruhe und Bereitschaft zur x-ten Wiederholung derselben Position die Männer und Frauen der Wissenschaft und Politik die Pandemie und die möglichen Auswege erklären. Dabei sind sie selber frustriert.

Wieler sagte etwa auf die Frage nach der Notwendigkeit einer Impfpflicht, viele der bisher Ungeimpften würden sich auch nicht mehr impfen lassen. „Wir erreichen mehr mit einer Pflicht. Wir retten einfach mehr Leben“, sagte er, ohne die Stimme zu heben und verwies noch auf die Corona-Langzeitfolgen. „Wir wissen, dass es sehr viele Menschen sein werden, die darunter leiden.“

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Der niederländische Ministerpräsident Mark Rutte hat bei seinem Treffen mit Olaf Scholz im Kanzleramt Verständnis dafür geäußert, dass die Menschen die Nase voll haben von Corona. Rutte ist für klare Sprache bekannt. Zu Beginn der Pandemie 2020 hatte er sich über die Jagd seiner Bürgerinnen und Bürger nach Klopapier (wie in Deutschland) mokiert und versichert: „Er is zo veel wc-papier, we kunnen tien jaar poepen!“ („Wir haben so viel Klopapier, wir können zehn Jahre kacken“).

Sein Subtext im Kanzleramt war, dass er selbst langsam die Schnauze voll von Corona hat – wie viele Politikerinnen und Politiker, denen die Pandemie eigentliche Pläne kaputt macht und die obendrein von Corona-Leugnern bedroht werden.

Lauterbach übte am Freitag den Spagat, warum er als Bundestagsabgeordneter für die Impfpflicht stimmen, als Bundesminister aber keinen eigenen Gesetzentwurf dafür vorlegen wird, um für alle Strömungen im Parlament als neutrale Anlaufstelle zu gelten.

Er mühte sich auch, die Omikron-Welle mit inzwischen mehr als 90.000 Rekordneuinfektionen pro Tag zwar als gefährlich für das Gesundheitssystem zu beschreiben und zugleich Mut zu machen. Denn in Deutschland sei es gelungen, mit den Corona-Maßnahmen die Verdopplungszeit der Ansteckungen zu verlangsamen.

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Strategie gegen Corona: Lauterbach warnt vor zu früher Durchseuchung
1:33 min
Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) betonte am Freitag in Berlin, dass die Zahl der Opfer, die wir dann beklagen müssten, sicherlich zu hoch sein würde.  © Reuters
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Drosten sagte dazu: „Das kommt nicht aus dem Nichts.“ London etwa habe der Omikron-Wand wenig entgegenzusetzen gehabt, dort seien die Zahlen mit Omikron explodiert. Und weil Corona auch die Lupe auf die Globalisierung legt, führen andere Nachrichten aus dem Vereinigten Königreich zu schlechter Laune auch in Deutschland.

Premierminister Boris Johnson hat sich nun für seine Teilnahme an einer Gartenparty während des Lockdowns in Großbritannien im Mai 2020 entschuldigt. Dass die Regierung gern nach George Orwells Botschaft „Alle sind gleich, aber manche sind gleicher“ feiert, unterstreicht eine weitere Entschuldigung in diesen Tagen. Johnsons Amtssitz entschuldigte sich beim Buckingham-Palast für zwei Lockdownpartys am Vorabend der Beisetzung von Queen-Gemahl Prinz Philip im April 2021.

Mitarbeiter hatten bis in die Nacht im Amtssitz getrunken und getanzt. Damals galten strenge Abstandsregeln wegen der Corona-Pandemie. Die Queen musste wegen der Vorschriften am nächsten Tag alleine in der Kapelle ihrer Residenz Windsor sitzen, als dort ihr Ehemann, mit dem sie 73 Jahre verheiratet war, bestattet wurde.

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Johnson feierte Lockdownpartys während Queen-Trauer: Großbritannien in Empörung
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Am Vorabend der Beisetzung von Queen-Gemahl Prinz Philip im April sollen Dutzende Mitarbeiter des britischen Premierministers in dessen Amtssitz gefeiert haben.  © dpa

Dagegen hat Australiens Einwanderungsminister Alex Hawke ein Zeichen gesetzt, dass Manche in seinem Land, in dem harte Corona-Regeln gelten, nicht gleicher sind. Er annullierte das Visum des Tennistopstars Novak Djokovic, der nicht gegen das Coronavirus geimpft ist. Eine Teilnahme des serbischen Weltranglistenersten an den Australian Open gilt damit als unwahrscheinlich. Australien ist weit weg, aber Corona ganz nah. Eine andere Entscheidung als die von Hawke hätte bis zu den Geimpften in Deutschland ein Gefühl maßloser Ungerechtigkeit ausgelöst.

Noch einmal zu Drosten. Der Virologe ist unerschrocken, er nennt die Impfpflicht ein „politisches Thema“ und meint damit: ein politisches Problem. Und dann kritisiert er noch – namentlich nicht genannte – Medien, die die Pandemie verharmlosten und so täten, als sei Corona nicht so schlimm und die Kontaktbeschränkungen übertrieben. Auch die Medien müssten helfen, für korrekte Informationen zu sorgen. Ihm sei versichert, dass auch korrekte Informationen nicht vor Schlammschlacht schützen. Aber der Weg ist das Ziel. Und wenn es ein Matschweg ist.

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Politsprech

Ich habe mich entschieden, keinen eigenen Antrag zu präsentieren, sondern da neutral zu sein.

Karl Lauterbach, Bundesgesundheitsminister im Gespräch mit dem Nachrichtenportal „The Pioneer“

Der in einer Pandemie wichtigste Bundesministerminister zieht es vor, in der Frage der Impfpflicht (die er befürwortet), doch keinen eigenen Gesetzentwurf vorzulegen. Er bemüht als Begründung die Neutralität. Das ist eine Schutzbehauptung. Sie soll vielmehr Bedenken verschleiern, keine eigene Mehrheit der Koalition zu bekommen, sich als Regierung den Zorn der Bürgerinnen und Bürger zuzuziehen und womöglich vor dem Bundesverfassungsgericht zu scheitern.

Gesundheitsminister Karl Lauterbach spricht in der Bundespressekonferenz. © Quelle: imago images/NurPhoto

Wie unsere Leserinnen und Leser auf die Lage schauen

An dieser Stelle geben wir Ihnen das Wort. Heute die gegensätzlichen Meinungen zum Kommentar zur Führungsschwäche von Scholz und Lauterbach:

Dierk Tiedemann:

Endlich spricht einmal aus, was Bürger von ihren gewählten Vertretern erwarten: Führung, Verlässlichkeit, Klarheit und Aufrichtigkeit. Diese Tugenden scheinen unter den aktuellen Akteuren verloren gegangen zu sein. Unter Führung verstehe ich: Nach reifer, kompetenter Überlegung notwendige Maßnahmen auszusprechen und auszuführen, notfalls auch Störendes schnell aus dem Weg zu räumen. Die SPD hat in ihrer Partei große Vorbilder. Den Bürgern bietet sich von außen stattdessen ein sehr diffuses Bild der Unaufgeräumtheit und Ziellosigkeit. Wo bleiben die effektiven und dringend notwendigen Maßnahmen, um schnell für zumindest Teile der Wirtschaft, Kultur, Gesellschaft notwendige Auswege aus der Corona-Krise zu zeigen? Gewählte Politiker sollten dem Volke dienen, nicht vorrangig ihren Wählern, Günstlingen oder gar lautesten Lobbyisten.

Ferdinand Bruss:

„Hochachtung für diesen Beitrag und den Mut, als Journalistin mutig voranzugehen.“

Reinhold Michel:

„Sie sollten sich schämen so einen Mist zu verbreiten, kein Wunder, dass die Medien immer weniger Rückhalt haben. Hätten Sie sich mal lieber ein Vorbild an Dänemark und der führenden Boulevardzeitschrift dort genommen. Die haben sich für ihr verächtliches Verhalten während der Corona-Zeit beim Leser entschuldigt. Die Betten zu reduzieren, um anschließend die Leute zu gängeln, Reisefreiheit, Berufsfreiheit einzuschränken und die Leute zeitweise einzusperren und wie Sklaven nur auf die Arbeit zu lassen, das ist wohl Ihre Vorstellung von einer Demokratie?! Es war auch in den dunkelsten Zeiten in Deutschland so, das sich Ärzte und Presse dem System angedient haben, schämen Sie sich.“

Mark Jehner aus Frankfurt zum Hauptstadt-Radar über den „blöden Corona“ vom 8. Januar:

„Gegen „den blöden Corona“ hilft nicht, dass die Politik ihre Untätigkeit wissenschaftlich als „Strategie“ verbrämt, das Virus auf seinem Weg in einen endemischen Zustand einsickern zu lassen. Eine Impfpflicht wiederum setzt die Mitwirkung vieler Menschen im Umgang mit der Pandemie aufs Spiel und passt schlecht dazu, dass es offiziell gar keine epidemische Lage gibt. Einen echten Impfanreiz dagegen böten deren erneute Feststellung, die Wiederherstellung aller Möglichkeiten der Bundesländer im Kampf gegen das Virus, ein schneller Lockdown, eine dauerhafte sinnvolle Bundesnotbremse, ergänzende Ländernotbremsen, die überfällige Untersuchung unseres Abwassers auf Coronaviren, eine Abkehr vom Richtwert der Hospitalisierungsinzidenz hin zur alleinigen Orientierung an erhöhtem Infektionsgeschehen und die konsequente Fortführung dieser Maßnahmen auch bei niedrigen Fallzahlen. Das würde dafür sorgen, dass „der blöde Corona“ mit unseren Impfungen auch weggeht und weg bleibt.

Karlheinz Knickel zum Hauptstadt-Radar zu Russland vom 6. Januar:

„Ich halte diese Einschätzung für gewagt, verfehlt und reichlich marktschreierisch. Eigentlich gefallen mir Ihre Berichte, aber hier schätzen Sie die Interessenslage meines Erachtens sehr falsch ein und, noch schlimmer, zeichnen ein Bild, das nicht den Tatsachen und Ursache-Wirkungs-Verhältnissen entspricht. Haben Sie einmal überlegt, wie es für Russland ist, wenn die Nato immer näher an die russische Grenze vorrückt? Warum müssen Ukraine und andere ehemalige Sowjet-Republiken Nato-Mitglied werden? Aus deren Sicht verständlich, aber warum kann die Nato die Dinge nicht auch aus Sicht Russlands sehen. Warum nicht Sicherheits- beziehungsweise Beistandsgarantien anstatt Nato-Mitgliedschaft? Warum Nato-Truppen in den ehemaligen Sowjet-Republiken? Nicht nötig und aus psychologischer Sicht grundverkehrt.

Das ist auch noch lesenswert

Der Text von Tim Szent-Ivanyi über die Impfflicht

Markus Decker über die Spaltung der Linken

Steven Geyer über die Pläne von Klimaschutzminister Habeck

Das „Hauptstadt-Radar“ zum Hören

Das Autorenteam dieses Newsletters meldet sich am Dienstag wieder. Dann berichtet mein Kollege Markus Decker. Bis dahin!

Herzlich

Ihre Kristina Dunz

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