1. Mai für Verschwörungsfans: “Vieles erinnert an ‘Reichsbürger’-Szene”

Berlin. Zum Beispiel Hans-Joachim Maaz. Der Psychoanalytiker aus Halle war lange Jahre ein gefragter Gesprächspartner für ostdeutsche Befindlichkeiten. Als Pegida-Erklärer näherte er sich den protestierenden Wutbürgern an – und jetzt gehört er selbst dazu.

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Am vergangenen Wochenende stand Maaz in Halle auf einer Kundgebung gegen die Corona-Einschränkungen – zusammen mit stadtbekannten Rechtsextremen.

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Er wird von Sputnik News und Youtube-Kanälen wie “Nuoviso” interviewt, erklärt den Kampf gegen Corona zur “neuen Religion” und raunt: “Das Virus ist praktisch die geniale Waffe, eine neue Weltordnung zu schaffen.”

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Dem staatlichen russischen Portal Sputnik News sagt Maaz, 77: “Ich halte viele der Maßnahmen für unverhältnismäßig. Damit werden Grundrechte von uns Menschen infrage gestellt oder ausgehebelt.”

Zum Beispiel Bodo Schiffmann. Der Hals-Nasen-Ohren-Arzt aus Baden-Württemberg betreibt eine Schwindelambulanz und will nun in die Politik. Seine Partei heißt Widerstand 2020. Seine “Corona-Videos” bekommen auf Youtube regelmäßig mehr als 100.000 Aufrufe. Das Virus sei nicht so schlimm, die Maßnahmen der Politik überzogen und im Zweifel einem düsteren Plan folgend.

Corona am 1. Mai – keine Arbeit, keine Demos

Gerade in der Corona-Krise ist die Vertretung der Arbeiterschaft von großer Bedeutung. Die üblichen Demonstrationen sind jedoch abgesagt.

Knallharte Verschwörungsfantasten und Aufmerksamkeitsprofiteure

Neben knallharten Verschwörungsfantasten wie Ken Jebsen und Xavier Naidoo profitieren Menschen wie Maaz und Schiffmann von einem diffusen Klima des Unmuts mit den Corona-Einschränkungen. Je mehr die Politik Fehler einräumt und Ausstiegsszenarien diskutiert, desto mehr steigt auch der Zulauf extremer Kritiker.

Im Netz profitieren Menschen wie der vegan lebende Fernsehkoch Attila Hildmann, der Mundschutzpflicht mit Sklaverei vergleicht und über seinen Telegram-Kanal rohe Verschwörungsfantasie verbreitet: “SETZT EUCH JETZT BITTE IRGENDWO HIN!”, befiehlt er. “Es ist ein valider Beleg der Theorie, dass sie uns mit einer Impfung chippen wollen und sie ihre Agenda ID2020 hier gerade komplett durchballern!”

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Ken Jebsen vor der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz.

Ken Jebsen vor der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz.

Auch auf der Straße finden solche Fantasien Zulauf. Am Mittwoch in Magdeburg war es der AfD-Landtagsabgeordnete Robert Farle, der auf einer von seiner Fraktion organisierten Corona-Demonstration raunte “Merkel hat einen Plan” und “Bill Gates und die WHO wollen uns zwangsimpfen!”.

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In Berlin gibt es bereits seit fünf Wochen “Hygiene-Demos” vor der Volksbühne. Am 1. Mai findet die nächste statt. Rund 1000 Menschen kamen am vergangenen Samstag, die Zahlen steigen.

Da saßen Menschen schweigend auf Isomatten im Schneidersitz. Andere liefen mit Plakaten umher, auf denen “Grundgesetz” stand. Manche der Anwesenden trugen Mundschutz, manche nicht. Auf der Treppe des Theaters sang ein Mann mit Gitarre: “Beuget die Knie.”

Dazwischen sah man Polizisten. Einer von ihnen rief die Menge über Lautsprecher immer wieder auf, den in Corona-Zeiten nötigen Abstand zu halten. Wer sich weigerte, wurde vorübergehend festgenommen. Je länger die sogenannte “Hygiene-Demo” dauerte, desto mehr Menschen kamen.

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Wer sich da im Einzelnen einfand, lässt sich nicht sagen. Sicher ist, wer in der Szene führt: Anselm Lenz, ein Dramaturg und Journalist, der sich als links bezeichnet und die Zeitung “Demokratischer Widerstand” herausgibt; der einstige RBB-Moderator Ken Jebsen, der als Verschwörungstheoretiker gilt; Nikolai Nerling, der selbst ernannte “Volkslehrer”, der wegen rechtsextremistischer Aktivitäten aus dem Berliner Schuldienst entlassen wurde. Auch Angelika Barbe war anwesend, einst Dissidentin in der DDR und heute in AfD-nahen Kreisen aktiv.

Funkmasten sind schuld. Und Bill Gates. Und die neue Weltordnung.

Der Vorsitzende der Innenministerkonferenz, Georg Maier (SPD), sagte zuletzt, sicher sei vieles, was unter überwiegend rechtslastigen Verschwörungstheoretikern geäußert werde, “abstrus, und man mag es belächeln”. So kursiert in Teilen der Szene die Überzeugung, Coronaviren würden über Funkmasten übertragen.

Andere eint hingegen die Überzeugung, dass der Staat die Corona-Krise gezielt missbrauche, um Bürgerrechte einzuschränken. Darunter mischen sich auch Thesen, wonach Flüchtlinge oder Juden für die Verbreitung des Virus verantwortlich seien. Unter anderem deshalb rät Maier zur Wachsamkeit. “Vieles erinnert an die ‘Reichsbürger’”, sagt er. “Die haben wir anfangs ebenfalls belächelt, bis sich ihre Ansichten verbreitet und sich einige irgendwann bewaffnet haben.”

Zugute kommt den Verschwörungsfantasten, dass man noch immer wenig über das Virus und dessen Herkunft weiß, sodass sich das Vakuum mit Erfundenem füllen lässt. Ohnehin reicht das Unbehagen über die Einschränkung von Grundrechten weit in die Mitte hinein. Überdies dürfte die Corona-Krise noch große soziale Konflikte nach sich ziehen.

Klaus Dörr

Klaus Dörr

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Das können sich Extremisten ebenfalls zunutze machen. In der Flüchtlingskrise war von einem “großen Austausch” die Rede, also von der angeblichen Absicht, die heimische Bevölkerung durch muslimische Flüchtlinge zu ersetzen. Die Gefahr durch die Klimakrise wird derweil ebenso geleugnet wie die Gefahr durch das Virus.

Unterdessen hat sich der Interimsintendant der Berliner Volksbühne, Klaus Dörr, von den wöchentlichen “Hygiene-Demos” vor dem Theater distanziert. Die Anmelder seien “veritable Lügner und Provokateure”, sagte Dörr am Montag dem RBB-Sender Radio eins: “Sie benutzen unsere Adresse, ohne das jemals mit dem Theater oder der Leitung des Theaters abgestimmt zu haben.”

Mit Sicherheit habe niemand von der Volksbühne irgendwas mit diesem Verein zu tun. Auch die Behauptung, die Volksbühne werde am 1. Mai öffnen, sei falsch. “Das ist natürlich nicht der Fall”, sagte Dörr. Die Volksbühne hatte am Samstag eigens ein Banner aufgehängt mit den Worten: “Wir sind nicht eure Kulisse.”

Anmelder der seit fünf Wochen stattfindenden Demonstrationen auf dem Rosa-Luxemburg-Platz ist der Verein Kommunikationsstelle Demokratischer Widerstand. Als Vereinsadresse wird die Volksbühne angegeben. Das Berliner Bündnis gegen rechts hatte zuletzt vor einer Teilnahme an der “Hygiene-Demo” gewarnt.

Sicher seien unter dieser “kruden Mischung von Verschwörungstheoretikern” auch eine Handvoll Menschen dabei, die es ernst meinten, sagte Dörr: “Man sollte aber immer darauf achten, mit wem man spazieren geht.”

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