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Attentäter von Halle – Anklageakten zeigen rassistische und antisemitische Gedankenwelt

  • Die Bundesanwaltschaft hat etwa ein halbes Jahr nach dem rechtsextremen Anschlag von Halle Anklage gegen Stephan B. erhoben.
  • Die Anklageakten offenbaren die rassistische und antisemitische Gedankenwelt des Täters.
  • Das RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) konnte sie einsehen.
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Halle (Saale)/Karlsruhe. Gut ein halbes Jahr nach dem rechtsextremen Terroranschlag von Halle hat die Bundesanwaltschaft Anklage gegen Stephan B. erhoben. Wann der Gerichtsprozess beginnt, steht noch nicht fest, zunächst haben die Verteidiger nun Zeit, sich zu den Vorwürfen zu äußern.

Ein Blick in die Anklageakten, die dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) vorliegen, gibt Einblick in die rassistische und antisemitische Gedankenwelt des Täters. Ein Zeitstrahl.

15. März 2019, Christchurch, Neuseeland

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Ein rechtsextremer Terrorist erschießt in zwei Moscheen 51 Menschen. Die Tat überträgt er mit einer Helmkamera live ins Internet. In einem “Manifest” präsentiert er sich als Kämpfer in einem Rassenkrieg und Anhänger der Verschwörungstheorie vom “großen Austausch”.

Der Terror von Christchurch löst bei einem frustrierten 27-Jährigen in Sachsen-Anhalt etwas aus: Mit neuem Elan stürzt sich Stephan B. in ein Projekt, das er bereits seit 2015 verfolgt, dem Jahr der großen Flüchtlingszuwanderung. Mit Teilen aus einem 3D-Drucker und an der Werkbank seines Vaters baut er sich Waffen zusammen, mit denen er Menschen töten will: Juden, die er im Zentrum einer Weltverschwörung wähnt, zudem Muslime, Schwarze und “Verräter”. Sie alle wollen ihn, einen zornigen weißen Mann, aus dem Leben drängen. So sieht er es. Nun will er handeln.

B. sammelt alles, was er zum Anschlag von Christchurch finden kann. Er speichert auch Enthauptungsvideos des “Islamischen Staats” auf seinem Computer und ein Video der rechtsextremen Terrorgruppe “Atomwaffen Division”.

9. Oktober 2019, 11.54–11.57 Uhr, Halle (Saale), Parkplatz Am Wasserturm

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Stephan B. lädt auf dem Internetforum “meguca.org” im Board “Meadhall” vier Links hoch. Der eine führt zu einem Livestream auf twitch.tv, die anderen drei zu einer Art “Manifest” und zu Anleitungen zum Waffenbau. Was jetzt folgt, hat B. akribisch dokumentiert, wenn auch stümperhaft vorbereitet. Er will ein Vorbild sein für Heimwerkerterroristen wie ihn, die mit geringem Budget und selbstgebauten Waffen auf einen Terrortrip ziehen. B. will ein Beispiel geben. Aber wem genau? Mit wem hat er sich auf anonymen Netzwerken ausgetauscht? Die Ermittler finden später nur ein paar Links zu gesicherten Websites und ein paar E-Mail-Adressen des Täters. Jegliche Verbindungsdaten sind längst gelöscht. Auf welchen der Imageboards genannten Plattformen er verkehrte, gibt B. in der Haft nicht preis.

9. Oktober 2019, 12 Uhr, ­Humboldtstraße, vor der ­Synagoge

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B. stoppt seinen Mietwagen vor der Mauer, hinter der der jüdische Friedhof und die Synagoge liegen. “Bitte, lass die Tür offen stehen”, murmelt er. Aber die Tür ist verschlossen. Sie wird die Gemeinde retten. Kein Polizist, kein Streifenwagen bewacht die Synagoge am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur. “Eine Schande”, nennt Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU) später diesen Umstand.

Zwei Tage zuvor hat B. den VW Golf, Kennzeichen EU-AI 4642, angemietet und vor der Wohnung seiner Mutter in Benndorf im Saalekreis geparkt. Er hat sein Waffenarsenal darin verladen, das er in seinem kargen Zimmer im Bettkasten versteckt hielt. Sechs Waffen hat er selbst gebaut, dazu Sprengvorrichtungen. Er werkelt in der Garage des Vaters im Nachbarort Helbra. Der freut sich, wenn der Sohn etwas zu tun hat.

B. hat aus Gesundheitsgründen sein Chemiestudium abgebrochen und danach nie eine Arbeit gesucht. Eine Freundin hatte er nie, Freunde ebenso wenig. Er hat keine eigenen Einnahmen.

Im Tatvideo nennt er sich “Anon”, Kurzform von “Anonymous”, wie die Teilnehmer der Imageboards, in denen jeder ohne Registrierung und meist ohne wirkliche Moderation alles posten kann. Und er nennt sich “Neet”, ein Akronym für “Not in Education, Employment or Training”, also arbeits-, bildungs- und beschäftigungslos.

Die Einzelteile für die Waffen hat er über das Ebay-Konto seines Vaters bestellt. B. hat auch kein eigenes Facebook-Konto. Er wolle den Juden nicht seine Daten geben, gibt er später an. Hat er so auch mit seiner Familie gesprochen? Es ist anzunehmen. Seinen Rassismus habe er aus dem Internet, hat der Vater erklärt. Und die Mutter erzählt den Ermittlern, das Attentat von Christchurch habe ihren Sohn sehr beschäftigt.

Auch die Finanzierung seines Selbstbauterrors lief über anonyme Imageboards und gesicherte Netzwerke. Ein “Mark” aus Brooklyn spendete 0,1 Bitcoin, nachdem B. die Daten seines Bitcoin-Wallet, einer virtuellen Geldbörse, im Netz postete – unter Beiträgen, in denen es um Waffenbau ging. Er tauschte die Kryptowährung in 1000 Euro ein, ein wichtiger Teil seines Budgets. Bei “Mark” soll es sich um den ehemaligen Moderator des Forums “/v/” wie “Videospiele“”auf dem Imageboard “8chan” handeln. Die Ermittler stellten eine Anfrage ans FBI und warten bis heute auf eine Antwort. Ob noch mehr Geld floss, wissen sie nicht.

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18.10.2019, Sachsen-Anhalt, Halle: Nur noch ein schmaler Weg führt zwischen den Blumen und Kerzen zur Tür der Synagoge Halle. © Quelle: Jan Woitas/zb/dpa

Am Tatmorgen fährt B. zunächst zum Haus des Vaters im Nachbarort. Vor einem Spiegel macht er ein Selfie in Kampfmontur. Er salutiert sich selbst.

Der Tag ist gekommen, auf den er sich so lange vorbereitet hat. Alleine, unbeobachtet. Doch war B. wirklich so allein?

“Gott, wie lange warte ich darauf”, sagt B., als er das Samsung Galaxy S8 mit eingeschalteter Smartphonekamera auf seinem Helm anbringt. Sie wird alles, was folgt, auf dem Twitch-Kanal übertragen.

Sie soll, so plant es B., einen Massenmord aufzeichnen. Ein Gemetzel an 51 jüdischen Gläubigen, die sich am höchsten Feiertag Jom Kippur in der Synagoge an der Humboldtstraße versammelt haben. Sie wird den Mord an zwei Zufallsopfern aufzeichnen und das Scheitern eines Möchtegernkriegers, der sich über Jahre in einer globalen rassistischen Szene im Internet bewegt hat.

B. fand seine Anknüpfungspunkte nicht im deutschen Rechtsextremismus, nicht auf Neonazi-Demos oder Rechtsrock-Konzerten. Aus ihm wurde ein globalisierter Rechtsterrorist. Er sammelte Animebilder von großäugigen japanischen Comicmädchen in sexy Posen – und in knapp sitzenden Nazi-Uniformen.

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Er spielte Egoshooter wie “Call of Duty”, aber auch Animerollenspiele wie “The Caligula Effect”. Er hörte zwar auch deutschen Rechtsrock, vorzugsweise aber die Musik der US-amerikanischen Rassisten, wie den Rap des “Moon Man”. Der weiße, grinsende Mond stammt ursprünglich aus einer alten McDonald’s-Werbung, wurde dann von den US-Rechtsextremen als Kennzeichen verwendet. Das Rap-Album, das mit dem Namen “Moon Man” verknüpft ist, steckt voller Gewaltaufrufe und Genozidfantasien: “Eure nächste Haltestelle ist Auschwitz”, heißt es dort etwa über die Juden. Rassistischen englischsprachigen Rap hört er auch während der Tat.

Auf dem Foto im Kampfmontur trägt B. einen “Moon Man”-Anstecker an seiner Mütze.

12.01 Uhr, Humboldtstraße, vor der Synagoge

B. verlässt den Wagen mit zwei seiner selbstgebauten Waffen, einer “Luty 9 mm Parabellum” und einer “Luty Slam-Bang Shotgun”, in der rechten Hand hält er eine Art Handgranate. Er versucht, mit seiner rechten Hand die Tür in der Mauer aufzudrücken, doch sie ist verschlossen. Er wirft eine Handgranate über die Mauer. Damit will er ein Feuer im Hof entfachen und die Betenden herauslocken.

Zur selben Zeit, in der ­Synagoge

Das Rabbinerpaar Jeremy Borovitz und Rebecca Blady gehört zu einer Gruppe von 20 jungen Juden aus den USA und anderen Ländern, die zum höchsten Feiertag Jom Kippur zu Besuch in Halle sind. Sie leben alle zeitweise in Berlin und wollten einmal raus aus der Großstadt, mehr von Deutschland sehen. Zusammen mit den Gemeindemitgliedern aus Halle sind sie 51 Menschen in der Synagoge. Seit 9 Uhr morgens läuft der Gottesdienst, mit Unterbrechungen. Gerade lesen sie Lev 16, die Geschichte vom Sündenbock.

Das Rabbinerpaar Jeremy Borovitz und Rebecca Blady. © Quelle: Jacqueline Schulz

Plötzlich dröhnen die Schüsse von draußen, dazu der Knall der Sprengladung. Vladislav S., genannt Vlad, ist der Sicherheitsmann der Gemeinde. Er sitzt vor einem Monitor, sieht, was draußen geschieht. Mehrere Gemeindemitglieder rufen: “Alle nach hinten!” Die Frauen stürmen von der Empore, einige Gemeindemitglieder verbarrikadieren die Tür, Borovitz hilft ihnen.

Die Polizei verzeichnet den ersten Notruf um 12.03 Uhr. Laut Einsatzprotokoll trifft der erste Streifenwagen um 12.11 Uhr an der Synagoge ein, eine Minute später ein zweiter. Die Beamten legen ihre Schutzausrüstung an. “Es fühlte sich wie eine Ewigkeit an, bis die ersten Polizisten in die Synagoge kamen”, sagt Borovitz. Einige aus seiner Gruppe suchen Bettlaken, um sie zu einem Seil zusammenzubinden. Das hätten sie in der High School in Amerika so gelernt, falls ein Attentäter die Schule stürmt, sagen sie.

12.03 Uhr, vor der Synagoge

Die Passantin Jana L., 40, erschrickt sich wegen des Knalls. Ihr Schimpfen ist im Video zu hören. B. schießt ihr mit der “Luty 9mm Parabellum” vier Mal in den Rücken. In seiner Vernehmung bezeichnet er den Mord als Kurzschlussreaktion. Er sei im “Kampfmodus” gewesen, jede Störung habe ihn aus dem Konzept gebracht. Er jagt noch einmal elf Schüsse in den Rücken der leblos daliegenden Frau. Dabei zerschießt er auch einen Reifen des Mietwagens.

12.04 Uhr, in der ­Synagoge

Auf dem Monitor sehen die Gemeindemitglieder, wie B. davonfährt. Sie sehen auch, wie L. stirbt. Borovitz denkt an den biblischen Sündenbock. Hat die zufällig vorbeikommende Frau den Attentäter aus dem Konzept gebracht, die Gemeindemitglieder womöglich gerettet?

12.10 Uhr, Ludwig-Wucherer-Straße

“Döner? Nehmen wir” ist im Video zu hören. Der Täter wirft zunächst eine Nagelbombe in den Eingangsbereich des “Kiez Döner”. Dort sitzt unter anderem der 20-jährige Maler Kevin S. Er hat Mittagspause. B. betritt den Laden, schießt zweimal auf S. Seine Waffe blockiert. S. und ein anderer Gast fliehen hinter den Getränkekühlschrank. B. schießt erneut mehrmals auf den jungen Mann. S. ruft “Nein” und “Bitte nicht”. Der Schütze zieht eine selbstgebaute Pistole und schießt erneut. Fünf Minuten später kommt er noch einmal zurück, feuert wiederholt auf den Sterbenden.

Er habe ihn mit einem “Nahöstler” verwechselt, gibt B. bei der Vernehmung an. Er habe die falschen Ziele getroffen. Der Täter – B. spricht von sich in der dritten Person – habe seine Aufgabe verfehlt.

12.16 Uhr, Ludwig-Wucherer-Straße

“Ah, das ist die Polizei. Gut, jetzt sterbe ich”,, ist im Video zu hören. Ein Streifenwagen mit drei Polizeibeamten und ein ziviler VW-Bus mit zwei weiteren Polizisten halten 50 Meter entfernt quer zur Straße. Der Täter schießt insgesamt viermal in Richtung des Streifenwagens, einer der Polizisten feuert vier- bis fünfmal aus seiner auf Einzelfeuer gestellten Maschinenpistole zurück. B. wird am Hals getroffen, schleppt sich in sein Auto und rast davon. Die beiden Polizeiwagen verfolgen und verlieren ihn. Er redet davon, wie er versagt hat, wie alle Waffen versagt haben. Dass er weiter töten wolle. Die Schusswunde schmerzt immer stärker. Er fragt: Hätte die Polizei nicht den Kopf treffen können?

13.40 Uhr, B 91 bei Werschen, Burgenlandkreis

B. raubt in Wiedersdorf bei Landsberg ein Taxi, flieht damit Richtung Süden auf der A 9, biegt dann auf die B 91 Richtung Zeitz ab. Er überfährt eine rote Baustellenampel und kollidiert mit einem entgegenkommenden Sattelzug. B. versucht zu fliehen, wird von zwei Polizisten festgenommen. Er kniet auf dem Seitenstreifen, sein Blick ist leer.

Gegen 15 Uhr, in der Synagoge

Die Gemeinde hat den Gottesdienst zunächst fortgesetzt, alle haben ihre Angst und Trauer in die Gebete gelegt. Die Polizisten drängen nun zur Eile: Die Synagoge müsse sofort geräumt werden. Draußen ist eine Ausgangssperre verhängt, an jeder Ecke stehen Polizisten mit Maschinengewehren. “Wir haben zwei Probleme”, sagt Borovitz auf Englisch. “Unsere Tochter ist nicht hier. Und wir müssen das Essen mitnehmen.” Die kleine Tochter von Borovitz und Blady ist bei einer Babysitterin irgendwo in der Nähe. Die Eltern drängen, dass sie zurückkommt. Die Polizisten wollen nicht warten. “Wir bleiben hier, bis die Kleine zurück ist!”, antwortet Borovitz. “Und wenn ihr mich mit Gewalt rauszerren müsst!”

Jom Kippur ist ein Fastentag, das Essen fürs Fastenbrechen steht bereit. “Das muss hierbleiben”, hätten die Polizisten zunächst gesagt, erinnert sich Borovitz. Und: “Wir bringen euch ins Krankenhaus, da ist eine Cafeteria, dort gibt es Würstchen.” Nach langen Diskussionen dürfen die Gläubigen das koschere Essen in kleine Tüten umpacken und mitnehmen. Und nach Stunden der Angst dürfen auch Borovitz und Blady ihre Tochter wieder in die Arme schließen.

Später, im Krankenhaus, kommt die Gemeinde zum improvisierten Abschlussgottesdienst zusammen. Die Polizei fordert, das Beten zu unterbrechen, sie müssen Zeugenaussagen aufnehmen, so erinnert sich Borovitz. Nur durch die Intervention des Chefarztes können die Gläubigen Jom Kippur wie vorgeschrieben beenden. “Es fehlte der Polizei selbst am geringsten Verständnis für jüdisches Leben”, beklagt sich der Rabbiner.

Sechs Wochen später

Bei einer Vernehmung fragt B., ob er den Datenträger mit den Animebildern und seiner Musik zurückhaben könnte. Die Dateien würden ihm sehr am Herzen liegen.

Ein halbes Jahr später

Jeremy Borovitz wird ebenso wie der Gemeindevorsteher Max Privorotzki als Nebenkläger beim Prozess dabei sein, der in einem Hochsicherheitssaal in Magdeburg verhandelt wird. Noch gibt es keinen Termin für das Gerichtsverfahren. Ein Datum aber steht fest: “Zu Jom Kippur 2020 treffen wir uns alle wieder in Halle”, sagt Borovitz. Dann feiern sie ihr Überleben.



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