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Kommentar

Atomkraftwerk Saporischschja unter Beschuss: die drohende Katastrophe

Ukraine, Saporischschja: Kateryna Hodza und ihr Enkel Dorschenko nehmen einen Bus am Aufnahmezentrum für Flüchtlinge in Saporischschja, nachdem sie aus Mala Tokmatschka geflohen sind. (Archivbild)

Berlin. Schon seit Wochen erfüllt die Lage im ukrainischen Atomkraftwerk Saporischschja die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) mit großer Sorge. Europas größtes AKW im Süden der Ukraine sei „völlig außer Kontrolle“, klagte IAEA-Chef Rafael Grossi schon zu Beginn der vergangenen Woche.

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Zum Wochenende dann die Nachricht vom Beschuss des AKW, wofür sich Kiew und Moskau gegenseitig verantwortlich machten. Das ukrainische Außenministerium warnte: Sollte ein Reaktor getroffen werden, seien die Folgen „gleichbedeutend mit dem Einsatz einer Atombombe“.

Fakt ist, schon seit Anfang März ist das AKW mit seinen sechs Reaktorblöcken und einer Leistung von 6000 Megawatt von russischen Truppen besetzt, die das ukrainische Personal quasi mit vorgehaltener Waffe zwingen, den Betrieb zu sichern.

Schon dieser Zustand für sich genommen stellt ein enormes Risiko dar, von einem Beschuss ganz zu schweigen. Selbst wenn Präsident Wladimir Putin zuletzt versicherte, Russland habe keinerlei Interesse an einem Atomkrieg, so kann die Ukraine doch durch Dummheit, Fahrlässigkeit oder Vorsatz Schauplatz eines Super-Gaus werden, ohne dass Nuklearwaffen zum Einsatz kommen.

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Die leidgeprüften Ukrainerinnen und Ukrainer wissen aus eigener Erfahrung, welche Folgen eine AKW-Havarie haben kann. Wer im Sommer 1986 Kiew besuchte, der konnte morgens auf den Balkonen Menschen mit Messgeräten sehen, die testeten, wie hoch die Radioaktivität der Luft gerade ist und ob es ratsam wäre, lieber drinnen zu bleiben.

Zu dieser Zeit lag die Nuklearkatastrophe im über 100 Kilometer von Kiew entfernten Atomkraftwerk Tschernobyl schon über drei Monate zurück. Die genaue Zahl der Opfer ist bis heute unklar. Ein UNO-Gutachten geht von 4000 Strahlentoten aus, die Umweltorganisation Greenpeace von 100.000.

Zehntausende Menschen wurden aus der Region um das AKW zwangsumgesiedelt, viele litten an Spätfolgen. Tschernobyl verdeutlichte, was geschehen kann, wenn es zu einem Zwischenfall kommt. Bis ins 1600 Kilometer entfernte Bonn wehte die Angst vor der Verstrahlung herüber.

Während die Bundesregierung sich besorgt zeigte und Verbraucherschützer vor dem Verzehr von Salat und anderem Gemüse warnten, folgte die DDR der Sowjetpropaganda, die den Fall lange herunterspielte, obwohl in Moskau schon der Reformer Michail Gorbatschow an der Macht war.

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Der Beschuss des AKW-Geländes von Saporischschja, wo die Russen inzwischen auch schwere Waffen, Munition und Sprengstoff lagern sollen, führt die Grenzen der konventionellen Kriegsführung vor Augen. Vor dem Hintergrund des drohenden Supergaus verblassen Geländegewinne und -verluste.

Es grenzt schon jetzt an ein Wunder, dass der mit brutalsten Mitteln geführte Angriffskrieg Russlands nicht schon zu einer nuklearen Katastrophe geführt hat. Neben dem Alt-AKW Tschernobyl, das in einen Betonsarkophag gehüllt ist, existieren im Land vier weitere Kernkraftwerke, die über 50 Prozent der Stromerzeugung sichern.

Die Internationale Atomenergiebehörde fordert seit längerem Zugang zum AKW Saporischschja, um eine Inspektion mit Prüfung der technischen Sicherheit durchzuführen. Aber welches Gewicht hat schon die Forderung einer Behörde, wenn die Waffen sprechen?

Echte Sicherheit würde ein Waffenstillstand bringen, doch davon ist Moskau offensichtlich weit entfernt. Zumindest gibt es keinerlei Anzeichen dafür, dass der Kreml an irgendeiner Verhandlungslösung zur Beendigung des Krieges interessiert ist.

Dass daran neue Sanktionen gegen Russlands Nuklearindustrie und den Staatskonzern Rosatom etwas ändern, wie sie der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj jetzt fordert, ist eher nicht anzunehmen.

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