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BfS-Präsidentin zu Taxonomie: EU unterschlägt Atomgefahr bewusst

Vor elf Jahren havarierte das Atomkraftwerk im japanischen Fukushima: Ein Erdbeben und ein Tsunami hatten einen Super-GAU verursacht.

Berlin. Frau Paulini, bis zu diesem Freitag müssen die EU-Mitgliedsstaaten ihre Stellungnahmen zu den Plänen der EU-Kommission einreichen, die Erdgas und Atomkraft als nachhaltig einstufen will. Die wissenschaftliche Grundlage kam von der Forschungsstelle der EU, die Kernenergie als klimaneutral und überwiegend harmlos bezeichnet. Die Bundesregierung lehnt das ausdrücklich ab. Rein wissenschaftlich betrachtet: Wer hat recht?

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Das Bundesamt für Strahlenschutz hat bereits im vorigen Jahr im Auftrag des Bundesumweltministeriums an einem Gutachten mitgearbeitet, das die Bewertung der EU-Forschungsstelle intensiv geprüft hat. Unser Ergebnis ist eindeutig: Die EU-Forscher haben mit einem verkürzten Nachhaltigkeitsbegriff gearbeitet und zugleich das Risiko der Technologie nicht umfassend betrachtet, ebenso wenig die Langzeitfolgen.

Kohlekraftwerke stoßen deutlich mehr CO₂ aus als Atomkraftwerke. Wieso soll das verkürzt sein?

Nachhaltigkeitskriterien betreffen ja nicht nur den Klimaschutz, sondern auch andere Umweltschäden: In Bezug auf die Nutzung der Kernenergie beginnt das beim Uranabbau und endet bei der offenen Endlagerfrage. Aber vor allem hat die EU-Forschungsstelle die größte Gefahr nicht ausreichend betrachtet.

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Inge Paulini, Präsidentin des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS).

Inge Paulini, Präsidentin des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS).

Sie meinen das Unfallrisiko.

Ganz genau. Die Technik ist nicht sicher, das haben die Katastrophen von Tschernobyl und Fukushima leider bewiesen – und damit müssen wir auch in Zukunft rechnen. Aber die Folgen der Unfälle hat die EU nicht umfassend beleuchtet, ebenso wenig die Spätfolgen für Jahrtausende, und vor allem ist wichtig: Wir haben günstigere Alternativen. Bezieht man all das ein, ist Atomkraft keine nachhaltige Technologie.

Aber das EU-Gutachten hat doch auch das Kriterium geprüft, ob die Energieformen „nennenswerten Schaden anrichten“. Wurde also der Klimaschutz höher gewertet?

Die Klimawirkung wurde sehr hoch gewichtet, andere Fragen nicht fundiert betrachtet. Für uns als Fachbehörde ist es nicht nachvollziehbar, wie bei der Überprüfung von Folgeschäden das Risiko eines schwerwiegenden nuklearen Unfalls vernachlässigt werden kann. Glücklicherweise ist dieses Risiko als gering einzustufen. Sollte es aber zu einem schweren Unfall in einem Atomkraftwerk kommen, kann der Schaden enorm sein. Übrigens nicht nur als direkte Folge der Strahlung, sondern auch durch gesellschaftliche Umbrüche wie beispielsweise Evakuierungen.

Auch durch die Folgen fossiler Energiegewinnung sterben jährlich Millionen Menschen weltweit: durch Luftverschmutzung und die Klimafolgen wie Hitze, Hochwasser, Hungersnöten nach Dürre und so weiter. Die Todesopfer in Fukushima werden inklusive Folgeerkrankungen auf unter 2000 geschätzt.

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Das eine gegen das andere aufzurechnen, greift zu kurz. Denn vor allem geht es doch um die Frage: Gibt es Alternativen zu beidem? Das betont ja die Bundesregierung: Wirklich nachhaltig sind erneuerbare Energien. In deren Ausbau muss man die zukünftigen Investitionen lenken. Entsprechend klar hat sich die Bundesregierung in den letzten Tagen geäußert und wird das sicher auch in ihrer Stellungnahme tun. Aus fachlicher Sicht als Strahlenschützerin kann ich das nur unterstützen.

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Die EU sieht Klimaschutz als Frage der Generationengerechtigkeit – und Atomkraft wegen ihrer CO₂-Bilanz im Vorteil.

Dass Atomkraft künftigen Generationen keine Lasten aufbürdet, ist gleich mehrfach falsch. Nicht nur in Deutschland, sondern weltweit existiert kein stabiles, sicheres Endlager für den Atommüll. Die Einschätzung, wonach Atomkraft keine nachhaltige Technologie ist, hat nicht nur mit den radiologischen Abfällen zu tun und auch nicht nur mit direkten Strahlenschäden durch Unfälle. Die nicht radiologischen Folgen von Unfällen werden oft ausgeblendet, und auch hier reden wir über eine generationenübergreifende Frage. Gerade Fukushima hat gezeigt, dass psychosoziale, gesellschaftliche und ökonomische Folgen nach einer schweren nuklearen Katastrophe die Strahlenfolgen bei Weitem übersteigen können.

Was meinen Sie konkret?

Ich habe die Evakuierungen angesprochen. Nach einem Super-GAU müssen die Menschen ganz plötzlich ihre Heimat verlassen und können zum Teil nie wieder heimkehren, Familien und Gemeinschaften werden zerrissen, Menschen verlieren ihre Arbeit. Das hat erhebliche Auswirkungen, die großen Schmerz und hohe Kosten verursachen. Diese Disruptionen in der Gesellschaft sind sehr bedeutsam. Man kann in Fukushima beobachten, wie lange und tiefgreifend sie wirken, auch an Traumata und Depressionen.

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In Ihrer gemeinsamen Stellungnahme mit dem Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung bemängeln Sie, das EU-Gutachten treffe „Schlussfolgerungen, deren fachliche Herleitung an zahlreichen Stellen nicht nachvollzogen werden kann“ und berücksichtige „die Grundsätze wissenschaftlichen Arbeitens zum Teil nicht korrekt“. Wie kann es bei einer EU-Forschungsstelle zu solchen Mängeln kommen?

Die EU-Kommission selbst schreibt in ihrem Taxonomie-Entwurf, es sei beispielsweise nicht der Auftrag an die Forscher gewesen, auch das Risiko nuklearer Unfälle zu erfassen. Aus der Studie kann nicht abgeleitet werden, was im Auftrag gar nicht enthalten war.

Deutschland steigt Ende dieses Jahres mit der Abschaltung der letzten drei Reaktoren endgültig aus der Kernkraft aus. Welche Zuständigkeit hat das BfS da noch, wenn es um Atompläne auf EU-Ebene geht?

Radioaktivität macht an Grenzen nicht Halt. Nachbarstaaten wie Frankreich und Polen wollen durch die Taxonomie auch Geld in AKW-Neubauten lenken, auch in Grenznähe. Wir müssen Pilzesammler bis heute vor dem Cäsium aus Tschernobyl warnen, das vor etwa 36 Jahren über deutschen Wäldern niedergegangen ist. Knapp die Hälfte dieses radioaktiven Cäsiums ist noch immer im Waldboden vorhanden.

Also: Solange in Nachbarstaaten AKW betrieben werden, muss Deutschland für den Notfall vorbereitet sein. Das BfS hat nach 2011 die Lehren aus Fukushima gezogen und das Notfallschutzmanagement deutlich verbessert. Entscheidend für uns ist der Schutz der deutschen Bevölkerung – auch wenn die Gefährdung vom Ausland ausgehen sollte.

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