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„Atomkraft? Nein danke“: Der Weg bis zum Ausstieg ist lang und teuer

  • Die Ostermärsche stehen wieder im Zeichen von atomarer Abrüstung und Kernenergie.
  • Deutschland hat 2011 den stufenweisen Ausstieg aus der Atomkraft beschlossen.
  • Was das für ein langwieriger und teurer Prozess ist, zeigt das Beispiel des AKW Greifswald.
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Berlin. Meterdicke Betonwände, tonnenschwere Stahltüren, schier unendliches Rohr- und Kabelgeflecht. Ein rechteckiger Lichtschacht gewährt Einblick in die Herzkammer: der stählerne Reaktorbehälter mit den Kernbrennstäben. Hier, im Innersten, wird Wasser durch Kernspaltung erhitzt und in einen Dampferzeuger gepresst. Der Dampf treibt eine Turbine an, es entsteht Elektronenergie. Eine saubere Sache, aber auch hochgefährlich.

Der Schaureaktor in Block 6

Im Industriegebiet Lubmin bei Greifswald in Vorpommern ist das Wirkprinzip der Atomkraft noch zu sehen. In einem Schaureaktor in Block 6, der nicht mehr in Betrieb ging, weil die DDR das Kraftwerk im Juli 1990 abschaltete. Atomkraft made in UdSSR – da machte sich spätestens mit der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl 1986 Skepsis breit. Das Atomunglück von Fokushima 2011 zeigte die Störanfälligkeit erneut und unabhängig von der Bauart.

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Seit vielen Jahren machen Kriegsgegner und die Anti-Atomkraft-Bewegung zu Ostern mobil, um auf die nuklearen Gefahren hinzuweisen. Auch in diesem Jahr stehen die Ostermärsche ab Gründonnerstag im Zeichen von Frieden und atomarer Abrüstung. In Gronau in Westfalen wollen die Ostermarschierer beispielsweise vor der Urananreicherungsanlage protestieren, die trotz des deutschen Atomausstiegs vorerst nicht abgeschaltet wird.

In Greifswald liegt die Abschaltung über 30 Jahre zurück, aber noch immer ist höchste Vorsicht geboten. Das AKW besteht aus etwa 1,8 Millionen Tonnen Material, hauptsächlich Anlagenteile, aber auch Beton. Und etwa ein Drittel davon, also 600.000 Tonnen, ist radioaktiv kontaminiert.

1995 Start für den Rückbau

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Unter Führung der bundeseigenen Entsorgungswerke für Nuklearanlagen GmbH (EWN) begann 1995 der Rückbau beziehungsweise der Abriss. Es war von Anfang an ein schwieriges Unterfangen, das viel mehr Zeit in Anspruch nimmt als zunächst gedacht. „Als es 1995 losging, hätte ich mir niemals vorstellen können, dass ich heute immer noch hier arbeite“, sagt Marlies Philipp (64). Sie ist Diplom-Kristallografin und 1979 über die Werkstofftechnik in das AKW gekommen. Das Werk war fünf Jahre zuvor in Betrieb gegangen und brauchte junge Arbeitskräfte. 5000 Mitarbeiter waren hier zuletzt beschäftigt, als 1990 der Hauptschalter für immer umgelegt wurde. In drei Entlassungswellen schrumpfte die Zahl auf zunächst 2000 und ist heute bei 1000 angekommen.

Während man beim Abriss eines Kohlekraftwerks einfach den Kühlturm und die Gebäude in die Luft sprengen kann, gilt beim AKW „Vorsicht ist die Mutter der Urankiste“. Das Schlimmste ist zwar schon in Sack und Tüten beziehungsweise in blauen Spezialröhren verstaut, die im Fachjargon Castorbehälter heißen. Aber damit ist es nicht getan. In diesen Castorbehältern, die zwischen vier und sechs Meter hoch sind, lagern die hochradioaktiven Kernbrennstäbe des AKW Greifswald, die zuvor schon drei bis fünf Jahre in einem Abklingbecken verbracht hatten.

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Im Zwischenlager des AKW Greifswald wird radioaktives Material aufbewahrt. © Quelle: dpa/Stefan Sauer

Jeder Castor kostet eine Million

Und auch die Brennstäbe aus dem zweiten, viel kleineren DDR-AKW im brandenburgischen Rheinsberg, das seit 1991 stillgelegt ist, haben in Greifswald ihr Zwischenlager gefunden. Jeder der insgesamt 74 Castorbehälter kostet eine Million Euro und gehört eigentlich in ein Endlager. Aber das gibt es bislang in Deutschland nicht. Seit Jahren wird ein Standort gesucht, aber keine Region möchte das Atomklo der Republik werden. In einem Castorbehälter darf der Atommüll maximal 40 Jahre ruhen, und dann strahlt er aber immer noch.

Weil es kein Endlager gibt, folgte nach dem Start für den Rückbau in Greifswald schon bald der Start für einen Neubau. Mitte der 1990er-Jahre ging das Zentrale Zwischenlager (ZNL) in Betrieb, eine riesige neue Halle aus Stahlbeton. Hier ruhen nicht nur die 74 Castorbehälter mit den alten Kernbrennstäben, hier lagern auch radioaktive Reststoffe, Abfälle und Bauteile, die noch zerlegt werden müssen. Denn von den fünf Reaktorblöcken, die zu DDR-Zeiten in Betrieb waren, stehen fast nur noch die Außenhüllen, aber das einstige Innenleben ist noch da und zum Teil auch noch sehr aktiv.

Die sechs rund zwölf Meter hohen Reaktordruckbehälter, die großen Dampferzeuger, kilometerlange Rohr- und Kabelleitungen mussten und müssen in teilweise sehr aufwendigen Verfahren unter Wasser und mit ferngesteuerter Technik zersägt, zerkleinert und dekontaminiert werden. Wenn man beispielsweise eine Metallplatte mithilfe von Wasser und Säure von radioaktiver Substanz reinigt, entsteht dabei verseuchter Schlamm, der wiederum fest eingelagert werden muss. Die Platte kann danach in den regulären Schrotthandel, der Schlamm bleibt – erst mal – in Greifswald. „Bis der erste Zug nach Salzgitter rollt“, sagt Marlies Philipp, die inzwischen für die Unternehmenskommunikation bei EWN zuständig ist.

In Salzgitter befindet sich mit dem Schacht Konrad, einem stillgelegten Eisenbergwerk, das bislang einzige feststehende Lager für schwach- bis mittelbelastetes radioaktives Material. Ab 2027 soll Konrad Atommüll aus Greifswald aufnehmen, aber nicht die Castorbehälter. Bevor sie irgendwann in ein noch gar nicht gefundenes Endlager wandern, werden sie noch einmal in Greifswald umziehen und zwar in das Ersatztransportbehälterlager (Estral). Für diesen neuen 135 Meter langen, 65 Meter breiten und 25 Meter hohen Stahlbetonbau mit 1,80 Meter dicken Wänden laufen derzeit die Planungen.

Eine Messstation im Block 6 des AKW Greifswald. Hier wurde mit zig Manometern ständig der Wasserdruck im Reaktor beobachtet. © Quelle: Emendörfer

6,6 Milliarden reichen nicht

Hintergrund: 2011 hat der Bund die Anforderungen für die Lagerung von Castorbehältern aus Sicherheitsgründen nochmals verschärft. Die Halle 8 des (neu gebauten) Zwischenlagers in Greifswald reicht dafür nicht mehr aus. Also noch mal Neubau – aber wieder nur als Zwischenlösung. Seit Beginn des Rückbaus wurden auf dem Gelände des AKW drei neue Werkhallen errichtet, drei weitere sind in Planung beziehungsweise im Bau, darunter eine Zerlegehalle, wo kontaminierte Großbauteile mit Spezialtechnik zerkleinert werden.

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Was das alles kostet? 6,6 Milliarden Euro hatte der Bund einst für Greifswald und Rheinsberg zusammen veranschlagt. „Die Schätzung stammt aus dem Jahr 2014, das reicht längst nicht mehr“, sagt Marlies Philipp. Sie geht im Februar 2022 in den Ruhestand, aber sie wird nicht die häufig zitierte „Letzte“ sein, „die das Licht ausmacht“. Die Firma EWN wird mindestens so lange bestehen, bis in Greifswald die letzte radioaktiv belastete Betonwand abgetragen ist. Und wer weiß, vielleicht wird das Know-how der Greifswalder Rückbaupioniere schon bald in der gesamten Bundesrepublik gebraucht. Spätestens im Jahr 2022 schaltet Deutschland die letzten drei Reaktoren ab und steigt damit komplett aus der Atomenergiegewinnung aus. Das ist dann der Einstieg in den langen Weg zum Ausstieg – siehe Greifswald.

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