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Ärzte schlagen Alarm: Profitstreben in Kliniken gefährdet die Patienten

  • Der ökonomische Druck auf die Krankenhäuser ist groß.
  • Das liegt unter anderem am Finanzierungssystem.
  • Ein Gruppe von Ärzten warnt vor einer Enthumanisierung der Medizin und fordert Reformen.
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Berlin. Ein Gruppe von mehr als 200 Ärzten hat eindringlich vor einer Gefährdung der Patienten durch ein Profitstreben von Krankenhäusern gewarnt. In einem Aufruf, der dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) vorliegt, heißt es, es sei fahrlässig, Krankenhäuser und damit das Schicksal von Patientinnen und Patienten den Gesetzen des freien Marktes zu überlassen. „Niemand würde das mit der Polizei oder der Feuerwehr tun, also warum mit dem Gesundheitswesen?“, fragen die Unterzeichner. Sie fordern insbesondere, das bisherige Finanzierungssystem der Kliniken abzuschaffen oder zumindest grundlegend zu ändern. Dabei geht es um das sogenannte Fallpauschalensystem: Seit 2004 werden die Leistungen der Krankenhäuser nicht mehr tageweise abgerechnet, sondern pauschal je nach Krankheit.

„Enthumanisierung der Medizin“

„Das Fallpauschalensystem (…) bietet viele Anreize, um mit überflüssigem Aktionismus Rendite zum Schaden von Patientinnen und Patienten zu erwirtschaften“, so die Kritik. Es belohne Eingriffe, bei denen viel Technik zum Einsatz komme – Herzkatheter-Untersuchungen, Rückenoperationen oder invasive Beatmungen auf Intensivstationen. „Es bestraft den sparsamen Einsatz von invasiven Maßnahmen. Es bestraft somit Ärztinnen und Ärzte, die abwarten, beobachten und nachdenken, bevor sie handeln“, heißt es weiter. Das System bestrafe auch Krankenhäuser: „Je fleißiger sie am Patienten sparen, desto stärker sinkt die künftige Fallpauschale für vergleichbare Fälle. Ein Teufelskreis. So kann gute Medizin nicht funktionieren.“

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Der Arbeitstag im Zeitalter der Fallpauschalen sei bis zur letzten Minute durchgetaktet, beklagen die Mediziner. Nicht eingerechnet in die Pauschalen sei jedoch zum Beispiel die dringende Weiterbildung der Ärzte. „Vor allem nicht einberechnet sind Patientinnen und Patienten, die viele Fragen haben oder Angst vor Schmerzen, Siechtum und dem Tod“, heißt es. „Das Fallpauschalensystem hat zu einer Enthumanisierung der Medizin wesentlich beigetragen.“

Reform der Krankenhausplanung

Die Autoren fordern auch eine Reform der Krankenhausplanung und eine bessere finanzielle Ausstattung der Kliniken. „Das erfordert auch den Mut, mancherorts zwei oder drei Kliniken zu größeren, leistungsfähigeren und personell besser ausgestatteten Zentren zusammenzuführen.“ Sie verlangen zudem, die Führungsstrukturen in den Kliniken zu ändern. „Ärztinnen, Ärzten und Pflegekräften dürfen keine Kaufleute vorgesetzt sein, die vor allem die Erlöse, nicht aber die Patientinnen und Patienten im Blick haben“, so die Forderung.

Das Finanzierungssystem der Kliniken wird immer wieder kritisiert. In einigen Bereichen hat die Politik bereits reagiert. So werden künftig die Pflegekräfte von den Krankenkassen extra bezahlt, damit die Krankenhäuser ihr Personal aufstocken können. Der ökonomische Druck entsteht aber nicht nur durch das Fallpauschalensystem. Grund ist auch, dass die Bundesländer ihrer Verpflichtung nicht nachkommen, den Erhalt und die Modernisierung der Kliniken zu bezahlen. Deshalb muss dafür Geld aus den Fallpauschalen genutzt werden, die von den Krankenkassen eigentlich für den laufenden Betrieb überwiesen werden.