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Studie: Fast die Hälfte der Alleinerziehenden leidet unter Armut

  • Wer in Deutschland allein Kinder großzieht, ist im Vergleich deutlich häufiger von Armut bedroht als andere Familien.
  • Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie der Bertelsmann Stiftung.
  • Demnach leidet fast die Hälfte der Allein­erziehenden-Haushalte unter Armut.
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Berlin. Wer in Deutschland alleinerziehend ist, trägt statistisch gesehen das größte Risiko, in Armut zu leben: Wie eine aktuelle Studie der Bertelsmann Stiftung zeigt, reicht in vielen Fällen auch die größte Anstrengung eines Elternteils nicht aus, um dem Kind oder den Kindern finanziell ein sicheres Zuhause zu bieten.

43 Prozent der etwa 1,5 Millionen Ein-Eltern-Familien in Deutschland gelten demnach als einkommensarm. Als einkommensarm gilt, wessen Einkünfte weniger als 60 Prozent des Medians des Netto­einkommens betragen. Diese Zahl ist ein gewichteter Mittelwert, der im Jahr 2019 laut Statistischem Bundesamt in Deutschland bei 23.515 Euro jährlich lag.

In Familien mit zwei Elternteilen besteht der Analyse zufolge ein deutlich geringeres Risiko, von Armut betroffen zu sein. Bei zwei Eltern und einem Kind in einem Haushalt liege die Quote bei 9, bei zwei Kindern lediglich bei 11 Prozent.

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Obwohl der Anteil der Sozialhilfe empfangenden Allein­erziehenden zuletzt gesunken sei, beziehe noch immer ein Drittel der Ein-Eltern-Haushalte Unterstützung vom Staat. Das Armutsrisiko für Allein­erziehende verharre daher „auf hohem Niveau“.

Politik muss handeln

Seitens der Politik seien nun Taten notwendig, „um allein­erziehende Familien zu entlasten, finanziell zu unterstützen und damit auch den Kindern zu helfen“, forderte der Vorsitzende der Bertelsmann Stiftung, Jörg Dräger, angesichts der Ergebnisse.

Die Wissen­schaftlerinnen und Wissenschaftler hinter der Studie schlagen dafür die Einführung eines Teilhabegeldes vor. Ziel sei es, darin finanzielle Leistungen für Kinder zu bündeln, Bürokratie abzubauen und den Zugang gerade für Allein­erziehende zu erleichtern.

Von Reformen dieser Art würden in den meisten Fällen Frauen profitieren: 88 Prozent der Allein­erziehenden in Deutschland sind der Untersuchung nach Mütter. Viele von ihnen kümmern sich nicht nur um Kinder und Haushalt, sondern haben auch einen Job – laut Studie häufiger als Mütter aus einer Paarfamilie.

„Allein­erziehende leisten im Alltag enorm viel und erfahren dafür zu wenig Anerkennung“, so Dräger. Trotz einer Erwerbs­tätigkeit reiche das Einkommen häufig nicht aus. „Arm trotz Arbeit – damit darf sich unsere Gesellschaft nicht abfinden“, betonte er vor allem mit Blick auf die Jüngsten.

Minderjährige überproportional betroffen

Minderjährige sind trotz verschiedener sozialpolitischer Reformen im Vergleich zu anderen Altersgruppen „überproportional oft“ von Armut betroffen: Das ist das Ergebnis einer aktuellen Studie des Paritätischen Gesamtverbands, für die Forschende die Entwicklung eines Zehn-Jahres-Zeitraums untersuchten.

Demnach leben rund 2,8 Millionen Kinder und Jugendliche inzwischen in Armut – das entspricht 20,5 Prozent. Vor allem im Westen Deutschlands, beispielsweise in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen, habe sich die Lage „teilweise dramatisch“ verschlechtert. Betroffen seien meist Allein­erziehende und kinderreiche Familien.

„Es ist beschämend und erschütternd, wie sich Kinderarmut in diesem reichen Land verschärft und verhärtet“, hieß es seitens des Leiters der Forschungs­stelle, Joachim Rock. Die Leistungen der Grundsicherung seien zu niedrig bemessen und zusätzliche familien­politische Maßnahmen nicht ausreichend.

Um das zu ändern, fordert der Verband eine „bedarfs­gerechte“ und einkommens­abhängige Kinder­grundsicherung sowie einen Rechtsanspruch auf Angebote der Jugendarbeit.

Fast die Hälfte aller Kinder aus Sozialhilfe­empfänger­haushalten lebt nach Daten der Bundesagentur für Arbeit aus dem Jahr 2020 mit einem alleinerziehenden Elternteil zusammen.

Materielle Unterschiede

Wie groß die materiellen Unterschiede sind zwischen einem Kind, das in einem wohlhabenden Haushalt aufwächst, und einem Kind, dessen Familie wenig Einkommen zur Verfügung hat, zeigten jüngst Daten des Statistischen Bundesamtes. Demnach geben die ärmsten 10 Prozent im Schnitt 424 Euro pro Kind und Monat aus, während es beim Nachwuchs der reichsten 10 Prozent 1200 Euro sind.

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Auch die Corona-Pandemie traf viele Ein-Eltern-Familien hart: Alleinerziehende arbeiten laut der Bertelsmann-Studie häufig im Niedrig­lohnbereich, in systemrelevanten Berufen oder leben in kleinen Wohnungen. Die Sorgen der Eltern träfen dann auf kleinem Raum auf die in der Pandemiezeit unerfüllbaren Wünsche der Kinder nach sozialen Kontakten und spannenden Erlebnissen.

„Die Corona-Auswirkungen setzen Alleinerziehende nochmals höheren Belastungen aus und bringen sie an die Grenzen ihrer Gesundheit“, hielt Stiftungs­vorstand Dräger in einer Mitteilung fest.

Laut neuesten Zahlen des Statistischen Bundesamts aus dem Jahr 2019 ist in fast jeder fünften Familie ein Elternteil allein­erziehend. Dazu zählen alle Mütter und Väter, die ohne Lebens­partnerin oder Lebens­partner wohnen und mindestens ein Kind in ihrem Haushalt betreuen.

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