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  • Armin Laschet Wahlkampfauftritt in Stralsund - der Mann der alten CDU-Schule

Unkonzentriert, veraltet, nicht krisenhaft: Warum Armin Laschet im Wahlkampf immer weiter verloren hat

  • Der Kanzler­kandidat der Union steht mehr in der Tradition von Kohl als Merkel.
  • Aber er hat den Bundes­tags­wahl­kampf auf die leichte Schulter genommen.
  • Gewinnt Laschet trotzdem, wird Deutsch­land Lockerungs­übungen machen müssen, stürzt die Union in die Opposition, gibt es ein partei­internes Erdbeben.
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Berlin/Stralsund. Nein, der Regen ist nicht lila, der Himmel nicht purpur­­farben. Und der Wolken­­bruch bei diesem ersten von nur zwei gemein­samen Wahl­kampf­auftritten, die Armin Laschet der Kanzlerin abgetrotzt hat, erzeugt auch keine Welt­unter­gangs­stim­mung wie der Welthit „Purple Rain“. Es ist einfach nur nass und grau in Stral­sund.

Aber es wirkt wie ein schlechtes Omen, dass sich die Musiker auf der Bühne der CDU, die Volks­musik und National­hymne liebt, ausgerechnet an den düster-traurigen Prince-Song über blau-blutroten Regen wagen, just als es zu schütten beginnt. Jeden­falls wird der kostbare Termin mit Angela Merkel für den Unions­kanzler­kandidaten ein Rein­fall. Es prasselt, es wird gepfiffen und gepöbelt.

Es sind nur wenige CDU-Fans am Diens­tag­abend zum Alten Markt der Hanse­stadt gekommen. Die Störer sind lauter als sie. Man hört „Hau ab!“ und „Merkel muss weg“. Wahr­­schein­­lich brüllen sie das noch, wenn Merkel nicht mehr im Kanzler­amt ist. Die frei­willig scheidende Regierungs­­chefin lässt das aber wie den Regen abtropfen. Sie hat Vulgäreres erlebt im Wahl­kampf 2017 nach der Flücht­lings­krise, als NPD und AfD sie nieder­schrien. Vor allem aber ist es jetzt nicht mehr sie, die für die Union die Wahl gewinnen muss. Dafür ist ja Laschet gekommen. Ganz aus dem Westen, wie er sagt.

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Laschet atmet mehr die Tradition von Kohl

Der 60-Jährige atmet mehr die Tradition von Helmut Kohl, der katholischen Kirche, des alten Männer­klüngels der CDU als die jüngere Geschichte der 67-jährigen Protestantin Merkel aus der DDR. Er sagt, er sei froh, in Stral­sund zu sein. Man kann es ihm nicht glauben. Er wirkt unglücklich hier, seine Ansprache fahrig. Er verliert sich in Raum und Zeit.

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Bevor er sagt, dass Stral­sund an der Ost­see liegt, schaut er auf seinen Zettel. Statt Sams­tag nennt er Diens­tag als Zeit­punkt für den Mord an dem jungen Verkäufer in einer Tank­stelle in Idar-Oberstein, der sterben musste, weil er den Täter auf die Corona-Masken­pflicht hingewiesen hatte. Dann folgt ein unbeholfener Appell: „Wir verurteilen diese Aggression, und ich fordere jeden auf, das zu lassen.“ Laschet vermengt das mit dem Hass im Netz. Es klingt aber so, als fordere er, aufs Töten zu verzichten.

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Kanzlerkandidat konzentriert sich schlecht

Der nord­rhein-west­fälische Minister­präsident hat sich die Kanzler­kandidatur offenbar leichter vorgestellt. Jedenfalls hat er dieses „fünfe grade sein lassen“ nicht abgelegt. Er konzen­triert sich schlecht, er fokus­siert sich nicht auf das gerade Wich­tigste. Wenn man ins Kanzler­amt will, ist aber jede Minute das aktuell Wich­tigste, jeder Schritt und Tritt.

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Deswegen kann man auch nicht beim Schlendern durch die Altstadt von Osna­brück nebenbei ein Interview geben. Im August nannte Laschet dabei einer „Focus Online“-Reporterin die Digitalisierung und den Ausbau Deutsch­lands zum klima­neutralen Industrie­land als wich­tigste Vorhaben. Sie fragte, ob es noch etwas Drittes gebe. Laschet fragte sich selbst: „Joah, was machen wir noch?“ Aber ihm fiel ihm so schnell nichts ein. Stellt sich die Frage, wer das Wahl­programm der Union geschrieben hat. Laschet kann sein Entfesselungs­paket, sein Modernisierungs­jahr­zehnt, sein Nein zu Steuer­erhöhungen spontan nicht abrufen. Ein Bundes­tags­wahl­kampf ist eben kein Spazier­gang.

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Der Rhein­länder habe sich im Kanzler­amt gesehen, aber nicht im Wahl­kampf, heißt es in den Weiten der Union. So wie Läufer einen Marathon ins Ziel bringen wollen, am besten ohne das dafür nötige brutal harte Training.

Dann ist da noch sein Lachen im Flut­katastrophen­gebiet im Juli in einem scheinbar unbeobachteten Moment, während Bundes­präsident Frank-Walter Stein­meier über die Opfer spricht. Nicht realisierend, dass alle Kameras immer auch auf den gerichtet sind, der das wichtigste politische Amt im Land einnehmen will. Wenn ihm etwas die Chancen auf die Kanzler­schaft so richtig versaut haben wird, dann dieses eine Lachen.

Laschet hätte sich als Krisenmanager beweisen können

Dabei war die schreck­liche Flut die größte Chance, sich als Krisen­manager, Kümmerer, Landes­vater zu beweisen. Die SPD hat nach Über­flutungen im Osten einst eine Land­tags- und eine Bundes­tags­wahl gewonnen. Es weiß nicht jeder, dass Laschet ein mitfühlender, warm­herziger Mensch ist, der Opfer nie verhöhnen oder sich über sie lustig machen würde. Er muss es zeigen.

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Parteien-Check vor der Bundes­tags­wahl: CDU/CSU
1:48 min
Die Bundes­tags­wahl steht an: Wir geben einen Über­blick über das Partei­programm der Union für die kommende Wahl am 26. September.  © RND

Eigent­lich wollte Merkel sich ganz aus dem Wahl­kampf heraushalten, aber je schlechter die Umfrage­werte für die Union wurden, desto mehr stieg der partei­interne Druck, dass sie für Laschet etwas tun müsse. Und so liest sie Anfang September in ihrer letzten Rede als Bundestags­abgeordnete ein paar Zeilen vom Blatt ab, warum die Deutschen den Mann zum Kanzler wählen sollten. Nämlich, weil es sonst ganz schlecht aussähe. Oder so ähnlich. Hängen bleibt nicht, was sie sagt, sondern dass sie etwas sagt. Man weiß nicht, was Laschet mehr schadet: keine Unter­stützung von Merkel oder diese. Aber in Stral­sund, in ihrem Wahl­kreis, legt sie sich richtig für ihn ins Zeug.

Armin Laschet lobt Angela Merkel

Er wiederum lobt Merkel – und verhaut sich in Ton und Fakten. Wer habe sich das vor 30 Jahren ausgemalt, als sie hier zum ersten Mal angetreten sei – aus der Bürger­bewegung kommend, Sprecherin des ersten Minister­präsidenten „der frei gewählten DDR“, fragt er. Bundes­ministerin sei sie geworden und habe am Ende aus „Pommern, Vorpommern hinaus“ 16 Jahre Deutsch­land regiert. „Das ist eine grandiose Leistung. Seien Sie stolz auf diese Bundes­kanzlerin, auf diese Abgeordnete.“

Was jetzt? Weil sie aus Vorpommern kommt und als Ost­deutsche trotzdem das Land regieren kann? Merkel wurde übrigens in Hamburg geboren und ist in Branden­burg aufgewachsen. Nur ihr Wahl­kreis liegt in Mecklen­burg-Vorpommern. Und es war die erste frei gewählte Volkskammer der DDR und nicht die frei gewählte DDR. Es sind kleine Ungenauigkeiten, aber sie lenken vom Eigentlichen ab und tragen ihm Spott ein.

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Laschet ist nicht fokussiert

Wie beim Auftakt zum Schluss­spurt des Wahl­kampfs Ende August in Berlin. Statt von der Befreiung der Luft­hansa-Maschine „Landshut“ 1977 in Mogadischu durch die Elite­truppe GSG 9 spricht er davon, dass diese „Deutsche aus der entführten Luft­hansa-Maschine in Lands­hut befreit“ habe. Man weiß, was er meint. Aber gesagt hat er es anders. Nicht konzen­triert, nicht fokus­siert.

In Stral­sund will Laschet mit seinem Lob für die Kanzlerin vermutlich den „Merkel muss weg“-Schrei­hälsen und Corona-Leugnern etwas entgegen­halten. Er meint es nur gut. Genauso, wenn er zum Entsetzen der Konkurrenz sogenannte „Quer­denker“ in seinen Wah­lkampf integriert, um sich ansprechbar zu zeigen. Nicht, weil er die kruden Ansichten teilt.

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Pfiffe und Buhrufe: Merkel wirbt in ihrem Wahl­kreis für Laschet
1:35 min
Bundes­kanzlerin Angela Merkel (CDU) rührt in ihrem Wahl­kreis die Werbe­trommel für Unions­kanzler­kandidat Armin Laschet.  © AFP

Wie hart der Christ­demokrat sein kann, welche Steher­qualitäten er hat, ist im Wahl­kampf unter­gegangen. Bisher hat er davon profitiert, dass er unter­schätzt wurde. 2017 gewann er über­raschend die Wahl im SPD-Stamm­land Nord­rhein-West­falen und wurde Minister­präsident. Unions­anhänger schauen deshalb bei der neuen Forsa-Umfrage nicht auf den großen Vorsprung von SPD-Kanzler­kandidat Olaf Scholz in den Persön­lich­keits­werten. Sie schauen darauf, dass die Union bei 22 und die SPD bei 25 Prozent taxiert wird. Zuletzt lagen die Demo­skopen vor Wahlen oft daneben.

Im Januar 2021 setzte sich Laschet im Ringen um den CDU-Vorsitz mit einer überraschend guten Rede gegen Friedrich Merz durch, und im April zog der nette Rhein­länder eiskalt alle Register, um CSU-Chef Söder im Macht­kampf um die Kanzler­kandidatur auszustechen. In alter CDU-Männer­manier paktierte er mit den Haudegen Wolf­gang Schäuble und Volker Bouffier und ließ sich von ihnen stützen – und unter Druck setzen.

Er werde den CDU-Vorsitz schnell wieder los sein, wenn er nicht Kanzler­kandidat werde, soll Schäuble gedroht haben. Da Söder an der CDU-Basis beliebt war, wurde die Entscheidung durch den Bundes­vorstand erzwungen. Ein Vorgehen, auf das Merkel 2002 verzichtet hatte. Sie ließ dem damals in der Union gefragten CSU-Chef Edmund Stoiber den Vortritt – und blieb CDU-Chefin.

Parteivorsitz dürfte bei Wahlniederlage wanken

Gewinnt Laschet, wird Deutsch­land mit dem Rhein­länder nach der preußischen Merkel wohl ein paar Lockerungs­übungen machen müssen. Die Frage ist, was mit ihm passiert, wenn die Union die Wahl verliert. Dann nämlich dürfte sein Partei­vorsitz tatsächlich wanken.

Es würde ein Erd­beben geben, ein Hauen und Stechen um den Fraktions­vorsitz im Bundes­tag, kein Stein auf dem anderen bleiben, heißt es. Die CSU würde der CDU die Schuld geben, Söder triumphieren, die Laschet-Leute würden in die Wüste geschickt. Der rechte Flügel der Partei würde nach vorn drängen, der konservative Part Ansprüche erheben. Ihn hat der liberale Laschet durch seine Einbindung von Friedrich Merz selbst gestärkt. Laschet hat es genauso wenig wie seine Vorgängerin Annegret Kramp-Karrenbauer vermocht, vor allem auf das eigene Lager zuzugehen und die Talente dort zu fördern.

Noch zwei große Wahl­kampf­termine hat Laschet: am Freitag die Schluss­kund­gebung mit Merkel und Söder in München, am Sams­tag den zweiten und letzten Wahl­kampf­auftritt mit Merkel allein. In Aachen, seiner Heimat. Tief im Westen. Merkel hat ihm in Stral­sund geraten, sich als „Bundes­kanzler“ die schöne Hanse­stadt einmal bei Sonnen­schein anzusehen. Vielleicht würde er das machen, schon der Genug­tuung wegen. Es sei denn, „Purple Rain“ ergießt sich bei der Bundes­tags­wahl über die Union.

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