Zieht Laschets „Zukunftsteam“ die Union aus dem Umfragetief?

  • Der demoskopische Trend gegen die CDU hat sich drei Wochen vor der Bundestagswahl verfestigt.
  • Nun präsentierte der Kanzlerkandidat ein achtköpfiges „Zukunftsteam“.
  • Den Wahlkampf in den letzten drei Wochen zu drehen bleibt schwierig.
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Berlin. Bei einer Bundesratssitzung im Mai geht Armin Laschet auf die Bildungsministerin aus Schleswig-Holstein, Karin Prien, zu. Es ist gar nicht so einfach, eine ruhige Ecke zu finden in dem repräsentativen halligen Gebäude, das als Preußisches Herrenhaus zur vorvergangenen Jahrhundertwende errichtet wurde. Was die beiden besprachen, blieb dennoch bis in diese Woche vertraulich. Laschet fragte die 56-Jährige, die zum linken Flügel der Partei zählt, ob sie sich vorstellen könnte, in einem möglichen Wahlkampfteam das Thema Bildung zu übernehmen. Konnte sie. Doch dann passierte erst einmal nichts.

Laschet zögerte lange, ob er überhaupt mit einem Team an den Start geht. Immerhin hat die Union ja mit ihren Ministern eine amtierende Regierungsmannschaft. Die wollte Laschet nicht düpieren. Nur Wirtschaftsminister Peter Altmaier bekam Friedrich Merz vor die Nase gesetzt. Altmaier hatte sich im unionsinternen Kampf für CSU-Chef Markus Söder als Kanzlerkandidat ausgesprochen, und seine Bilanz als Minister bekommt viel Kritik. Das vergangene Woche vorgestellte Klimateam wiederum tat niemandem weh, da Klima bisher in der Union ein eher unterrepräsentiertes Thema war. „Wir müssen uns von kleinlichem Konkurrenzdenken trennen“, sagt Prien nach ihrem ersten Auftritt für Laschets neues Team.

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Laschet steht mit dem Rücken zur Wand

Wahrscheinlich hätte diese Erkenntnis in der Union früher reifen müssen. Nur drei Wochen vor der Wahl steht Laschet mit dem Rücken zur Wand. In den 24 Stunden vor dem großen Aufzug für das „Zukunftsteam“ bescheinigen zwei renommierte Umfrageinstitute der Union, dass sich der Trend verfestigt, wonach die SPD stärkste Kraft wird, die Union auf Platz zwei kommt, gefolgt von den Grünen.

Bei nur noch 20 Prozent taxiert der am Donnerstagnachmittag veröffentlichte ARD-Deutschland-Trend von Infratest Dimap die Union. Die SPD kommt auf 25. Etwas näher sieht die Forschungsgruppe Wahlen Union und SPD beieinander, die im Auftrag vom ZDF fragt. 22 Prozent für die Union und ebenfalls 25 für die Sozialdemokraten.

Laschet zieht Union nach unten

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Laschet hat schon oft betont, sein Agieren nicht von Umfragen abhängig zu machen. Die Botschaften der Demoskopen sind dennoch bitter für ihn. Schaut man auf seine Persönlichkeitswerte und die seines Konkurrenten Olaf Scholz, dann wird klar, dass Laschet die Union nach unten zieht, während der SPD-Kanzlerkandidat seiner Partei Schub nach vorne gibt.

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In einer solchen Lage ist die Entscheidung für ein Team ein möglicher Ausweg. Zumal es immer schon eine Stärke Laschets war, politisch und charakterlich sehr unterschiedliche Typen an einen Tisch zu holen. Diese Handschrift trägt auch das am Freitag präsentierte Team. Alles dabei, was eine Volkspartei im Wahlkampf braucht: neue Gesichter, links, rechts, Ost, West, Frauen und Männer, Migrationshintergrund und CSU – Klima, Sicherheit, Wirtschaft, Bildung, Digitales, Familie, Soziales und Kultur. Der Kanzlerkandidat selbst schlüpfte in seine Lieblingsrolle als Moderator und präsentierte der Reihe nach:

Das „Zukunftsteam“

Friedrich Merz: Zweimal hatte der Sauerländer selbst versucht, Parteichef zu werden. Auf Laschet nahm er dabei keine Rücksicht. Zweimal bot er sich auch als Minister im Kabinett an – jeweils nach seiner Niederlage im Kampf um den Parteivorsitz. Laschet hätte genug Gründe gehabt, den unbequemen Wirtschaftsliberalen fallen zu lassen. Allerdings ist die Zahl der Merz-Fans in der Partei und auch in der Wählerschaft der Union immer noch groß. Im Südwesten der Republik und im Osten zieht er Stimmen. Im Wirtschaftsflügel der Union ist die Ernüchterung über die noch bestehenden Siegchancen inzwischen groß. Das ließ sich Merz aber bei seinem betont gut gelaunten Auftritt nicht anmerken. Seine Botschaften sind bekannt: neue Dynamik, solide Staatsfinanzen, die Bundestagswahl als Richtungsentscheidung.

Andreas Jung: Der 46-jährige Rechtsanwalt aus Baden-Württemberg stellte sich in der vergangenen Woche schon einmal auf der Bühne in der CDU-Parteizentrale als Teil des Klimateams vor. Dass der Jurist einer breiten Öffentlichkeit unbekannt geblieben ist, liegt nicht nur an ihm, sondern auch daran, dass man mit Klimapolitik in der Union bisher keine Karriere machen konnte. Laschet feuerte sein Teammitglied mit dem Hinweis an, die Union brauche beim Klima den Turbo statt Vetorechte im Kabinett, wie die Grünen sie wollten.

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Dorothee Bär: Die einzige CSU-Politikerin im Laschet-Team ist aktuell als Staatsministerin im Kanzleramt für Digitalisierung zuständig. Nun ist es bei der Digitalisierung wie beim Thema Klima. Union und SPD haben in den vergangenen Jahren viel zu wenig erreicht. Auf der Bühne präsentierte sich die 43-Jährige gewohnt professionell und sprach sich für ein Digitalisierungsministerium aus. Im anschließenden Gespräch wirkte sie nicht ganz so gut gelaunt. Im Rahmen ihrer Möglichkeiten habe sie alles erreicht, sagte sie und schob hinterher, sie habe Stroh zu Gold gesponnen. Dass in einem achtköpfigen Unionsteam nur eine CSU-Frau dabei ist, zeigt auch eine Schwäche der Christsozialen auf dem Berliner Parkett. Die beiden amtierenden Bundesminister treten nicht noch einmal an. Der glücklose Verkehrsminister Andreas Scheuer hat wenig Aussicht, abermals für ein Bundeskabinett nominiert zu werden.

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Peter Neumann: Wer als Quereinsteiger in einen Wahlkampf geht, hat immer den Vorteil, die Fehler und Versäumnisse der Vergangenheit nicht verteidigen zu müssen. Das trifft auf den Terrorismusforscher Neumann zu. Laschet beriet er schon für die NRW-Landesregierung. Dass die Union nun einen nationalen Sicherheitsrat im Kanzleramt einrichten möchte, der die Erkenntnisse verschiedener Behörden koordiniert, gehört zu Neumanns Ideen. Sein Auftritt im Adenauer-Haus war von der erfrischenden Offenheit, wie sie nur Quereinsteiger in der Politik haben. Er sei ja kein Politiker, erklärte Neumann, wolle aber in zwei Worten erklären, warum er sich das trotzdem „antue“, und nannte Laschet als Hauptgrund. Seine Botschaft: Es sei wichtig, nicht nur durch eine Brille Bedrohungen zu begreifen. Und in Zeiten großer Veränderung müsse man den Menschen einen Kompass geben. Für den Wahlausgang verbreitet er im persönlichen Gespräch Zuversicht: Nach der Wahl könne die Analyse so ausfallen, dass es noch nie einen Wahlkampf gegeben habe, in dem Stimmungen so schnell wechselten.

Karin Prien: Die Landesbildungsministerin aus Schleswig-Holstein gehört zu der eher kleinen Gruppe von Politikern mit Amt, die gern ein offenes Wort pflegen. Sowohl öffentlich wie auch parteiintern. Ihren Ansatz beschreibt sie nach ihrem Bühnenauftritt nüchtern: „Ich mache Politik ideologiefrei. Die Frage ist: Was nützt?“ Prien hat sich in der Union der Mitte engagiert, die zeitweise das Gegengewicht zur weit rechts stehenden Werteunion gebildet hat. In Laschets Team gehört sie zum linken Flügel. Ihre Botschaften: Durch Aufstieg soziale Gerechtigkeit schaffen, frühkindliche Bildung stärken, Förderbedarfe früh erkennen.

Silvia Breher: Die stellvertretende Parteichefin wird schon länger in der Union für höhere Ämter gehandelt. Es ist ihr aber nicht gelungen, sich bisher wirklich prominent zu profilieren. Nun soll sie die Familien im Land von der CDU überzeugen. Ihre Botschaften: Steuerliches Ehegattensplitting erhalten und die Kinder einbeziehen, ein steuerlicher Freibetrag für Alleinerziehende, mehr Wohnraum für Familien. Laschet verwies bei ihrer Vorstellung darauf, dass die Kinder in der Pandemie besonders gelitten hätten. Wobei die Baustelle in NRW immer noch sehr groß ist: Dort sind aktuell Tausende Schulkinder seit dem Ferienende in Quarantäne geschickt worden.

Joe Chialo: Der 51-Jährige in Laschets Team ist eine faustdicke Überraschung und in vielerlei Hinsicht ein Gegenentwurf zur amtierenden Kulturstaatsministerin Monika Grütters. Ohne Kunst und Kultur werde es in pandemischer Zeit sehr still, sagte Chialo bei seiner Vorstellung und betonte, er wolle sich dafür einsetzen, dass Künstlerinnen und Künstler nicht noch einmal derart massiven Existenzängsten ausgesetzt werden. In Berlin tritt der Musikmanager für den Bundestag an. Seine Chancen auf ein Direktmandat sind mäßig. Seine Eltern stammen aus Tansania und arbeiteten in Bonn im diplomatischen Dienst. Ob er sich ein Ministeramt wünscht? Auf diese Frage sagt er nach dem offiziellen Teil: „Ich bin nicht postengeil. Ich habe ein Thema: Das ist die Situation der Kulturschaffenden.“

Barbara Klepsch: Auch sie gehört zu den Teammitgliedern, bei denen mancher Hauptstadtjournalist erst einmal die richtige Schreibweise googeln musste. Das genau ist ihr Thema: Ost und West, Stadt und Land zusammenbringen. Das macht sie selbstbewusst. Ihre Botschaft: „Wenn man immer nur von abgehängten Regionen spricht, hat man den ländlichen Raum nicht verstanden.“

Am Ende stellen sich alle acht Teammitglieder in Formation auf die Bühne in der CDU-Parteizentrale. Laschet tritt an die Spitze und erklärt, dass er nun auf das Team der SPD gespannt sei. Wahlkampfrhetorik. Laschet weiß, dass die Sozialdemokraten kein Team mehr präsentieren werden. Kanzlerkandidat Scholz wird seinen von Dauerkanzlerin Merkel abgeguckten Wahlkampfstil beibehalten.

Nach der Veranstaltung fragt Karin Prien spitz: „Warum Olaf Scholz? Da ist nichts Frisches dran.“

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