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Milliardär und Judofreund: Das ist der Mann, dem angeblich „Putins Palast“ gehört

Russlands Präsident Wladimir Putin (2. v. r.), links neben ihm Oligarch Arkadi Rotenberg.

Moskau.Im ersten Zeitungsinterview, das er jemals gab, erzählte Arkadi Rotenberg (69) der russischen Tageszeitung „Kommersant“ im Jahr 2010, dass sein jüngerer Bruder Boris (64) und er den russischen Präsidenten Wladimir Putin (68) schon kannten, als sie noch keine Teenager und in derselben Judotrainingsgruppe gewesen seien.

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Das Interview war damals als PR für Putin zu verstehen, denn die milliardenschweren Oligarchenbrüder Arkadi und Boris sowie Putin gelten als gute Freunde. Und wenn eine Kameradschaft mehr als 50 Jahre anhält, die ihren Ausgang beim gemeinsamen Betreiben einer Kampfsportart nahm, deren Prinzip auf „Siegen durch Nachgeben“ beruht, dann spricht das für Charaktereigenschaften wie Loyalität, Zuverlässigkeit und Kompromissbereitschaft.

Arkadi Rotenberg scheut ansonsten die Öffentlichkeit und tritt nur ins Rampenlicht, wenn er seinem Jugendfreund Wladimir Putin einen Dienst erweisen muss. Das war jetzt wieder notwendig: In staatlichen und kremlnahen Medien meldete sich Rotenberg zu Wort, um sich als eine Art Eigentümer des Luxusanwesens am Schwarzen Meer erkennen zu geben, das Oppositionsführer Alexej Nawalny vor zwei Wochen in einem Enthüllungsvideo dem Präsidenten zugeschrieben hatte.

Um die Ländereien gibt es schon seit mehr als zehn Jahren Spekulationen

Er sei der „Begünstigte“, sagte Rotenberg in einem am vergangenen Samstag im Telegram-Nachrichtenkanal Mash veröffentlichten Video, was auch immer das heißen mag. Das russische Wort „Benefitsar“, das Rotenberg in dem Video gebrauchte und das ins Deutsche etwa mit den Begriffen „Nutznießer“ oder „Begünstigter“ übersetzt werden kann, bedeutet explizit gar nicht, dass das Anwesen Rotenberg gehört.

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„Das kann alles oder nichts heißen“, sagte der Politologe Grigorii Golosov von der Europäischen Universität Sankt Petersburg dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Die daraus folgende Schlussfolgerung Rotenbergs in dem Video geht Golosov daher auch nicht mit: „Jetzt ist es kein Geheimnis mehr“, sagte der Oligarch zu der Frage, wem das Anwesen gehöre. Golosov ist da ganz anderer Meinung: „Im heutigen Russland wird es nie Belege dafür geben, wem dieses Landgut tatsächlich gehört.“

Um die Ländereien gibt es schon seit mehr als zehn Jahren Spekulationen, nicht nur am Standort Gelendschik am Schwarzen Meer sprechen die Menschen von „Putins Palast“. Nach der Veröffentlichung von Nawalnys Video sprach Kremlsprecher Dmitri Peskow denn auch von einer „zu oft gespielten Schallplatte“: Putin, das habe man „schon vor vielen Jahren erklärt“, besitze keine Paläste.

Es gibt kaum einen Geschäftsmann, der putinnäher sein könnte

Die Aussagen des Kremls zu der Angelegenheit mögen formal sogar richtig sein, doch das sagt wenig aus. Denn Nawalnys Recherche impliziert durchaus, dass Putin rein rechtlich nicht der Eigentümer des Anwesens ist, sondern er berichtet von einem Zirkel putinnaher Geschäftsleute und einem Vetter zweiten Grades des Präsidenten als Strohmänner.

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Arkadi Rotenberg passt perfekt zu dieser Beschreibung: Es gibt kaum einen Geschäftsmann, der putinnäher sein könnte. Sein sagenhaftes Vermögen, das Forbes auf 2,4 Milliarden Euro schätzt, hätte er ohne die Hilfe des Jugendfreundes Putin kaum anhäufen können.

In Russland ist das Allgemeinwissen: Er und sein Bruder Boris (dessen Vermögen von Forbes mit einer Milliarde Euro beziffert wird) werden dort als „Könige der Staatsaufträge“ bezeichnet. In deren Genuss kommen sie nun schon seit mehr als 20 Jahren, seit ihr Baukonzern SGM Group nach Putins Einzug in den Kreml im Jahr 2000 spürbar höhere Umsätze verbuchte, zunächst aufgrund von Bestelllungen des staatlichen Gasriesen Gazprom.

Bei großen Infrastrukturprojekten stets zur Stelle

Arkadi und Boris Rotenberg waren seither stets zur Stelle, wenn es um große Infrastrukturprojekte ging. Für Gazprom bauten sie Pipelines, deren Preis über dem Zwei- bis Dreifachen vergleichbarer Projekte gelegen haben soll, wie das US-Magazin „New Yorker“ 2017 aufdeckte. Sie profitierten von den Bauprojekten für die Olympischen Winterspiele in Sotschi 2014 im Volumen von 5,9 Milliarden Euro – das entsprach den gesamten Kosten der Olympischen Winterspiele von Vancouver vier Jahre davor.

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Der Auftrag für den Bau der Brücke zwischen dem russischen Festland und der annektierten Halbinsel Krim mit Kosten in Höhe von mehr als 3 Milliarden Euro ging ebenfalls an die SGM Group der Rotenbergs, wobei der Gewinn bei diesem Projekt wohl gering war. Kein anderes Unternehmen wollte den undankbaren Auftrag annehmen, doch da die Brücke ein Prestigeprojekt Putins war, musste Rotenberg dem Präsidenten in dem Fall einfach beispringen, obwohl sein Unternehmen noch nie eine Brücke mit einer Länge von 19 Kilometer gebaut hatte.

Doch darben mussten die Rotenberg-Brüder deswegen sicher nicht – die hohen Umsätze, die ihnen der Staat in vielen Jahren verschafft hatte, befähigten sie dazu, ihr Geschäft in andere Wirtschaftsbereiche wie das Verlags- und Finanzwesen zu diversifizieren.

Auf den Sanktionslisten der USA und der Europäischen Union

Auf die Frage des Nachrichtenkanals Mash, warum er sich nicht früher dazu bekannt habe, Eigentümer des Anwesens in Gelendschik zu sein, sprach Arkadi Rotenberg von „einem menschlichen Faktor“: „Es gibt diesen Skandal“, sagte er in Hinblick auf den Wirbel, den Nawalnys Video mit mehr als 100 Millionen Abrufen ausgelöst hatte, „... und gegen mich sind bereits Sanktionen verhängt worden.“

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Rotenberg kam damit auf einen Punkt zu sprechen, der ihn offensichtlich persönlich umtreibt: Wegen der Krim-Krise und des folgenden Konflikts in der Ostukraine wurde er auf die Sanktionslisten der USA und der Europäischen Union gesetzt, was seine bisherige Rolle als Verbindungsmann zwischen russischem und ausländischem Geldadel beeinträchtigt: 2014 beschlagnahmten die italienischen Behörden verfügbare Teile seines Immobilienbesitzes im Stiefelstaat.

Dazu gehörten das Berg Luxury Hotel in Rom, eine Wohnung in Cagliari, Villen in Villasimius, Tarquina und Arzachena. In Zypern wurde sein Unternehmen Olpon Investment Limited von den Behörden in Beschlag genommen. Wie die russische Wirtschaftszeitung RBK ausrechnete, wurde damals Besitz Rotenbergs in Höhe von insgesamt 30 Millionen Euro konfisziert.

Rotenbergs Aussage bestätigt Nawalnys Recherchen über die Strohmänner des Präsidenten eher, als dass sie ihr widerspricht.

Andrej Kolesnikow

Politologe beim Moskauer Büro der Carnegie-Stiftung

Das bedeutet nicht, dass Rotenberg nicht noch immer sein Geld ins Ausland verlagert. Wie aus den „Panama Papers“ hervorgeht, die die „Süddeutsche Zeitung“ 2016 offenlegte, soll die Offshore-Firma Sunbarn, die auf den britischen Jungferninseln registriert ist, von Rotenberg indirekt Kredite von 194 Millionen Euro erhalten haben, für die weder eine Sicherheit vorlag noch irgendwelche Belege für Rückzahlungen.

Geldwäsche-Verdachtsmeldungen der US-Bundesbehörde FinCEN belegen, dass Rotenberg bis 2016 Geld über eine Firma namens Advantage Alliance gewaschen hat, die ein Konto bei der britischen Barclays-Bank unterhielt. Trotz der Sanktionen kaufte Rotenberg über Advantage Alliance den FinCEN-Unterlagen zufolge etwa das Gemälde „La Poitrine“ des belgischen Surrealisten René Magritte für 6,4 Millionen Euro. Es liegen zahlreiche weitere Recherchen über Offshore-Aktivitäten der Rotenbergs vor.

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Welchen Wert hat es für Putin, wenn ein derart dubioser Geschäftsmann nun in die Öffentlichkeit tritt, um ihm in der Diskussion über seinen angeblichen Palast den Rücken freizuhalten? „Rotenbergs Aussage“, sagt der Politologe Andrej Kolesnikow vom Moskauer Büro der Carnegie-Stiftung, „bestätigt Nawalnys Recherchen über die Strohmänner des Präsidenten eher, als dass sie ihr widerspricht.”

Wenn jemand vielen Gönnern vertrauen kann, dann ist das Wladimir Putin.

Grigorii Golosov

Politologe an der Europäischen Universität Sankt Petersburg

Grigorii Golosov aus Sankt Petersburg teilt die Ansicht des Kollegen – aber nur in Bezug auf Nawalnys Anhänger und politisch Interessierte, die sich mit den Zuständen auskennen: „Diese Leute haben verstanden“, sagt er, „dass sich in Russland eine sehr spezielle Form der Marktwirtschaft herausgebildet hat, in der das kapitalistische Konzept des Eigentums für die Elite nicht gilt.“

Offiziellen Unterlagen zufolge sei Putin arm wie eine Kirchenmaus. Aber wenn er den Palast in Gelendschik nach Belieben nutzen könne, dann sei er de facto der Eigentümer des Prachtbaus. „Das ist ein Eigentumskonzept”“, erklärt Golosov, „das für die Herrschenden früher schon im Orient so gegolten hat. Im Osmanischen Reich waren die Sultane auf dem Papier besitzlos, doch in der Realität hatten sie alle Eigentumsrechte.“

Bei all denjenigen, für die die marktwirtschaftliche Auffassung vom Eigentum mit all ihren Rechten und Pflichten gelte, könne Rotenberg mit seiner Aussage aber durchaus Glaubwürdigkeit erlangen: „Das gilt für die russische Mittelschicht“, sagt Golosov, „aber auch für die Menschen im Westen. Wer in unserer heutigen Welt keinen Sponsor hat, der braucht Eigentum“, diesen Imperativ hätten viele Menschen verinnerlicht. „Aber wenn jemand vielen Gönnern vertrauen kann, dann ist das Wladimir Putin.“

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