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„Arche“-Gründer Bernd Siggelkow klagt: „Der Staat hat völlig versagt“

  • Die Spätfolgen der Corona-Zeit bei Kindern und Jugendlichen seien „eine Katastrophe“, sagt der streitbare Pastor Bernd Siggelkow.
  • Übergewicht, Trägheit und Konzentrationsschwächen nehmen überhand.
  • In der Pandemie sei viel zu wenig Rücksicht auf die Belange der Jüngsten genommen worden, sagt er.
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Berlin. Am Tag vor den großen Ferien herrscht aufgeregtes Gewusel in der „Arche“ in Berlin-Hellersdorf. Bald geht die Fahrt an die Ostsee los: getestet nach Grömitz. Ein paar Tage Abschalten, ein paar Tage Normalität für die Kinder und Jugendlichen aus den Plattenbauten am östlichen Stadtrand Berlins. Der Alltag wird dann wieder hart genug.

Pastor Bernd Siggelkow gründete das christliche Kinder- und Jugendhilfswerk „Arche“ vor mehr als einem Vierteljahrhundert. Er ist mit seinen dramatischen Schilderungen aus dem Alltag in sozialen Brennpunkten als Warner und Mahner bekannt.

So verzweifelt wie jetzt aber klang er noch nie. „Es ist eine Katastrophe“, sagt Siggelkow. „Der Staat hat in der Corona-Pandemie komplett versagt. Und Deutschland wird in jeder ähnlichen Lage wieder versagen, weil wir uns nur um die Pandemie gekümmert haben und nicht darum, wie das Leben weiter gehen soll.“

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Die Arche hat in den 16 Monaten unter Corona-Bedingungen getan, was möglich war. Geöffnet, so bald es wieder ging, in den Lockdowns Kontakt zu den Familien gehalten auf allen möglichen Wegen.

Siggelkow und seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sehen die Verwahrlosungen und Veränderungen: „Zu uns kommen Kinder, die 20 Kilo zugenommen haben, die unglaublich träge geworden sind. Kinder, die viel schneller unkonzentriert sind, viel schneller gewaltbereit. Die rasten viel schneller aus früher aus. Wir haben hier Kinder, die seit März 2020 keinen einzigen Tag in die Schule gegangen sind. Wie sollen die wieder dem Unterricht folgen können?“

„Corona war die härteste Zeit“. Lisa Kugler und Katharina Kaiser in der Arche Berlin-Hellersdorf © Quelle: Jan Sternberg/RND
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Die Ferien werden ein Stück Auszeit, ein Stück Normalität bedeuten. Aber wie geht es dann weiter – mit regulärem Unterricht oder doch wieder in Distanz- und Wechselmodellen? „Ich kann mir nicht vorstellen, dass es dann wieder ganz normal läuft“, meint Siggelkow. Allzu viele Kinder und Jugendliche hätten jegliche Struktur verloren, hätten Defizite aufgebaut, die nur schwer wieder aufzuholen sind.

Er berichtet von Familien, in denen weder Kinder noch Eltern wussten, welcher Wochentag ist – weil die Tage strukturlos verschwimmen. Alles wird schwerfällig, der Neustart gelingt nur äußerst langsam.“

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„Man hätte viel früher Präsenzunterricht ermöglichen müssen, viel früher mit dem Testen anfangen, viel mehr Energie darauf verwenden müssen, die Schulen offen zu halten“, klagt Siggelkow weiter. Kindheit am Rande der Verzweiflung – Die fatalen Folgen von Lockdown und Isolation“ heißt eine Streitschrift, die er zum Thema geschrieben hat, sie erscheint Ende August.

Draußen auf dem Hof sitzt die 18-jährige Lisa Kugler. Sie kommt in die „Arche“, seit sie zehn Jahre alt ist, zurzeit macht sie ein Praktikum im Kinderbereich. Nächstes Jahr will sie das Abitur ablegen. „Corona wird uns immer in Erinnerung bleiben. Das war die härteste Zeit“, sagt Lisa knapp. „Die ‚Arche‘ hat mir echt Halt gegeben.“

Nun hofft auch sie auf einen Sommer der Normalität. Und ist zugleich skeptisch, was den Winter angeht. „Wenn dann die Zahlen wieder hochgehen… ich hoffe nur, dass der Präsenzunterricht bleibt.“

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