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Arbeitskräftemangel: Das Chaos in Großbritannien schadet Boris Johnson kaum

  • In Großbritannien fehlen weiterhin systemrelevante Arbeitskräfte.
  • Am Montag rückte die Armee an, um Benzin zu Tankstellen zu bringen.
  • Boris Johnson präsentiert die Krise beim Parteitag in Manchester dennoch als Chance.
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London. Es ist ein wolkenverhangener Morgen in Manchester, als sich Premierminister Boris Johnson zum Auftakt des Parteitags der Konservativen in einer BBC-Talkshow als starker Macher präsentieren will. Doch der Versuch scheitert, zumindest während des Interviews. Der Moderator konfrontiert ihn damit, dass wegen des Mangels an Arbeitern bald 120.000 Schweine auf den Höfen getötet werden müssen, statt im Schlachthaus zu landen: „Haben Sie schon einen Plan, wie sie damit umgehen wollen?“, will er von dem Premier wissen. „Warten wir mal ab“, wiegelt dieser ab.

Abwarten, das macht die britische Regierung nun schon seit einer ganzen Weile. Und das, obwohl diese schon seit Monaten von der drohenden Krise durch den Mangel an Arbeitskräften auf der Insel infolge des Brexit gewusst haben muss. „Die Regierung kannte die Probleme, die auf sie zukommen werden. Experten und Berater haben schließlich immer wieder darauf hingewiesen“, sagt Christopher Desira, Anwalt und Experte für Einwanderungsrecht aus London. „Doch sie haben womöglich einfach gehofft, dass es nicht so schlimm wird wie befürchtet.“

Mangel an Arbeitern führt zu Problemen

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Für den Fall, dass dies tatsächlich die stille Hoffnung war, hat sie sich nicht erfüllt. Denn der Mangel an Arbeitern führt nun schon seit Wochen zu Problemen in der Lebensmittelbranche, der Landwirtschaft sowie der Fleischindustrie. Aufgrund des Mangels an Lkw-Fahrern dauert auch die Benzinkrise im Land weiter an. Am Montag sind 100 Wagen und Fahrer der britischen Armee im Einsatz, um das gefragte Gut an die Zapfsäulen im Land zu bringen. Beobachter sprechen davon, dass sich das Land in der schwersten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg befindet.

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Wer denkt, dass sich all dies negativ auf die Popularität von Boris Johnson auswirken müsste, der täuscht. Am Sonntag sahen die letzten Umfragen einen klaren Vorsprung der Tories vor der Opposition von Labour. 39 Prozent der Briten sprechen sich nach wie vor für den 57-Jährigen und seine Partei aus. Der Schaden hält sich also offenbar in Grenzen.

Johnson: Problem ist nicht neu

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Ein wesentlicher Grund dafür ist, dass die Tories schlicht leugnen, dass die Probleme im Königreich überhaupt etwas mit dem Brexit zu tun haben. So sagte Boris Johnson: „In Europa gibt es ja auch zu wenig Lkw-Fahrer. Das Problem ist also nicht neu. Es existiert seit Jahren.“ Überdies wird die Opposition dafür verantwortlich gemacht, dass die Tories angesichts der Krise weiterhin recht gut dastehen. Denn selbst sie machen den Brexit nicht als Ursache für die aktuelle Krise auf der Insel aus.

Zuletzt sorgte eine Aussage von Labour-Vorsitzende Keir Starmer im Rahmen der jährlichen Konferenz in Brighton für Aufwind für die Tories. Dieser forderte, dass 100.000 Migranten ins Land gelassen werden sollen, um als Lastwagenfahrer zu arbeiten. Die Konservativen griffen den Vorschlag auf und behaupteten, dass die Labour-Partei dafür stehe, Jobs an Einwanderer auszulagern, wohingegen die Tories dafür sorgen würden, diese für Briten attraktiver zu machen.

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Britische Armee startet Einsatz im Kampf gegen Benzin-Krise
1:39 min
Finanzminister Rishi Sunak bemühte sich, die aufgeheizte Stimmung zu beruhigen. Der Einsatz der Armee sei eine reine Vorsichtsmaßnahme, sagte er am Montag.  © Reuters

Johnson sagte am Montag: „Als die Wähler für den Brexit gestimmt haben, haben sie sich gegen niedrige Löhne entschieden und auch dagegen, dass wir auf Arbeitskräfte aus dem Ausland angewiesen sind.“ Und: „Was wir jetzt brauchen, ist eine bessere Bezahlung für die Menschen.“

Auch Finanzminister Rishi Sunak betonte während seiner Rede beim Parteitag in Manchester die Bedeutung von Arbeit für die Menschen auf der Insel. Auf dem Podium stehend sagte er: „Ich glaube, dass der einzige nachhaltige Weg aus der Armut ein guter Job ist. Es geht dabei nicht nur um die Pfund in der Tasche, sondern um Selbstwert und Selbstvertrauen.“ Sein Ansatz fasste er so zusammen: „Gute Arbeit, bessere Fähigkeiten und höhere Löhne.“

Der Finanzminister spricht damit eine Gruppe von Wähler an, die für den Brexit gestimmt haben: Menschen in Regionen des Landes mit hoher Arbeitslosigkeit. Was sowohl Johnson als auch Sunak unerwähnt lassen, ist, dass Lohnerhöhungen auch deutlich höhere Kosten für die Unternehmen bedeuten.

Die Folge: Die Preise für Lebensmittel und Waren würden noch weiter in die Höhe gehen – und das trifft dann wieder diejenigen, die ohnehin nicht viel besitzen.

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