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Hofreiters Häuserkampf: Stockfehler im Superwahljahr

  • Natürlich hat Anton Hofreiter sachlich und fachlich einige Argumente auf seiner Seite.
  • Aber weiß der Grünen-Fraktionschef auch emotional, was er da gerade tut?
  • Mit genereller Kritik an Einfamilienhäusern schießen sich die Grünen im Wahljahr 2021 selbst ins Knie. Ein Kommentar von Matthias Koch.
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Die Grünen sind nach Umfragen die zweitstärkste Kraft in Deutschland, mit 20 Prozent oder mehr. Fragt man in der Partei nach den Gründen für diese neue Stabilität auf hohem Niveau, deuten viele zufrieden auf die beiden Parteivorsitzenden: „Die Annalena“ und „der Robert“ machten das sehr gut.

Aber es gibt auch noch den „Toni“.

Anton Hofreiter, Fraktionschef der Grünen im Bundestag, promovierter Biologe, ist eigentlich ein kluger Kopf. Zum Klimawandel hat er alle wichtigen Kurvendiagramme im Kopf, zur Agrarwende kann er abendfüllende Vorträge halten. Niemandem wäre es jemals eingefallen, etwas an seiner Doktorarbeit zu kritteln. Das 193-Seiten-Werk aus dem Jahr 2003 trägt den Titel „Die infragenerische Gliederung der Gattung Bomarea Mirb. und die Revision der Untergattungen Sphaerine (Herb.) Baker und Wichuraea (M. Roemer) Baker (Alstroemeriaceae)“.

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Hofreiters Problem lag nie im Sachlichen und Fachlichen, da ist er fit. Doch vor lauter Sachlichkeit und Fachlichkeit kann es vorkommen, dass er sich selbst ein Stück weit in die Ecke redet – und sich dann missverstanden fühlt. So etwas ist ihm jetzt passiert.

„Wo was steht, entscheidet nicht der Einzelne“

Auf Nachfragen vom „Spiegel“, ob er generell etwas gegen Einfamilienhäuser habe, antwortet Hofreiter, er könne und wolle sie nicht verbieten – um dann aber eine sehr generelle Kritik folgen zu lassen: „Einparteienhäuser verbrauchen viel Fläche, viele Baustoffe, viel Energie, sie sorgen für Zersiedelung und damit auch für noch mehr Verkehr.“

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Ausdrücklich stärkt Hofreiter dem grünen Bezirksamtsleiter in Hamburg-Nord, Michael Werner-Boelz, den Rücken. Der hatte jüngst grundsätzlich den Daumen gesenkt für alle Anträge, noch Einfamilienhäuser zu bauen in seinem Zuständigkeitsbereich. Betroffen sind auch Stadtteile wie Langenhorn; dort wohnten einst Helmut und Loki Schmidt, am Neubergerweg 80, an eine Reihenhaussiedlung angrenzend, in einem Backsteinhaus mit 140 Quadratmetern.

So etwas soll nun nicht mehr möglich sein, jedenfalls nicht als Neubau in Hamburgs Norden.

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So etwas zu bauen soll nicht mehr möglich sein in Hamburg-Langenhorn: das Privathaus von Helmut und Loki Schmidt. © Quelle: Ulf-Kersten Neelsen

Der Bezirksamtsleiter von den Grünen sagt: „Wir müssen höher bauen, um mehr Menschen unterzukriegen.“ Und der Grünen-Fraktionschef im Bundestag stellt sich hinter ihn: „Natürlich wollen die Grünen nicht die eigenen vier Wände verbieten. Die können übrigens sehr verschieden aussehen: Einfamilienhaus, Reihenhaus, Mehrfamilienhaus, Mietshaus. Wo was steht, entscheidet allerdings nicht der Einzelne, sondern die Kommune vor Ort.“

Definieren die Grünen eine neue Ethik des Wohnens?

Nach einer Phase des Dämmens geht es den Grünen jetzt ums Eindämmen der Einfamilienhäuser: politisch, juristisch, planerisch.

Eine Überraschung ist das alles nicht. Schon in einem Parteitagsbeschluss zur Bauwende, 2019 in Bielefeld verabschiedet, hieß es: „Einfamilienhäuser verbrauchen besonders viele Ressourcen, da im Vergleich zum Mehrfamilienhaus der Außenhautanteil sehr groß ist, zudem verschleißen sie extrem viel Bauland und Infrastruktur.“

Physikalisch will da niemand widersprechen. Was aber folgt daraus politisch? Wollen die Grünen jetzt eine neue Ethik des Wohnens definieren, wonach das Leben im Einfamilienhaus so verwerflich und gedankenlos ist wie der Flug nach Mallorca?

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Klar: Im Verdichten und Verzichten läge hier wie dort die ökologisch beste Lösung. Der satirische Konter allerdings liegt ebenfalls auf der Hand: Wir waren schon mal weiter, in der DDR. Da lebten die Leute energieeffizient im Plattenbau, mit wenig Außenhautanteil, und kamen im Urlaub oft nicht weiter als an den nächsten Baggersee.

Wenig Außenhautanteil: Wohnungen in Halle-Neustadt.

Im Ernst: Spüren die Grünen nicht selbst die mitunter beklemmend freiheitsfeindliche Wirkung der Botschaften, die sie da aussenden?

„Wir wollen anders bauen“, heißt es im Bauwendepapier der Grünen, „ressourcenschonend und lebensfreundlich.“ Und dann kommt eine Passage, die unfreiwillig komisch klingt, wenn man sie in einem persiflierten Honecker-Tonfall vorliest: „Die Mitglieder einer freien, demokratischen Gesellschaft brauchen Wohn- und Arbeitsräume, die durch städtebauliche und bauliche Qualität Wertschätzung, Gleichheit und positive Gestaltungskraft ausdrücken.“

Enger zusammenrücken in Zeiten der Pandemie?

Wie wollen die Grünen umgehen mit jemandem, der das alles für Blabla hält? Der lieber ein eigenes Haus hätte, und sei es noch so klein, irgendwo im Grünen, nur für sich und seine Familie, mit einem Garten, einer Schaukel und einer Möglichkeit zu grillen, ohne jemanden fragen zu müssen? Passt ein solcher Mensch nicht mehr in die gute neue Ordnung des Doktor Hofreiter?

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Und was übrigens ist mit dem Trend zum Homeoffice – der ja erst nach dem Bielefelder Parteitag kam? Ist das engere Zusammenrücken in der Stadt noch ein kluges Konzept in Zeiten der Pandemie? Hat nicht die gesunkene Zahl von Pendlern soeben zumindest die verkehrspolitische Problematik des Einfamilienhauses abgemildert? Und lässt nicht, wenn man ehrlich ist, der Trend zum Homeoffice den Bedarf an Raum, an Licht und Luft auf eigenem Terrain wieder wachsen? Shanghai für alle jedenfalls könnte sich als missverstandene Modernität entpuppen.

Es geht nicht nur ums objektive Messbare: Pläne für ein Einfamilienhaus. © Quelle: imago images/McPHOTO

Die Grünen müssten eigentlich wissen, dass sie besser aufpassen müssen auf ihre derzeit 20 Prozent in den Umfragen. In diesem Jahr gibt es neben der Bundestagswahl noch sechs Landtagswahlen, beginnend übrigens Mitte März in Baden-Württemberg, wo der Satz „Schaffe, schaffe, Häusle baue“ zur landsmannschaftlichen Identität gehört.

Der völlig verkannte emotionale Aspekt

Den Bau von Einfamilienhäusern erschweren zu wollen ist ein Stockfehler im Superwahljahr. Haben die Grünen schon vergessen, wie sie im Jahr 2013 mit ihren Veggie-Day-Beschlüssen die Wechselwähler vergrault haben? Am Ende zogen sie mit nur 8,4 Prozent in den Bundestag ein. Im Jahr 1998 drückten sie mit Rufen nach massiven Benzinpreiserhöhungen ihr Wahlergebnis auf 6,7 Prozent.

Heute wie in früheren Zeiten müssen die Grünen sich darauf einstellen, dass die politischen Konkurrenten nicht schlafen. In der Debatte um Einfamilienhäuser wird man die Grünen fragen, wo einst ihr Sandkasten stand und ob sie nicht heute auch selbst im Grünen wohnen.

Bei Hofreiter übrigens, 1970 als Kind einer Arbeiterfamilie geboren, muss niemand lange forschen. Seine Eltern hatten ein Haus im kleinen Dorf Sauerlach südlich von München. Ein Kapitel über seine Kindheit und Jugend überschreibt Hofreiter auf seiner eigenen Webseite mit den Worten „Im Garten meiner Eltern“.

Genau hier liegt der völlig verkannte emotionale Aspekt. Die 15,9 Millionen Einfamilienhäuser in Deutschland künden nicht von den kühlen Analysen ihrer Bewohner. Sie sind Ausdruck eines Traums, den sie verwirklichen wollten: für sich und nicht zuletzt auch für ihre Kinder.

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