Antisemitismus in allen Facetten bekämpfen

  • Eine Bundesrepublik ohne weit verbreiteten Antisemitismus hat es nie gegeben.
  • Doch bis heute herrschen Diskussionsbedarf und einige Unkenntnis darüber, wo Antisemitismus eigentlich beginnt.
  • Wer Judenfeindschaft bekämpfen will, muss gegen all ihre Facetten vorgehen, kommentiert RND-Reporter Felix Huesmann.
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Antisemitismus ist deutscher Alltag. Dieser bittere Befund ist nicht neu. Er galt längst vor der jüngsten Welle juden­feind­lichen Hasses, die im Zusammenhang mit dem eskalierenden Konflikt im Nahen Osten steht. Er galt lange vor dem rechtsextremen und antisemitischen Anschlag von Halle und auch bevor in den vergangenen Jahren muslimisch geprägter Antisemitismus in Deutschland in bedrohlicher Weise zugenommen hat.

Eine Bundesrepublik ohne weit verbreiteten Antisemitismus hat es nie gegeben – für die DDR galt im Übrigen das Gleiche. Und doch herrschen bis heute Diskussionsbedarf und einige Unkenntnis darüber, wo Antisemitismus eigentlich beginnt.

Die Internationale Allianz zum Holocaustgedenken (IHRA) hat 2016 eine Arbeitsdefinition vorgelegt, die heute zu Recht von zahlreichen Institutionen und Staaten anerkannt wird. Darin heißt es:

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Antisemitismus ist eine bestimmte Wahrnehmung von Jüdinnen und Juden, die sich als Hass gegenüber Jüdinnen und Juden ausdrücken kann. Der Antisemitismus richtet sich in Wort oder Tat gegen jüdische oder nichtjüdische Einzel­personen und/oder deren Eigentum sowie gegen jüdische Gemeindeinstitutionen oder religiöse Einrichtungen.

Arbeitsdefinition Antisemitismus der IHRA

Diese Definition macht kenntlich, wie facettenreich Antisemitismus ist. Wenn er ganz offen und hetzerisch daherkommt, dann gibt es einen breiten gesellschaftlichen Konsens, der ihn verurteilt. Holocaustleugnung und offene Judenfeindschaft von Neonazis sind nur bei einer sehr kleinen Minderheit anschlussfähig. Stattdessen tritt Antisemitismus immer häufiger in einer verklausulierten Form auf. Eines ist er jedoch niemals: harmlos.

Antisemitismus ist niemals harmlos

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Wer in der politischen Auseinandersetzung mit antisemitischen Codes auch nur spielt, macht eben jene judenfeindlichen Ressentiments und Verschwörungsmythen salonfähig, die in ihrer extremsten Form auch rechtsextremen Terroristen als Tatmotiv dienten.

Und wer Israel dämonisiert, wer gar Jüdinnen und Juden in Deutschland für die israelische Politik in Haftung nimmt, der bereitet jenem antisemitischen Hass das Feld, der bereits seit Jahren tätliche Angriffe befeuert. Allein in den vergangenen Tagen häuften sich erneut Anfeindungen und Übergriffe – auch abseits israelfeindlicher Demonstrationen. Auf Twitter berichtete eine jüdische Studentin aus Berlin, wie ihr ein Mann beim Verlassen einer U-Bahn die Worte „Juden hier raus“ ins Gesicht sagte, nachdem er offenbar ihre Kette mit einem Davidstern gesehen hatte. Es ist nur einer von vielen Berichten dieser Art, die stets schockieren, aber nicht mehr überraschen.

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Der Kampf gegen Antisemitismus darf kein politisches Lager aussparen

Jeder Antisemitismus muss konsequent bekämpft werden. Wenn „Jude“ auf deutschen Schulhöfen als Schimpfwort benutzt wird. Wenn linke oder muslimische Gruppierungen unter dem Deckmantel der „Israel-Kritik“ gegen Jüdinnen und Juden hetzen, Israel mit den Nationalsozialisten vergleichen und zum Boykott des jüdischen Staates aufrufen. Und auch, wenn „Querdenker“ und rechte Verschwörungsideologen das altbekannte Bild der „jüdischen Weltverschwörung“ immer neu zeichnen.

Dabei ist nichts billiger als eine Antisemitismuskritik, die das eigene Lager ausspart und den Blick nur auf jene richtet, die man man ohnehin ablehnt.

Wer konservative Politiker wie den früheren Verfassungsschutzpräsidenten Hans-Georg Maaßen und rechtsradikale AfD-Abgeordnete für die Verwendung antisemitischer Codes kritisiert, aber zum israelbezogenen Antisemitismus schweigt, wenn er von Muslimen und Linken ausgeht, der verliert seine Glaubwürdigkeit.

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Und auch wer Antisemitismus nur dann kritisiert, wenn er muslimisch ist, und den Judenhass allein für ein „importiertes“ Problem der Migrationsgesellschaft hält, kann kein ehrlicher Kämpfer gegen Antisemitismus sein.

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