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Antisemitismus an Schulen: „Viele Lehrkräfte fühlen sich mit dem Problem alleingelassen“

  • Bildungsgewerkschaften berichten von einer Zunahme antisemitischer Vorfälle.
  • Laut Lehrerverbänden fehlt aber eine systematische Aufzeichnung.
  • „Die Politik hat lange weggeschaut.“
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Berlin. Bildungsgewerkschaften und Lehrerverbände schätzen Antisemitismus an Schulen als großes Problem ein, das durch mangelnde Aufklärung und kulturelle Konflikte noch verstärkt wird. „Der Antisemitismus an Schulen hat zugenommen. Er war zwar nie verschwunden, aber die Themen Holocaust und jüdisches Leben in Deutschland sind für die Jugend nicht mehr so präsent“, sagte die Schulbeauftragte der Gewerkschaft Erziehung und Wirtschaft, Ilka Hoffmann, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

Ton in Schulen rauer geworden

Früher hätten die Schülerinnen und Schüler noch häufiger mit Zeitzeugen sprechen können, heutzutage sei das Thema Holocaust bei der Schülerschaft verblasst. „Hinzu kommen die ethnischen und religiösen Konflikte, die die Schulen überfordern“, sagte Hoffmann, die viele Jahre als Lehrerin gearbeitet hat. „Auch durch die sozialen Medien ist der Ton in Schulen rauer geworden, viele leben in ihren Blasen und können ihre Vorurteile weiter pflegen, ohne dass die Schulen das mitbekommen.“

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Der Präsident des Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger, bezeichnet Schulen als Spiegel der Gesellschaft. „Daher ist Antisemitismus auch an Schulen ein Problem.“ Er sagte dem RND: „Es gibt ihn in unterschiedlichen Erscheinungsformen. So kommt es zu antisemitischen Vorfällen von Schülern aus der neonazistischen Szene und auch von Schülern mit Migrationshintergrund, die einen Bezug zum Nahen Osten haben.“

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Es muss auch die Aufgabe der Landesinstitute sein, für Antidiskriminierung in Schulen zu sensibilisieren.

GEW-Schulbeauftrage Ilka Hoffmann

Eine große Herausforderung ist Meidinger zufolge die fehlende Datenlage. „Es gibt keine repräsentativen Aufzeichnungen, die das Problem systematisch erfassen – die Politik hat lange weggeschaut. Wir benötigen eine systematische Erfassung der Vorfälle und eine anonymisierte Befragung der Lehrkräfte, um herauszufinden, wie groß das Problem ist.“

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Im April 2020 wurde von der Kulturwissenschaftlerin Julia Bernstein eine umfassende Studie über Antisemitismus an Schulen veröffentlicht, die auf mehr als 200 Interviews mit Lehrkräften, Schülerinnen und Schülern sowie Fachleuten basiert. Den Ergebnissen zufolge kommt es häufig zu antisemitischen Äußerungen, wenn der Nahostkonflikt im Unterricht besprochen werde. Außerdem seien Witze über den Holocaust und Sprüche über das Wort „Gas“ in Schulen gängig – auch von Jugendlichen ohne rechtsextreme Tendenzen. Man habe in den Interviews festgestellt, „dass Lehrkräfte gravierende Defizite im Umgang mit dem von den Schülerinnen und Schülern ausgehenden Antisemitismus aufweisen“, hieß es weiter.

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Lehrkräfte kommen an Konzepte nicht ran

Die Gewerkschafterin Hoffmann sagt: „Viele Lehrkräfte fühlen sich mit dem Problem des Antisemitismus alleingelassen.“ Es gebe sehr gute Vereine und Organisationen, die Beratung leisten. „Aber es muss auch die Aufgabe der Landesinstitute sein, für Antidiskriminierung in Schulen zu sensibilisieren.“ Daher fordert sie ein „behördliches, aber unbürokratisches und schnelles Hilfsangebot für die Bekämpfung von Antisemitismus an Schulen“.

Zwar gebe es gute Konzepte, aber für die Lehrkräfte sei es schwierig im zum Teil sehr harten Alltag an diese heranzukommen, fügte Hoffmann hinzu. „Wenn Antisemitismus auftaucht, muss direkt ein Interventionsprogramm greifen, das bekannt und bereits implementiert ist.“

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Auch Meidinger vom Deutschen Lehrerverband plädiert für eine bessere behördliche Unterstützung. „Lehrkräfte sollten Hilfestellungen und Unterstützung bekommen in Form von Ombudsstellen in den Ministerien, bei denen sie sich außerhalb des Dienstweges melden und nach Hilfe fragen können.“ Momentan würde zwar ein Umdenken stattfinden, aber es gebe noch viel zu wenig Hilfsangebote für die Schulen und Lehrkräfte.

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