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  • Antikörpertest von Roche könnte Wendezeit im Corona-Kampf einleiten

Wendezeit im Viruskampf: Der Antikörpertest ist der Schlüssel

  • Deutschland kann sich in dieser Woche an eine neue, mutigere Art des Kampfs gegen das Virus wagen – ohne Lockdown
  • Die Infiziertenzahl sinkt, die Ansteckungsrate auch, die Kliniken sind stärker aufgestellt und besser vernetzt.
  • Inzwischen gibt es sogar den seit Langem erhofften verlässlichen Antikörpertest, made in Germany.
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Ein kleiner Abstecher nach München, das ist doch mal etwas anderes, gerade in diesen seltsamen Zeiten. “Zum ersten Mal seit sehr, sehr langer Zeit habe ich heute mal wieder ein Flugreise gemacht”, erzählte gut gelaunt Christoph Franz, Chef des schweizerischen Pharmariesen Roche, am Montagmorgen nach seinem Eintreffen in Bayern. “Und ich habe den Eindruck, diese Reise lohnt sich ganz besonders.”

Franz war zu Gast am Roche-Standort Penzberg südlich von München. Dort, in einer Art High-Tech-Wissenschaftsdorf 15 Autominuten vom Starnberger See entfernt, haben Roche-Wissenschaftler einen Test entwickelt, der mit 99,8-prozentiger Zuverlässigkeit zeigt, ob jemand schon einmal mit dem neuartigen Coronavirus infiziert war.

Die Tests sind erprobt, die Zulassung liegt vor, die Produktion beginnt: Roche-Chef Christoph Franz am Montag in den Labors seines Konzerns im bayerischen Penzberg. © Quelle: Bernhard Huber/Roche Deutschland
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Zwar gibt es bereits weltweit eine Reihe von Antikörpertests. Keiner scheint aber so zuverlässig zu sein wie der von Roche.

Die Nachfrage ist gigantisch, rund um die Welt. Roche will sich jetzt mit der Produktion beeilen, bereits für die ersten Monaten sind Stückzahlen “im hohen zweistelligen Millionenbereich” geplant.

Die Entdeckung ist noch kein Sieg im Kampf gegen das Virus. Aber plötzlich wird damit die gesamte Virenabwehr übersichtlicher, alles wird handhabbarer.

“Was hier geschieht, hat Bedeutung für die ganze Welt”

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Wissenschaftler werden wegen des Antikörpertests künftig sehr viel präziser den Verlauf der Pandemie und das Ausmaß der Gefährdung erkennen können. Sollte sich außerdem die Annahme bestätigen, dass das Vorhandensein von Antikörpern im Blut in der Regel auch eine Immunität bewirkt, ergeben sich weitere neue Möglichkeiten im Kampf gegen das Virus. So könnten Kliniken bereits immunisiertes Personal in Richtung der Covid-19-Patienten dirigieren – und damit drohende Infektionsketten noch besser unterbrechen als bisher.

Für Roche-Chef Franz läuft vieles gerade ziemlich rund. Am Sonnabend hat er seinen 60. Geburtstag gefeiert. Am Sonntag, spät in der Nacht, gab die strenge US-Arzneimittelbehörde FDA in einem Eilverfahren den Roche-Test frei. Und am Montag wurde Roche in Bayern geradezu gefeiert.

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In Penzberg wartete schon ein prominentes Spalier. Markus Söder, der bayerische Ministerpräsident, wippte auf den Füßen vor und zurück, auch Jens Spahn, der Bundesgesundheitsminister, dazu zahlreiche Vertreter von Medien aus dem In- und Ausland.

“Was hier geschieht, hat Bedeutung für die ganze Welt”, freute sich Söder, als die Kameras liefen.

Merkels Motive mischen sich

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“Das hat was von Start-up-Mentalität”, lobte Spahn die Roche-Mitarbeiter in den Labors – die tatsächlich in unglaublicher Geschwindigkeit ihre Entwicklungen vorangetrieben hatten.

Spahn strahlte: “Wir spüren auf einmal, was alles in diesem Land steckt.”

“Wir spüren auf einmal, was alles in diesem Land steckt”: Jens Spahn, Bundesminister für Gesundheit, bei Roche im bayerischen Penzberg. © Quelle: Bernhard Huber/Roche Deutschland

Es war ein auffallend selbstbewusster Sound, den der Bundesgesundheitsminister am Montag anklingen ließ. Die neuen Töne deuten offenkundig auf tieferliegende Verschiebungen der Einschätzungen, die es derzeit auch im Kanzleramt gibt: Angela Merkel sieht offenbar die Zeit gekommen für eine neue Art der Auseinandersetzung mit dem Virus – jenseits des Lockdowns.

Gibt sie einfach nur dem Druck der Wirtschaft nach? Oder hat sie Angst vor der AfD?

Die Motive mischen sich. Zentral aber bleibt für Merkel ein Leitmotiv, das sie schon ganz zu Beginn der Debatten verkündet hat: Es müsse wissenschaftlich belegbare Neuerungen geben, bevor die Beschränkungen fallen.

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Genau das ist aber jetzt der Fall, pünktlich vor Merkels nächster Runde mit den Ministerpräsidenten am Mittwoch.

Vier Faktoren beflügeln die Wendestimmung

Vier objektiv veränderte Faktoren tragen zu einer Wendestimmung in Deutschlands Virenabwehrpolitik bei.

  1. Die Infiziertenzahlen machen den Regierenden inzwischen weniger Angst denn je. Zieht man von der aufaddierten Gesamtzahl aller Infizierten seit Beginn der Epidemie die inzwischen Genesenen ab, bleiben nur noch 23.000 aktiv Infizierte übrig – “damit können wir umgehen”, sagt Spahn. Zumal es dabei geblieben ist, dass für sechs von sieben Covid-19-Erkrankten eine ambulante Betreuung durch den Hausarzt ausreicht.
  2. Der Reproduktionsfaktor ist gesunken. Zu Beginn der Epidemie steckten zehn Infizierte mitunter bis zu 30 weitere an. Damals galt: R=3. Jetzt geben zehn Infizierte den Erreger nur noch an sieben weitere Personen weiter. R ist auf 0,7 gefallen. Damit zeichnet sich ein insgesamt wieder beherrschbar wirkendes Geschehen ab – selbst dann, wenn das Warten auf den erlösenden Impfstoff noch sehr lange dauern sollte.
  3. Kliniken und Gesundheitsbehörden in den Regionen sind inzwischen stärker aufgestellt und untereinander besser vernetzt als zuvor, die Kapazitäten der Intensivmedizin wurden hochgefahren. Reaktionsfähigkeit und Belastbarkeit des medizinischen Systems werden für den Fall des einen oder anderen regionalen neuen Ausbruchs inzwischen in Berlin deutlich besser eingeschätzt als noch im März. Damit wächst im Bund auch die Neigung, den Ministerpräsidenten die ein oder andere Unterschiedlichkeit zu gestatten und ihnen alles Gutes zu wünschen.
  4. Hinzu kommt seit gestern, medizinisch eine echte Zäsur, der verlässliche und bald massenhaft verfügbare Antikörpertest. Schon seit Monaten galt er als eines der Mosaiksteinchen im Bild der neuen Normalität nach einer Lockerung.

Per Test in die Zwei-Klassen-Gesellschaft?

Laut Roche-Chef Franz wird der Test den Leuten auch in emotionaler Hinsicht weiterhelfen: “Das ist für die betroffenen Menschen eine unglaublich beruhigende und Sicherheit erzeugende Information.” Sie könnten wieder zur Arbeit gehen, etwa im Gesundheitswesen.

Unausgelotet sind allerdings bislang die möglichen Risiken und Nebenwirkungen des Antikörpertests. Es beginnt mit der Frage, ob jeder, dessen ins Labor geschickte Blutprobe Antikörper gegen das neue Coronavirus enthält, auch wirklich dagegen immun ist.

Auch die Firma Roche legt sich da vorsichtshalber noch nicht fest. “Dazu ist das Virus einfach noch zu neu und zu unbekannt”, sagt Thomas Schinecker, Leiter der Diagnostics-Sparte. Allerdings sei es bislang immer so gewesen, dass die Antikörper auf eine Immunität hingewiesen hätten. Konzernchef Franz sprach am Montag beim Pressetermin in Bayern von einer “sehr hohen Wahrscheinlichkeit”.

Mediziner rund um den Globus werden jetzt die immunologischen Abläufe genauer studieren. Sollte der Zusammenhang zwischen Antikörpern und Immunität am Ende ebenso klar sein wie etwa bei einem Anfang der 2000er-Jahre entwickelten Sars-Test, wäre die gesamte Menschheit einen wichtigen Schritt weiter: Man könnte jene verlässlich identifizieren, die das Virus nicht mehr zu fürchten haben.

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Genau dies aber, warnen Kritiker, könnte in eine neuartige Zwei-Klassen-Gesellschaft führen: hier die Glücklichen, die alles hinter sich haben und auch ihrerseits niemanden mehr gefährden, dort die hohläugige Fraktion derer, die immer noch Schutz brauchen und auch andere anstecken könnten. Erste Überlegungen in Berlin, die in Richtung eines Immunitätsausweises gehen, wurden gebremst: Das Thema ist den Regierenden zu heikel.

Müssen Immunisierte Masken tragen?

Als Erstes solle jetzt der Deutsche Ethikrat befragt werden, heißt die offizielle Sprachregelung. Zudem müsse man noch abwarten, ob sich der Zusammenhang zwischen Antikörpern und Immunität wie erwartet belegen lässt.

Doch lange wird sich die Debatte nicht vertagen lassen. Nach und nach werden sich immer mehr juristische Fragen erheben, die der Rechtsstaat nicht einfach vom Tisch wischen kann. Wer will etwa einer Gruppe von nachweislich Immunisierten vorschreiben, dass sie Abstand halten und eine Maske tragen müssen? Gequält beugen sich Rechtsexperten schon über das Kleingedruckte möglicher neuer Regel- und Ausnahmesysteme.

Im großen, weltweiten Kampf gegen den Erreger allerdings ist der Antikörpertest eine gute Nachricht für die Menschheit. Nachdem das Virus die westlichen Gesellschaften in einem ersten Anlauf überrannt hat, steht es jetzt zur Halbzeit immerhin wieder unentschieden.

Vielleicht muss man überhaupt alles ein bisschen sportlicher sehen. Der französische Präsident Emmanuel Macron etwa schloss einen auch von Merkel und EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen unterschriebenen Aufruf zur weltweiten Zusammenarbeit mit den Worten: “Jetzt heißt es: Die Welt gegen Covid-19. Gemeinsam werden wir gewinnen.”

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