Antifa in USA: Wer ist der Staatsfeind Nr. 1?

  • Der US-Präsident sieht sie als Drahtzieher hinter den aktuellen Krawallen: die Antifa.
  • Nun will Donald Trump sie zur Terrororganisation erklären und sogar das Pentagon gegen sie vorgehen lassen.
  • Doch wer steckt in den USA wirklich hinter der Antifa-Bewegung?
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Berlin. Der amerikanische Präsident will die Proteste und Krawalle, die derzeit in allen US-Metropolen immer wieder ausbrechen, mit militärischer Gewalt und den Mitteln der Terrorabwehr niederschlagen. Den “Verantwortlichen” drohte Donald Trump in einer kurzen Rede vor dem Weißen Haus am Montagabend mit langen Haftstrafen – nur eine Gruppe nannte er dabei mehrfach namentlich: die Antifa.

Kurz zuvor hatte Trump per Twitter erklärt, er werde die Antifa zur Terrororganisation erklären. Künftig soll Generalstabschef Mark Milley, der ranghöchste Offizier im Verteidigungsministerium, mit Sondervollmachten gegen sie vorzugehen.

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Indizien für die Verantwortung “der” Antifa an den Ausschreitungen brachte Trump nicht vor, was dafür spräche, dass er den Namen als Synonym oder Sammelbezeichnung für die Gewalttätigen unter den Protestierenden verwendete – dann aber passt nicht dazu, sie als “Organisation” verfolgen zu wollen.

Ohnehin ist es in den USA rechtlich nicht möglich, einheimische Organisationen als Terrorgruppen zu verfolgen, da politische Aktivität von der Meinungsfreiheit gedeckt ist. Allerdings können politisch motivierte Straftaten härter bestraft werden.

Dezentrale Gruppen ohne Führung

Tatsächlich ist die Antifa-Bewegung in den USA organisiert wie in aller Welt: Sie besteht aus dezentralen Gruppen verschiedenster Größe, in denen sich Aktivisten verschiedenster Ausprägung und ohne feste “Mitgliedschaft” zusammentun.

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Es gibt Gruppen, die sich nur für bestimmte Aktionen bilden; andere arbeiten dauerhaft gegen alle Erscheinungsformen dessen, was sie für Faschismus oder dessen Wegbereiter halten – daher der Name: Antifa für “antifaschistisch”.

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Eine überregionale Führung gibt es auch in den USA nicht. Die verschiedenen Gruppen arbeiten gelegentlich lose zusammen, auch über Landesgrenzen hinweg, und mobilisieren etwa zu gemeinsamen (Gegen-) Demonstrationen, auch über große Distanzen.

Die US-Antifa sieht sich in der Tradition der aus Europa stammenden Bewegung, die sich zuerst in den 1930er Jahren in Italien und Deutschland den Schlägertruppen Mussolinis und Hitlers entgegenstellte und später gegen Neonazis und rechte Hooligans antrat – etwa nach der deutschen Wiedervereinigung.

Das in Europa entstandene Logo der Antifa - hier auf einer Fahne am Rande einer Demo von Gegnern der Corona-Maßnahmen in der Deutzer Werft in Köln - wird auch von der Bewegung in den USA verwendet. © Quelle: imago images/Future Image

Ihre Mitglieder sind traditionell Anarchisten und Kommunisten (für sie stehen die schwarze und die rote Flagge im Logo), inzwischen aber auch andere Linke. Sie wollen jede Aktivität von Rechtsextremisten und Rassisten stoppen: von Nazi-Propaganda über Demonstrationen bis zur Gewalt. Die Antifa vertraut dabei aber nicht auf staatliche Stellen und die Polizei – oder hält sie gar für den Gegner im Kampf gegen Rassisten und Faschisten. In der Polizeigewalt gegen Afroamerikaner fühlen sie sich nun erneut in dieser Sicht bestätigt.

Um gegen rechtsradikale Strukturen und Personen vorzugehen, nutzen die Antifa-Gruppen Störaktionen und Flugblätter, Online-Kampagnen und Recherche, mit der sie Verbindungen zwischen Nazis enttarnen wollen.

Gewaltbereite Gruppen

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Ein Teil der Bewegung hält auch Gewalt für legitim, wie der Forschungsdienst des US-Congress 2018 in einer Analyse festhielt. Auch laut der amerikanischen Anti-Diffamierungs-Liga, die sich gegen Antisemitismus einsetzt, gibt es in den USA Überschneidungen zwischen Antifa und militanten Linken (“Schwarzer Block”) – identisch seien beide aber nicht.

Angriffe durch Rechtsradikale in Charlottesville im Sommer 2017: Ein Fahrzeug fährt während einer rechtsgerichteten Demonstration in eine Gruppe von linken Gegendemonstranten.

Der breiten Öffentlichkeit in den USA ist der Name erst seit drei Jahren geläufig, als sich die Antifa den Rechtsradikalen und Neonazis in den Weg stellte, die im Sommer 2017 am Rande eines rechten Großaufmarschs in Charlottesville Gegendemonstranten angriffen.

Allerdings gibt es Antifa-Gruppen auch in Amerika schon länger. Laut dem US-Geschichtsprofessor Mark Bray aus New Jersey, der zu politischem Radikalismus forscht und unter anderem ein Handbuch über die Antifa verfasst hat, ging etwa das Anti-Racist-Action-Network (ARA) bereits in den 1980er Jahren gegen den Ku Klux Klan und Neonazi-Gruppen vor.

Die jeweiligen Gruppen bestehen laut Bray aber nicht dauerhaft. Die älteste durchgängig existierende Gruppe sei die “Rose City Antifa”, die sich in den 2000er Jahren in der linksliberalen Westküstenmetropole Portland gründete und bis heute aktiv sei.

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