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Anschlag von Halle: “Parallelen zu Christchurch und El Paso”

  • Anfang Oktober hatte Stephan B. bei einem Angriff auf die Synagoge von Halle zwei Passanten getötet.
  • Nun hat die Bundesregierung erstmals eine ausführliche Analyse zu der Tat vorgelegt.
  • Sie sieht Parallelen zu den Bluttaten von Christchurch und El Paso.
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Berlin. Zwei Monate nach dem Anschlag in Halle hat die Bundesregierung erstmals eine ausführliche Analyse vorgelegt. „Bei der Tatbegehung sind Parallelen zum Anschlag von Christchurch vom 15. März 2019 und dem Anschlag von El Paso vom 3. August 2019 auszumachen“, heißt es in einer Antwort des Bundesinnenministeriums auf eine Anfrage der Bundestagsfraktion der Grünen, die dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) vorliegt.

Die Bundesregierung sieht im Anschlag von Halle ein weiteres „Beispiel für eine globalisierte Form des Antisemitismus, des Rechtsterrorismus und eines digitalisierten internationalen Ideologietransfers angesehen werden“. Ein im Internet veröffentlichtes Dokument weise Parallelen zu den Schriften auf, die im Rahmen der Taten von El Paso und Christchurch veröffentlicht wurden. Weitere Parallelen gebe es in den Bereichen Fokussierung auf Waffen und deren detaillierte Beschreibung, in einem ausgeprägten Frauenhass sowie Anleihen an die Gaming-Szene.

Der mutmaßliche Täter hatte Anfang Oktober bei einem Angriff auf die Synagoge in Halle zwei Passanten getötet. Im neuseeländischen Christchurch waren zuvor in zwei Moscheen 51, im US-amerikanischen El Paso 24 Menschen in einem Supermarkt ums Leben gekommen. In beiden Fällen wurden weitere Opfer zum Teil schwer verletzt. Die Attentate wurden jeweils mit einer Kamera gefilmt und live übertragen.

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Täter von Halle gesteht rechtsextremistisches Motiv
0:55 min
Der Todesschütze von Halle hat die Tat gestanden und auch ein rechtsextremistisches, antisemitisches Motiv bestätigt.  © Jörg Köpke/dpa

Der Täter von Halle hatte im Internet sowohl Juden als auch die vermeintliche Massenmigration muslimischer Migranten als Übel bezeichnet und seine Angst vor einem „großen Austausch“ ausgedrückt. Dabei handelt es sich um eine Verschwörungstheorie, nach der die weiße Bevölkerungsmehrheit angeblich durch nicht-weiße oder muslimische Einwanderer ersetzt werden soll. Die Bundesregierung geht davon aus, dass diese Theorie sowohl in der neurechten Szene in Deutschland als auch in der amerikanischen Alt-Right-Bewegung verbreitet wird.

Nach Angaben des Bundesinnenministeriums ergeben sich aus den bisherigen Ermittlungen der Bundesanwaltschaft gegen den Beschuldigten Stephan B. keine Anhaltspunkte für Kontakte zu regionalen, überregionalen oder internationalen rechtsextremen Kreisen. Auch in rechtsextremen Chatgruppen habe B. nicht verkehrt. Allerdings habe er 2015 über das Internet eine Zahlung von 0,1 Bitcoins von einer bislang unbekannten Person erhalten. Dies entspricht einem Gegenwert von aktuell etwa 620 Euro.

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Angaben darüber, ob der Täter von Halle vor dem Anschlag Kontakte zu deutschen Sicherheitsbehörden hatte, machte das Bundesinnenministerium „aus Gründen des Staatswohls“ nicht. Kenntnisse über die bundesweite Situation des Schutzes von jüdischen Gemeinden und Einrichtungen liegen der Bundesregierung nicht vor. Sie führt auch keine Erhebungen darüber, wie viele Menschen mit antisemitischer Einstellung in Deutschland leben. „Über das antisemitische Personenpotenzial wird keine Statistik geführt“, heißt es in der Antwort von Innenstaatssekretär Günter Krings. Es gebe auch keine Zahlen über antisemitische Vorfälle in Bundesbehörden.

„Es gibt schon zu viele Attentäter, die ausschließlich als Einzeltäter betrachtet wurden.“

Grünen-Innenexpertin Irene Mihalic
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Die Grünen üben scharfe Kritik am Vorgehen der Bundesregierung. „Die Sicherheitsbehörden dürfen nicht Gefahr laufen, die Suche nach möglichen Kontakten zur rechtsextremen Szene frühzeitig ad acta zu legen. Die offensichtlichen Parallelen zu den Anschlägen in Christchurch und El Paso legen nahe, dass der Täter in der virtuellen Welt des Rechtsextremismus fest verankert war“, sagte Grünen-Innenexpertin Irene Mihalic dem RND. Die Bundesregierung könne nicht ausschließen, dass es Erkenntnisse von V-Personen aus dem Umfeld des Halle-Täters gibt, die wichtige Hinweise über mögliche Kontakte in die rechtsextreme Szene liefern könnten. „Es gibt schon zu viele Attentäter, die ausschließlich als Einzeltäter betrachtet wurden“, sagte Mihalic.

Grünen-Innenexperte Konstantin von Notz warf der Bundesregierung vor, es sowohl bei der Analyse als auch bei der Bekämpfung des Antisemitismus in Deutschland am nötigen Engagement fehlen zu lassen. Es gebe eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung dafür, jüdisches Leben in Deutschland und Europa zu schützen und eine klare Kante gegen gesellschaftliche Spaltung und Antisemitismus zu zeigen. „Dies bedeutet auch, vor der eigenen Haustür zu kehren und sich eine Faktenbasis zu schaffen. Dass die Bundesregierung keine Zahlen zum antisemitischen Personenpotenzial in Deutschland führt und antisemitische Vorfälle in Bundesbehörden nicht einmal systematisch erfasst, ist schlicht nicht nachvollziehbar“, sagte von Notz dem RND.

Der Grünen-Politiker warf der Bundesregierung Ahnungslosigkeit hinsichtlich der bundesweiten Situation des Schutzes von jüdischen Gemeinden und Einrichtungen vor. Der Verweis auf Länderzuständigkeiten sei „beschämend“. Von Notz forderte ein faktenbasiertes und entschlossenes Vorgehen im Bereich der Prävention sowie bei der konsequenten Ahndung antisemitischer Vorfälle und Straftaten.