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  • Anschlag in Österreich: Das Ende falscher Sicherheit nach der Terrornacht in Wien

Terror im „Bermudadreieck“: Das Ende von Österreichs Illusion der Sicherheit

  • Kurz vor dem Lockdown wegen der Corona-Pandemie sind viele Menschen in der Wiener Innenstadt unterwegs und genießen den Abend in Restaurants und Cafés.
  • Dann bricht der Terror los: Ein 20-jähriger Anhänger der Terrormiliz IS tötet vier Menschen und verletzt viele weitere.
  • Ganz Österreich steht unter Schock, denn solche Bilder des Schreckens kannte man bislang nur aus dem Ausland.
Adelheid Wölfl
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Wien. Nach der Terrornacht in der österreichischen Hauptstadt Wien kämpfen sieben schwer verletzte Personen ums Überleben, zehn weitere wurden leicht verletzt, vier Menschen – zwei Frauen und zwei Männer – erlagen ihren Schussverletzungen. Der Täter wurde um 20.09 Uhr vor der Ruprechtskirche, der ältesten Kirche der Stadt, von der Polizei erschossen. Er trug eine Sprengstoffattrappe, seine Mordwaffe war eine AK-47, die er sich auf illegalem Wege beschafft hatte.

Bei dem Terroristen handelt es sich um einen 20-jährigen Wiener, der erst im April 2019 zu 22 Monaten Haft verurteilt worden war, weil er versucht hatte, nach Syrien auszureisen, um sich dort der Terrororganisation IS anzuschließen. Am 5. Dezember wurde er vorzeitig entlassen, weil er unter das Jugendgerichtsgesetz fiel.

Der Täter hat sich offenbar weiter im Milieu der Terrororganisation bewegt. Auf Fotos in sozialen Medien zeigte er sich vor dem Anschlag mit einer Machete, einer Pistole und einem Sturmgewehr. Diese Waffen verwendete er auch für den Terrorakt. Der Mann hatte neben dem österreichischen auch den mazedonischen Pass, weil seine Eltern aus Südosteuropa nach Österreich eingewandert waren. Er selbst ist aber in Wien geboren und sozialisiert.

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RND-Videoschalte: „IS-Strukturen gab es auch hier immer“
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Der islamistische Terroranschlag von Wien hat Österreich und ganz Europa geschockt. Journalist Werner Reisinger schildert in der RND-Schalte seine Eindrücke.  © RND

Kurz: Werden unsere Grundwerte mit aller Kraft verteidigen

Viele Österreicher sind von der Tat auch deshalb so schockiert, weil sie völlig überraschend kam. Denn bisher blieb das Land vom islamistischen Terrorismus verschont. Die meisten Menschen hatten bislang das Gefühl, dass Anschläge, wie sie sich in Frankreich oder Deutschland ereigneten, auf ihrer „Insel der Seligen“ nicht passieren könnten. Insbesondere Wien gilt als sicher und ruhig – eine Stadt ohne nennenswerte Spannungen, in der soziale Probleme durch eine großzügige soziale Infrastruktur abgefedert werden.

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„Wir kennen Gewalt und Terror nur aus der Berichterstattung im Ausland“, sagte deshalb auch Bundeskanzler Sebastian Kurz am Dienstag. Man dürfe sich aber nicht von den Terroristen einschüchtern lassen, sagte er weiter und benannte den „Hass auf Demokratie und Hass auf unser Lebensmodell“ als die Motive des Terrors. „Unsere Grundwerte werden wir mit aller Kraft verteidigen“, kündigte Kurz an. Man dürfe keinesfalls zulassen, dass die Gesellschaft gespalten werde.

„Unser Feind sind der Extremismus und die Terroristen. Es ist keine Auseinandersetzung zwischen Christen und Muslimen, sondern ein Kampf zwischen Zivilisation und Barbarei.“ Das Attentat habe „unserer freien Gesellschaft gegolten“, meinte auch Bundespräsident Alexander van der Bellen und beendete seine Rede mit den Worten: „Es lebe die Freiheit, es lebe die Republik Österreich.“

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Terror in Wien: Vier Passanten tot – viele in Lebensgefahr
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Die Zahl der Opfer des Terroranschlags in Wien steigt. Die Polizei ist weiter mit einem Großaufgebot unterwegs. Es gab auch erste Festnahmen.  © dpa

Wohnung des Attentäters war in der Nacht durchsucht worden

Die Regierung beschloss eine dreitägige Staatstrauer. In einem Beschluss heißt es: „Die Republik Österreich war, ist und wird immer eine Nation der Vielfalt, des Dialoges und des Respektes füreinander sein, umso mehr haben die Ereignisse vom 2. November 2020 unser Land schwer erschüttert und betroffen gemacht.“ Am Mittag wurde in ganz Österreich eine „Minute des stillen Gedenkens“ eingehalten.

Die meisten Wiener folgten am Dienstag dem Ratschlag des Innenministers, zu Hause zu bleiben. Die Schulpflicht wurde aufgehoben. Alle jüdischen Einrichtungen blieben geschlossen, die öffentlichen Verkehrsmittel fuhren allerdings weiter. In der Innenstadt war allerdings kaum jemand unterwegs.

Am Dienstag wurde weiter nach möglichen Mittätern gefahndet – ob es diese gibt, ist bislang unklar. Die Wohnung des Attentäters in Simmering war bereits in der Nacht durchsucht worden. Auch das Umfeld des Täters wurde unter die Lupe genommen. Es fanden insgesamt 15 Hausdurchsuchungen, einige in St. Pölten, statt. Mehrere Personen wurden festgenommen. Mittels eines Zeit-Weg-Diagramms versucht die Polizei zu ermitteln, ob es für einen Täter überhaupt möglich gewesen wäre, in derart kurzer Zeit an sechs Tatorten aufzutauchen.

Viele Menschen waren am Abend in der Innenstadt unterwegs

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Am Montagabend, als der Terror begann, waren viele Wiener in der Innenstadt unterwegs. Kurz vor dem Lockdown genossen zahlreiche Menschen noch den lauen Herbstabend im ersten Gemeindebezirk. Die Restaurants waren gut besucht, und auch in der Staatsoper und im Burgtheater gab es noch Vorstellungen, bevor der Kulturbetrieb wegen der Pandemie pausieren muss.

Dann brach der Terror los. Im “Bermudadreieck” – so wird das Ausgehviertel oberhalb des Schwedenplatzes genannt – waren plötzlich krachende Geräusche zu hören. Passanten dachten, dass Jugendliche Feuerwerkskörper gezündet hätten. Doch dann brach eine Person an einer Hausmauer zusammen, vor einem Lokal lag eine andere in einer Blutlache. Die Polizei riegelte das Gebiet großräumig ab.

Die Gäste durften Restaurants und Bars nicht mehr verlassen, auch die Besucher im Burgtheater wurden „eingesperrt“. Viele wurden erst nach Mitternacht durch die Polizei evakuiert. 250 Beamte der Sondereinheiten Wega und Cobra durchstreiften jeden Winkel der Altstadt.

Wie kam der Attentäter an die Waffen?

Der Anschlag in der Seitenstettengasse trifft Österreich nicht nur wegen seiner NS-Vergangenheit und dem daraus resultierenden Bemühen der Zweiten Republik, jüdische Einrichtungen und Bürger besonders zu schützen. Vor 39 Jahren, im August 1981, erschossen zwei Palästinenser, die der Abu-Nidal-Organisation angehörten, auch vor genau jenem Gebäude zwei Menschen und verwundeten 30 Personen, die gerade an einer Bar-Mitzwa-Feier teilnahmen.

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Im jüngsten Verfassungsschutzbericht wurde der islamistische Terrorismus als die größte Bedrohung für die Sicherheit Österreichs angeführt. Geschildert wird in dem Report auch, dass man erfolgreich verhinderte, dass Österreicher – wie eben auch der Attentäter aus Wien – sich Terrororganisationen in Syrien und im Irak anschließen.

„Mit Jahresende 2018 waren 320 Personen aus Österreich bekannt, die in die Kriegsgebiete Syrien und Irak gereist sind oder dorthin reisen wollten, um zu kämpfen. 62 davon konnten an der Ausreise gehindert werden, 93 sind wieder nach Österreich zurückgekehrt und 58 wurden mit höchster Wahrscheinlichkeit getötet“, heißt es in dem Papier.

Unklar ist, weshalb sich der Attentäter trotz seiner Vorstrafe und der Gefahr, die offensichtlich von ihm ausging, Waffen beschaffen konnte. Der österreichische Verfassungsschutz unterstreicht jedenfalls, dass die aktuelle Bedrohung hauptsächlich „von radikalisierten Einzelaktivisten und potenziellen Nachahmungstätern“ ausgeht, „die durch die IS-Ideologie inspiriert und durch jihadistische Aufrufe in sozialen Medien motiviert wurden“.

Viele Solidaritätsbekundungen aus dem Ausland

Weil der Attentäter auch eine mazedonische Staatsbürgerschaft hatte, kooperieren die Behörden in Nordmazedonien nun mit dem österreichischen Innenministerium.

Aus dem Ausland kamen zahlreiche Solidaritätsbekundungen. Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte: „Wir Deutschen stehen in Anteilnahme und Solidarität an der Seite unserer österreichischen Freunde. Der Kampf gegen diese Mörder und ihre Anstifter ist unser gemeinsamer Kampf.“

Und der französische Präsident Emmanuel Macron twitterte: „Nach Frankreich ist es ein befreundeter Staat, der attackiert wird. Dies ist unser Europa. Unsere Feinde müssen wissen, mit wem sie es zu tun haben. Wir werden nicht nachgeben.“

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